Arme werden verdrängt: Ukraine-Krieg verschärft Wohnungsnot in der Schweiz
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Arme werden verdrängtUkraine-Krieg verschärft Wohnungsnot in der Schweiz

Der Wohnungsmangel in der Schweiz ist schon gross und spitzt sich mit Flüchtenden aus der Ukraine noch zu. Als es zuletzt so wenige freie Wohnungen gab, kam es zu Demonstrationen.

von
Fabian Pöschl
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Wer auf Wohnungssuche ist, braucht viel Geduld und Nerven. Nur 1,3 Prozent der Wohnungen sind verfügbar.

Wer auf Wohnungssuche ist, braucht viel Geduld und Nerven. Nur 1,3 Prozent der Wohnungen sind verfügbar.

Tamedia AG/Reto Oeschger
In vielen Städten ist die Leerwohnungsquote aber unter 0,5 Prozent.

In vielen Städten ist die Leerwohnungsquote aber unter 0,5 Prozent.

Tamedia AG/Reto Oeschger
Leute mit tiefem Einkommen finden kaum noch etwas in den Städten und werden in die Agglo verdrängt.

Leute mit tiefem Einkommen finden kaum noch etwas in den Städten und werden in die Agglo verdrängt.

Tamedia AG/Reto Oeschger

Darum gehts

  • Der Wohnungsmarkt ist überhitzt, es gibt immer weniger freie Wohnungen.

  • In vielen Städten herrscht schon ein Mangel: Dort gibt es weniger als 0,5 Prozent freie Wohnungen.

  • Wenn die ukrainischen Flüchtlinge auch noch Wohnungen suchen, wird das Land es nicht bewältigen können.

In Schweizer Städten wird die Wohnungssuche immer schwieriger. Knapp 1,3 Prozent freie Wohnungen gibt es laut einer Immobilienstudie von Raiffeisen Schweiz noch. Das wäre zwar noch nicht schlimm, sagt Martin Neff, Chefökonom von Raiffeisen Schweiz, aber der Leerstand werde schon bald unter ein Prozent fallen.

Das Problem: Es wird zu wenig gebaut für die hohe Nachfrage. Denn immer mehr Schweizerinnen und Schweizer leben im Einpersonenhaushalt. Letztes Jahr gab es darum erstmals mehr neu gegründete Haushalte als neue Wohnungen.

«Auch künftig wird die Wohnungsproduktion bei weitem nicht mit der Nachfrage mithalten können», sagt Neff. In Städten wie Zürich, Basel und Genf herrsche schon Wohnungsnot mit weniger als 0,5 Prozent freien Wohnungen.

Wenig freie Wohnungen sorgten schon für Demos

Das birgt sozialpolitischen Zündstoff. Immer mehr Leute würden aus den Zentren in die Agglo und Peripherie gedrängt. Deshalb werde in Zukunft noch mehr gependelt werden. «Als es zuletzt in den 80er-Jahren so wenig freie Wohnungen gab, kam es zu Demonstrationen mit kaputten Schaufenstern», sagt Neff.

Weiter verschärft wird die Wohnungsnot durch den Ukraine-Krieg. Dank dem erstmals gewährten Schutzstatus S können ukrainische Flüchtende nämlich einer Arbeit nachgehen und eine Wohnung mieten. Dauert der Krieg an, könnten also umso mehr Personen eine Bleibe suchen.

So geht auch das Staatssekretariat für Migration davon aus, dass viele Ukrainerinnen und Ukrainer länger hier bleiben werden (siehe Box). «Doch wenn 10'000 bis 15'000 zusätzliche Wohnungen für Flüchtlinge gebraucht werden, werden wir das nicht bewältigen können», so Neff.

Geflüchtete bleiben länger hier

Das Staatssekretariat für Migration (SEM) hat am Donnerstag über die Flüchtlingssituation infolge des Ukraine-Kriegs informiert. Demnach würden viele Geflüchtete länger als fünf Jahre hier bleiben, sagte Gaby Szöllösy, Generalsekretärin, Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren SODK. Die Infrastruktur in der Ukraine müsse erst wieder aufgebaut werden. «Auf ein mögliches Längerbleiben» müssten sich alle Akteure vorbereiten, so Szöllösy.

Dann brauche es wohl Reserveunterkünfte in Hotels. Fraglich sei, wie die Schweiz reagieren will, wenn der Krieg, wie von vielen Seiten erwartet, noch lange dauert und mehr Flüchtende in der Schweiz nach Wohnungen suchen werden.

Geringverdiener müssen an Orte ziehen, an die sie nicht wollen

Auch beim Mieterinnen- und Mieterverband ist man besorgt. «Der Druck in den Zentren war schon immer hoch, aber jetzt verschärft sich die Wohnungssituation noch mehr», sagt Michael Töngi, Vizepräsident des Mieterinnen- und Mieterverbands, zu 20 Minuten.

Insbesondere Leute mit kleinem Einkommen finden keine Wohnungen mehr in den Städten und müssen weit weg an Orte ziehen, an die sie nicht wollen. Die Ursache für den Mangel sei nicht nur die Anzahl freier Wohnungen, an unattraktiven Orten gebe es noch viele Wohnungen.

«Doch viele renditegetriebene Investoren wollen möglichst hohe Mieten und verlangen bei Mieterwechseln unfaire Mieterhöhungen», sagt Töngi. Eine ungerechtfertigte Mietzinserhöhung liesse sich anfechten, viele wehren sich aber nicht, aus Angst vor einer Kündigung.

Töngi fordert deshalb, dass es bei Sanierungen von Amtes wegen Kontrollen gibt und generell überhöhte Renditen vermehrt kontrolliert werden. Zudem sollen Bund, Kantone und Gemeinden mehr für gemeinnützige Wohnungen mit bezahlbaren Mieten unternehmen – etwa mit finanzieller Unterstützung oder mit einer Raumplanung für gemeinnützige Zonen.

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