Kein Schutzstatus S: Ukraine-Geflüchtete ghanaischer Herkunft müssen Schweiz verlassen

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Kein Schutzstatus SUkraine-Geflüchtete ghanaischer Herkunft müssen Schweiz verlassen

Ein Verein kritisiert, dass aus der Ukraine geflüchtete Menschen, die ursprünglich aus Afrika kommen, in der Schweiz diskriminiert werden. «Hätte ich gewusst, wie unerwünscht ich hier bin, wäre ich in der Ukraine im Krieg geblieben», sagt ein Betroffener.

von
Thomas Obrecht
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Magdaline lebte seit acht Jahren in der Ukraine. Verbindungen zu Ghana hat Sie nahezu keine – doch nun soll Sie dahin zurückkehren. 
Im Bild: Magdaline (26, links) mit einer Helferin von Society Moko

Magdaline lebte seit acht Jahren in der Ukraine. Verbindungen zu Ghana hat Sie nahezu keine – doch nun soll Sie dahin zurückkehren.
Im Bild: Magdaline (26, links) mit einer Helferin von Society Moko

Privat
Chris (35) lebte seit über zehn Jahren in der Ukraine. Einst ein Asylant hat er dort das Doktorstudium abgeschlossen und ist nun praktizierender Arzt. In der Schweiz wurde sein Antrag auf den Schutzstatus S abgelehnt, nun kehrt er in die Ukraine zurück.

Chris (35) lebte seit über zehn Jahren in der Ukraine. Einst ein Asylant hat er dort das Doktorstudium abgeschlossen und ist nun praktizierender Arzt. In der Schweiz wurde sein Antrag auf den Schutzstatus S abgelehnt, nun kehrt er in die Ukraine zurück.

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Laut Daniel Bach vom SEM sind allfällige Mängel am Schweizer System unbegründet. «Alle Personen, die Anspruch hätten, erhalten Schutz in der Schweiz.»

Laut Daniel Bach vom SEM sind allfällige Mängel am Schweizer System unbegründet. «Alle Personen, die Anspruch hätten, erhalten Schutz in der Schweiz.»

sem.admin.ch

Darum gehts

  • Personen aus Drittstaaten, die aus der Ukraine geflüchtet sind, erleben auf der Flucht offene Diskriminierung.

  • Auch in der Schweiz seien diese Personen ganz offiziell schlechter gestellt, sagt die Organisation society moko, die sich für diese Drittstaatler in der Schweiz einsetzt.

  • Zwei Betroffene erzählen von ihren Erlebnissen.

Seit Kriegsbeginn am 24. Februar sind rund 50’000 Personen aus der Ukraine in die Schweiz geflüchtet. Nicht alle von ihnen sind im Besitz eines ukrainischen Passes: Wie das Staatssekretariat für Migration (SEM) auf Anfrage mitteilt, hätten bisher 1071 Personen aus einem Drittstaat ein Gesuch für den Schutzstatus S gestellt. «In 931 Fällen wurde das Gesuch bewilligt», sagt SEM-Sprecher Daniel Bach.

Auch die Medizinstudentin Magdaline (26) und der Arzt Chris (36) haben einen solchen Antrag gestellt – vergebens. Sie stammen aus Ghana und lebten aufgrund des Studiums und der Arbeit legal in der Ukraine. Dass die Flüchtlinge nicht den gleichen Schutz erhalten wie Ukrainerinnen und Ukrainer kritisiert der Verein «Society Moko» scharf (siehe Interview unten).  Bei den Betroffenen selbst ist die Enttäuschung über den Negativentscheid für den Status S gross:

Magdaline (26): «Entweder kehre ich nach Ghana zurück oder in die Ukraine»

«Kurz nach Kriegsausbruch musste ich aus der ostukrainischen Stadt Kharkiv fliehen. Ich wollte unbedingt in die Schweiz, weil ich dachte, dass ich die Voraussetzungen für den Schutzstatus S erfülle. Nachdem ich in Bern angekommen war, musste ich mich für den Status S bewerben. Da ich aber total übermüdet und von der Flucht und vom Krieg traumatisiert war, konnte ich gewisse Fragen aber nicht beantworten. Nach dem Gespräch wurde ich in den Jura nach Prägelz gebracht, wo ich in einem ausgedienten Jugendgefängnis untergebracht wurde. Ich lebte fünf Wochen in einer Zelle, mit der Toilette in unmittelbarer Nähe vom Bett – ohne Trennwand.

