Interview vor Asylzentrum: Ukrainerin erhält Job bei Bank nach acht Sekunden im Schweizer TV
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Interview vor AsylzentrumUkrainerin erhält Job bei Bank nach acht Sekunden im Schweizer TV

In der «Tagesschau» gab die 36-Jährige kurz nach ihrer Ankunft im Land an, gerne für ein Finanzinstitut zu arbeiten. Wenige Wochen später sitzt sie am Schreibtisch im Zürcher Büro. Integrations-Erfolgsgeschichten wie diese könnten sich häufen.

von
Patrick McEvily
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Oksana Kononenko fängt Mitte Mai einen Job bei der Zürcher Privatbank Bergos an.

Oksana Kononenko fängt Mitte Mai einen Job bei der Zürcher Privatbank Bergos an.

Screenshot/SRF
Die 36-Jährige wird in einem bezahlten Trainee-Programm starten. Danach ist eine Festanstellung geplant.

Die 36-Jährige wird in einem bezahlten Trainee-Programm starten. Danach ist eine Festanstellung geplant.

20min/tam
Der Chef der Privatbank Bergos, Peter Raskin, erklärt, Kononenko hätte sämtliche Voraussetzungen für eine Anstellung im Finanzbereich erfüllt. 

Der Chef der Privatbank Bergos, Peter Raskin, erklärt, Kononenko hätte sämtliche Voraussetzungen für eine Anstellung im Finanzbereich erfüllt. 

Urs Jaudas/Tamedia AG

Darum gehts 

  • Oksana Kononenko flüchtete vor wenigen Wochen vor dem Krieg in ihrer Heimat in die Schweiz.

  • Vor dem Bundesasylzentrum in Zürich-West wurde sie vom Schweizer Fernsehen über ihre Erwartungen an die Schweiz befragt.

  • Ihr Wunsch, bei einer Bank arbeiten zu können, wurde wenige Zeit später Wahrheit.

Oksana Kononenko stammt aus Kiew. Als der Krieg in ihrer Heimat ausbrach, flüchtete sie zusammen mit ihrer Mutter. In der Schweiz angekommen, meldete sie sich, wie viele andere auch, Mitte März im Bundesasylzentrum in Zürich-West an. Dort fingen sie Kameras der «Tagesschau» von SRF ein.

Auf ihre Wünsche für ein Leben in der Schweiz angesprochen, antwortete die 36-jährige Finanzexpertin, dass sie gerne bei einer Bank hierzulande arbeiten würde. Nun wird bekannt, dass die Frau Mitte Mai eine Stelle bei einer Zürcher Privatbank antreten kann. Dies berichten die Tamedia-Zeitungen am Mittwoch.

Bankchef will Ukraine-Flüchtlingen «Mut machen»

Kononenko war zusammen mit ihrer an einem Herzleiden erkrankten 69-jährigen Mutter in die Schweiz geflüchtet. Hier kamen die beiden bei einer Gastfamilie in der Gemeinde Egg unter. Zum Bundesasylzentrum nahm sie eine befreundete Landsfrau mit. Als diese vor Ort die SRF-Kameras entdeckte, schubste sie Kononenko gemäss deren Angaben kurzerhand vor die Kamera.

Am Abend des 16. März schaute auch ein Verwaltungsratsmitglied der Privatbank Bergos in Zürich die «Tagesschau» auf SRF, indem auch Kononekos Wortmeldung während rund acht Sekunden zu sehen war. Kurzerhand streckten er und der Geschäftsführer der Bank die Fühler aus. Über LinkedIn wurden sie fündig und starteten den Rekrutierungsprozess.

Ihren Job fängt die fliessend Englisch sprechende Finanzexpertin Mitte Mai an. Bis zum Ende des Jahres ist sie in einem bezahlten Trainee-Programm angestellt. Danach ist eine Festanstellung geplant. Die Verantwortlichen verteidigen die Anstellung der Frau aus dem TV-Beitrag. Es handle sich dabei keineswegs um einen PR-Gag. Auf die neue Mitarbeiterin angesprochen, erklärt Chef, Peter Raskin: «Sie ist qualifiziert, hat Erfahrungen im Private Banking und im Projektmanagement. Solche Leute haben in der Schweiz keine Probleme, einen Job zu finden.» Kononenko könnte nicht die einzige Angestellte aus der Ukraine bleiben. «Wir wollen den Menschen Mut machen» erklärt der Chef, und meint dabei die neu angekommenen Ukrainerinnen und Ukrainer.

Schwelende Konflikte zwischen Geflüchteten und Daheimgebliebenen

Die Episode könnte ein frühes Beispiel für eine sich anbahnende Erfolgsstory auf dem Schweizer Arbeitsmarkt sein. Wie die Tamedia-Zeitungen schreiben, haben auch diverse weitere Banken Programme zur Rekrutierung von Ukrainerinnen und Ukrainern gestartet. So hätten etwa die beiden Grossbanken UBS und Credit Suisse Jobinserate auf Ukrainisch aufgeschaltet. Das Jobportal Job Cloud AG meldet mittlerweile 3000 registrierte Ukrainerinnen. Gemäss Auswertungen des Staatssekretariats für Migration handelt es sich dabei hauptsächlich um Akademikerinnen. 

Der Frau aus Kiew gefällt es gemäss eigenen Aussagen in der Schweiz und sie fühlt sich willkommen. Trotz ihres Job-Glücks drückt Oksana Kononenko im Interview mit den Tamedia-Zeitungen aber auch ihre Trauer über die Situation in der Heimat aus. «Ich fühle mich schuldig, weil ich in Sicherheit bin.» Es ist eine Gefühlslage, die viele ihrer Landsleute in der Schweiz teilen. Gemäss Kononenko kommt es derzeit sogar häufiger vor, dass Menschen in der Heimat geflüchtete Ukrainerinnen und Ukrainer beschuldigen, sie im Stich gelassen zu haben.

Beschäftigt dich oder jemanden, den du kennst, der Krieg in der Ukraine?

Hier findest du Hilfe für dich und andere:

Fragen und Antworten zum Krieg in der Ukraine (Staatssekretariat für Migration)

Kriegsangst?, Tipps von Pro Juventute

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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