Ukraine-Krieg: Pferde, Gucci-Taschen und Fehlstart der Behörden.

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Neun Monate KriegUkrainer in der Schweiz – Pferde, Gucci-Taschen und Fehlstart der Behörden

Vor genau neun Monaten fiel Russland in der Ukraine ein, 70’000 Menschen sind in die Schweiz geflüchtet. Was lief gut, was schlecht, was war skurril? Zwei Perspektiven. 

von
Christina Pirskanen
Daniel Graf
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Ukrainische Geflüchtete kommen am 24. März 2022 in Fribourg an. 

Ukrainische Geflüchtete kommen am 24. März 2022 in Fribourg an. 

20min/Marvin Ancian
Beim Bundesasylzentrum im ehemaligen Bettenhochhaus des Zieglerspitals stehen Ukrainische Flüchtlinge teils stundenlang an. 

Beim Bundesasylzentrum im ehemaligen Bettenhochhaus des Zieglerspitals stehen Ukrainische Flüchtlinge teils stundenlang an. 

Beat Mathys
In den ersten Tagen nach Kriegsausbruch waren die Bundesasylzentren am Anschlag: Bis zu 1800 Geflüchtete kamen jeden Tag an. 

In den ersten Tagen nach Kriegsausbruch waren die Bundesasylzentren am Anschlag: Bis zu 1800 Geflüchtete kamen jeden Tag an. 

Daniel Bach/SEM

Darum gehts

  • Seit neun Monaten tobt der Krieg in der Ukraine, knapp 70’000 Menschen sind hierher geflüchtet. 

  • Zu Beginn herrschte Chaos, aber auch eine riesige Solidaritätswelle. 

  • Was lief gut, was schlecht, wie geht es weiter? 20 Minuten zieht Zwischenbilanz. 

Vor genau neun Monaten fiel Russland in die Ukraine ein, was einen für das moderne Europa beispiellosen Flüchtlingsstrom zur Folge hatte. 70’000 Meschen aus der Ukraine fanden in der Schweiz Unterkunft. 20 Minuten zieht mit Daniel Bach vom Staatssekretariat für Migration und Julia Peters, Gründerin des Vereins Good Friends for Ukraine Bilanz.

Ankunft und Integration

«Jemand brachte sein Pferd, wir waren überfordert.»

Daniel Bach, Staatssekretariat für Migration 

Bach: «Zu Beginn kamen bis zu 1800 Menschen täglich, vor allem Frauen und Kinder, viele mit Hunden und Katzen, jemand brachte sogar sein Pferd mit. Das war eine enorme Herausforderung, wir waren extrem herausgefordert. Auch dank der riesigen Hilfsbereitschaft der Bevölkerung haben wir es aber relativ schnell in den Griff bekommen. Noch heute leben 40 Prozent der knapp 70’000 Geflüchteten in privaten Unterkünften, nur etwa zehn Prozent von ihnen mussten die Gastfamilie wechseln.»

«Einer Geflüchteten mit Designertasche waren die Spenden nicht gut genug.»

Julia Peters, Verein Good Friends for Ukraine 

Julia Peters: «An unserem ersten Markt mit gespendeten Artikeln im April kamen sehr viele Neuankömmlinge und die Unterschiede waren riesig. Ich traf Flüchtende, die seit Tagen nichts mehr gegessen hatten – einige hatten nicht einmal Schuhe. Es gab aber auch eine Frau, die mit ihrer Gucci-Handtasche und ihrem kleinen Hund kam. Die gespendeten Artikel waren ihr nicht gut genug – sie fragte sich, wo denn die teuren Sachen wären, schliesslich seien wir in der Schweiz mit dutzenden Millionären. Es gab auch Fälle, wo Flüchtende bei Privaten untergekommen sind, später aber von einem auf den anderen Tag auf die Strasse gestellt wurden. Grundsätzlich hätte ich aber nicht mehr erwarten können vom Schweizer Volk – sie waren unglaublich solidarisch und hilfsbereit.»

14 Prozent haben Arbeit

«Die Menschen sind sehr motiviert, eine Landessprache zu lernen.»

Daniel Bach, SEM 

Bach: «Knapp 14 Prozent der Aufgenommenen, die vom Alter her arbeiten könnten, haben eine Anstellung gefunden. Das klingt nach wenig, ist im Vergleich zu anderen Flüchtlingsgruppen nach so kurzer Zeit aber viel. Die Leute sind im Schnitt gut gebildet, die grösste Herausforderung war und ist die Sprache. Doch die Menschen sind sehr motiviert, eine Landessprache zu lernen. Dass sie hier im Arbeitsmarkt Fuss fassen können, ist auch wichtig für die Zukunft: Wenn sie zurück in ihrem Heimatland sind, sind sie froh, nach wie vor arbeitsmarktfähig zu sein.»

«Vielen fehlt die Motivation wegen den hohen Sozialabgaben.»