Vor wenigen Tagen wurde mein Gesuch für den Schutzstatus S abgelehnt. Mir wurde mitgeteilt, dass ich innert 30 Tagen die Schweiz verlassen muss. Das heisst, entweder stelle ich einen Asylantrag oder ich kehre zurück in mein Heimatland Ghana oder ins Kriegsgebiet Ukraine. Ein Asylantrag komme jedoch nicht in Frage, da der Prozess sehr langwierig ist und es mir unmöglich macht, zu arbeiten. Zurück nach Ghana kommt für mich auch nicht in Frage, da ich seit acht Jahren in der Ukraine lebe, Medizin studiere und TV-Host bin. Bei einer Rückkehr nach Ghana würde ich alles verlieren, wofür ich gekämpft habe. Meine Zukunftschancen wären gleich Null. Hätte ich gewusst, was mich hier erwartet, wäre ich nie in die Schweiz gekommen.

Chris (35): «Wäre lieber im Krieg geblieben»

«Ich bin vor zehn Jahren aus Ghana in die Ukraine geflüchtet, weil mein Leben in meinem Heimatland in Gefahr war. Mein Asylantrag wurde hier angenommen, ich habe mir in Kiew eine ganze Existenz aufgebaut: Ich habe Medizin studiert und arbeite nun als Arzt. Als die russischen Truppen die Ukraine überfielen, entschied aber auch ich mich zur Flucht. Mit dem Auto machte ich mich auf den Weg nach Ungarn. Ich hörte von explodierenden Tankstellen, nur wenige Stunden, nachdem wir diese passiert hatten. Dass wir sicher an der Grenze ankamen, war reines Glück.

In die Schweiz zu kommen war ein bewusster Entscheid. Die Schweiz stand für mich immer für Neutralität und Menschenrechte. Doch in Bern angekommen, hat sich das Land mir ganz anders präsentiert. Auch ich wurde nach Prägelz JU gebracht, wo ich wochenlang auf den SEM-Entscheid warten musste.  Nach dem negativen Entscheid habe auch ich nun 30 Tage Zeit, die Schweiz zu verlassen. Zurück nach Ghana kann ich nicht, eine Rückkehr würde mein Leben gefährden. Der einzige Ort, der mir bleibt, ist die Ukraine. Ganz ehrlich: Hätte ich gewusst, wie unerwünscht ich in der Schweiz bin, wäre ich lieber im Krieg geblieben.

Stellungnahme vom SEM

SEM-Sprecher Daniel Bach sagt auf Anfrage, dass sehr sorgfältig abgeklärt werde, ob jemand gefahrlos in den Herkunftsstaat zurückkehren könne. Alle Personen, die Anspruch hätten, erhielten Schutz in der Schweiz. «Bei abgelehnten Gesuchen um Status S steht es den Betroffenen frei, ein Asylgesuch zu stellen.» Die Aussage, dass die Schweiz gewisse Migrantinnen und Migranten «wolle» und andere nicht, sei falsch. «Wer gemäss Asylgesetz Anspruch auf unseren Schutz hat, erhält ihn. Dies gilt für Asylsuchende und Geflüchtete aus allen Staaten gleichermassen.»

«Sie erhalten nicht den gleichen Schutz wie Flüchtlinge aus der Ukraine»

Society Moko ist eine ehrenamtliche Schweizer Organisation, die sich für Drittstaatangehörige aus der Ukraine in der Schweiz einsetzt. Samantha Helfer, Sprecherin der Society Moko, gibt Auskunft über ihre Tätigkeit. 

Society Moko ist eine ehrenamtliche Schweizer Organisation, die sich für Drittstaatangehörige aus der Ukraine in der Schweiz einsetzt. Samantha Helfer, Sprecherin der Society Moko, gibt Auskunft über ihre Tätigkeit. 

Privat

Was ist Society Moko?

Wir sind 90 ehrenamtliche Mitglieder, die sich für Drittstaatsangehörige aus der Ukraine einsetzen, die nicht den gleichen Schutz erhalten wie Flüchtlinge aus der Ukraine. Konkret helfen sie bei der psychologischen Betreuung, rechtlichen Problemen und generell im Alltag dieser Drittstaaten-Personen.

Welche Probleme sind das?

Sie bekommen weder den gleichen Schutz, noch die gleiche Behandlung wie die anderen aus der Ukraine Geflüchteten. Sie warten länger auf ihre Registrierung, finden schwerer eine gute Unterkunft und haben schlechtere Chancen, den Schutzstatus S zu erhalten. 

Wie steht die Schweiz im internationalen Vergleich da?

Sehr schlecht, wenn man bedenkt, dass die Schweiz selber einen Ausländeranteil von 25 Prozent hat. In Deutschland vergleichsweise haben bereits entsprechende Drittstaatsangehörige eine  Aufenthaltsberechtigung von einem Jahr, erhalten Deutschkurse und können sich einfacher in den Arbeitsalltag integrieren.

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