Integration von Geflüchteten – «Ukrainische Spezialisten können den Schweizer Fachkräftemangel lindern»

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Integration von Geflüchteten«Ukrainische Spezialisten können den Schweizer Fachkräftemangel lindern»

Der Bundesrat will aus der Ukraine Vertriebene schnell in den Arbeitsmarkt integrieren. Gerade von Fachkräften, etwa aus der IT, könnte auch die Schweiz profitieren. Die Unia pocht auf faire Bedingungen.

von
Daniel Graf
Thomas Obrecht
Seline Bietenhard
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Täglich kommen neue Geflüchtete aus der Ukraine in der Schweiz an, bis am Mittwoch waren es gemäss Staatssekretariat für Migration etwas über 1300.

Täglich kommen neue Geflüchtete aus der Ukraine in der Schweiz an, bis am Mittwoch waren es gemäss Staatssekretariat für Migration etwas über 1300.

REUTERS
Mit der Verleihung des Schutzstatus will der Bundesrat den erwachsenen Flüchtenden möglichst rasch den Zugang zum Arbeitsmarkt ermöglichen.

Mit der Verleihung des Schutzstatus will der Bundesrat den erwachsenen Flüchtenden möglichst rasch den Zugang zum Arbeitsmarkt ermöglichen.

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Davon könnte auch die Schweiz profitieren: Laut Rudolf Minsch, Chefökonom von Economiesuisse, besteht ein weitgreifender Fachkräftemangel.

Davon könnte auch die Schweiz profitieren: Laut Rudolf Minsch, Chefökonom von Economiesuisse, besteht ein weitgreifender Fachkräftemangel.

20min/Jacqueline Straub

Darum gehts

  • Geflüchtete Ukrainerinnen und Ukrainer sollen gemäss Bundesrat möglichst schnell in den Arbeitsmarkt integriert werden.

  • Laut Rudolf Minsch von Economiesuisse könnte dies auch für die Schweiz von Vorteil sein, da hier in vielen Branchen Arbeitskräfte gesucht würden. 

  • Schweizer Firmen sind interessiert, etwa IT-Fachkräfte rasch und unkompliziert beschäftigen zu können. 

  • Auch in der Politik findet diese Idee Anklang. Die Gewerkschaft Unia betont, zentral seien faire Löhne und Arbeitsbedingungen. 

Täglich kommen weitere Geflüchtete aus der Ukraine in der Schweiz an, bis am Mittwoch waren es gemäss Staatssekretariat für Migration (SEM) etwas über 1300. Sie werden registriert, versorgt und es werden Unterkünfte für sie gesucht. Hilfsorganisationen rechnen damit, dass noch Tausende folgen werden. Wie lange der Krieg in der Ukraine sich noch hinziehen wird, ist nicht absehbar.

Mit der Verleihung des Schutzstatus will der Bundesrat erwachsenen Flüchtenden möglichst rasch den Zugang zum Arbeitsmarkt ermöglichen. Davon könnte auch die Schweiz profitieren. Denn laut Rudolf Minsch, Chefökonom von Economiesuisse, besteht ein weitgreifender Fachkräftemangel. In diversen Branchen fehle es an qualifiziertem Personal, etwa in der IT, im Ingenieurswesen und in der Pflege.

IT-Branche boomt in der Ukraine

«Wenn entsprechend ausgebildete Ukrainerinnen und Ukrainer in den Schweizer Arbeitsmarkt integriert werden können, können sie diese Lücken füllen und den Schweizer Fachkräftemangel lindern», sagt Minsch. Aber auch in anderen Berufen sei die Schweiz auf Arbeitskräfte angewiesen, etwa im Gastro- oder im Baugewerbe.

Gerade die IT-Branche boomte in der Ukraine vor dem Krieg: Rund 250’000 Programmierer gibt es in der Ukraine laut der «Wirtschaftswoche». Minsch sieht gute Chancen, dass es gelingen wird, ausgebildeten Geflüchteten Möglichkeiten zu bieten: «Die Solidarität gegenüber flüchtenden Ukrainern ist gross. Viele Unternehmen scheinen bereit, ihnen Möglichkeiten für eine Arbeit in der Schweiz zu bieten.» Besonders geeignet seien Branchen, in denen auf Englisch kommuniziert werde.

Zwar sei es gut möglich, dass viele Ukrainerinnen und Ukrainer in ihre Heimat zurückkehren werden, sobald die Lage dies erlaubt, so Minsch. Aber: «Je länger der Konflikt andauert, desto grösser wird der Anteil jener sein, die längerfristig bleiben möchten.» Personen, welche sich am Arbeitsplatz bewährten, würden sicherlich auch gerne weiterbeschäftigt werden.

Nothilfe für Menschen in der Ukraine

Firmen sind bereit, Fachkräfte einzustellen

Dass Schweizer IT-Unternehmen Geflüchteten Jobs anbieten wollen, bestätigt Rolf Ziebold, Senior PR Manager bei Sunrise UPC: «Wir suchen laufend IT-Fachkräfte, es herrscht ein latenter Mangel.» Es sei «absolut denkbar», dass Sunrise englischsprachige geflüchtete IT-Fachkräfte temporär einstelle. Auch andere angefragte IT-Firmen zeigen sich offen, Geflüchtete zu beschäftigen. «Voraussetzung ist, dass die entsprechenden Qualifikationen erfüllt sind und der Bundesrat über die diesbezügliche Grundlage entschieden hat», sagt Ziebold.

Das sollte bald der Fall sein: Noch bis am Mittwoch ist der Vorschlag des Bundesrats, den geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainern den Schutzstatus S zu verleihen, in der Konsultation. Am Freitag entscheidet der Bundesrat. «Dadurch soll für Erwachsene der Zugang zum Arbeitsmarkt und für Kinder jener zur Schule gewährleistet werden», sagt Lukas Rieder, Mediensprecher des Staatssekretariats für Migration (SEM). Grundsätzlich könnten Schutzbedürftige nach drei Monaten arbeiten. «Der Bundesrat prüft aber, ob diese Zeit verkürzt werden kann.»

«Faire Bedingungen sind zentral»

Auch aus der Politik erhält die Idee Unterstützung: «Wenn unter den Geflüchteten Fachkräfte aus Branchen sind, in denen bei uns ein Fachkräftemangel herrscht, ist es sehr zu begrüssen, wenn sie hier schnell eine Arbeit finden», sagt FDP-Nationalrat Marcel Dobler. Er betont aber, dass die aus der Ukraine Geflüchteten grundsätzlich den Flüchtlingsstatus hätten. «Das Ziel ist es, den Flüchtenden Schutz zu gewähren, und nicht, dass sie mit den Schweizer Arbeitnehmenden um Jobs konkurrieren.»

Im Bewilligungsverfahren werden laut dem SEM auch Lohn- und vertragliche Arbeitsbedingungen geprüft, um Schutz vor Lohndumping und Ausbeutung zu gewährleisten. Die Gewerkschaft Unia begrüsst das: «Geflüchteten rasch und unkompliziert Zugang zum Arbeitsmarkt zu gewähren, ist grundsätzlich lobenswert», sagt Mediensprecher Philipp Zimmermann. Zentral sei aber, dass dies zu branchenüblichen und fairen Löhnen und Arbeitsbedingungen geschehe.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Alter ohne Gewalt, Tel. 0848 00 13 13

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Beratungsstellen für gewaltausübende Personen

Hast du oder hat jemand, den du kennst, ein Trauma erlitten?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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