Julia Peters, Flüchtlingshelferin 

Peters: «Für die Flüchtenden ist es sehr schwierig, Arbeit zu finden. Erstens ist die Sprachbarriere ein grosses Problem. Zweitens wissen die Arbeitgeber nicht, wie lange die Ukrainerinnen und Ukrainer bleiben werden. Drittens ist das Risiko aufgrund des psychologischen Zustands der Flüchtenden zu hoch. Viele wissen auch gar nicht, wie sie ihren Lebenslauf für die Schweiz updaten sollen – dazu brauchen sie Unterstützung. Und zuletzt fehlt bei vielen die Motivation für die Arbeit, weil die Abzüge für die Sozialleistungen so hoch sind.»

In diesen Branchen haben ukrainische Geflüchtete am häufigsten Arbeit gefunden. 

In diesen Branchen haben ukrainische Geflüchtete am häufigsten Arbeit gefunden. 

SEM 

Kosten für 2022 betragen mehr als eine Milliarde Franken

«Niemand kann sagen, wie hoch die Kosten noch werden.»

Daniel Bach, SEM 

Bach: «Die Kosten für die Solidarität mit den Geflüchteten belaufen sich 2022 auf etwas mehr als eine Milliarde Franken. Dieses Geld brauchen wir vor allem für die Pauschale, die wir den Kantonen für die Unterbringung bezahlen und aus der sie die Sozialhilfe für die Geflüchteten zahlen, die noch keine Arbeit haben. Wie hoch diese Kosten noch werden können, kann im Moment unmöglich gesagt werden. Das hängt davon ab, wie lange der Krieg noch dauern wird und wie viele eine Arbeit finden.»

«Ich verstehe, dass die Schweiz nicht ohne Ende Flüchtende aufnehmen kann.»

Julia Peters, Flüchtlingshelferin

Peters: «Ich kann verstehen, dass einige diese Summe zu hoch finden. Anfangs fragte ich mich auch, wieso man keine Limite oder Quote bestimmt – schliesslich kann man nicht ohne Ende Flüchtende aufnehmen, irgendwann ist auch der Platz weg. Die Situation ist für beide Seiten angespannt – Flüchtende, sowie Behörden. Ich rechne aber jetzt schon damit, dass bald wieder Kürzungen kommen, wie zuletzt mit den Autos, die verkauft werden müssen.»

Zukunftsaussichten

«Viele wollen zurück, sie hatten ein gutes Leben in der Ukraine.»

Daniel Bach, SEM 

Bach: «Kurzfristig bereiten uns die vielen Asylgesuche mehr Sorgen als die Geflüchteten aus der Ukraine. Bund und Kantone haben zwar ein paar Tausend Unterbringungsplätze frei und im absoluten Notfall könnte die Armee noch stärker unterstützen. Bei den hohen Asylzahlen könnten diese Plätze aber rasch voll sein. Läuft der Schutzstatus S aus, müssen die Geflüchteten das Land wieder verlassen. Viele wollen das auch, sie hatten ein gutes Leben in der Ukraine. Es wird aber sicher Fristen geben, sodass jemand zum Beispiel das Lehrjahr hier noch abschliessen kann.»

«Für Kinder, Jugendliche und 20-Jährige wäre es schwierig, ihr neues Zuhause wieder zu verlassen.» 

Julia Peters, Flüchtlingshelferin 

Peters: «Ältere Menschen und sogar 30 bis 40-Jährige sehnen sich öfter nach der Heimat in der Ukraine und würden gerne zurückgehen. Bei den Kindern, Jugendlichen und 20-Jährigen ist das Gegenteil der Fall – sie wollen gerne hier bleiben. Die Jungen gewöhnen sich auch schneller an die Sprache und die Umgebung. Für sie wäre es schwierig, ihr neues Zuhause wieder verlassen zu müssen.»

Die wichtigsten Learnings

«Wir hätten uns wohl besser vorbereiten können.»

Daniel Bach, SEM 

Bach: «Niemand konnte voraussehen, dass Wladimir Putin am 24. Februar in die Ukraine einmarschieren wird. Trotzdem können wir uns sicher noch besser auf solche Ausnahmesituationen vorbereiten. Ich gebe dem SEM aber die Note fünf, alle Ukrainerinnen und Ukrainer hatten am Abend ein Bett und ein Dach über dem Kopf. Eine grosse Herausforderung ist aktuell das Personal: Wir hatten schon vorher einen Mangel an Betreuungs- oder Lehrpersonen, innert weniger Monate kamen jetzt 70’000 Menschen dazu. Bund und Kantone suchen wirklich überall händeringend nach gutem Personal. Das sind Herausforderungen, die wir angehen müssen, nicht nur während Flüchtlingskrisen.»

«Am ersten Markt wollten Geflüchtete die Handtasche meiner Mutter mitnehmen, das war skurril.»

Julia Peters, Flüchtlingshelferin 

Peters: «Wir mussten das meiste mit ‹learning by doing› handhaben. An unserem ersten Spendenmarkt waren wir nicht als Organisatoren ausgewiesen. Es herrschte ein solch grosser Andrang, sie versuchten gar, die Handtasche meiner Mutter mitzunehmen. Das war skurril, aber für den zweiten Markt hatten wir uns dann Vereins-T-Shirts bestellt – das funktionierte dann schon viel besser.»

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