Spendengelder: «Das Geld bleibt liegen» – ukrainischer Botschafter attackiert Glückskette

Aktualisiert

Spendengelder«Das Geld bleibt liegen» – ukrainischer Botschafter attackiert Glückskette

Die Glückskette behalte Spendengelder für die Ukraine zurück, obwohl sie dringend gebraucht würden, sagt Artem Rybchenko, Botschafter in Bern. Die Glückskette sagt, sie setze auf langfristige Hilfe. 

von
Claudia Blumer
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«Wir brauchen das Geld dringend, es geht um Menschenleben»: Artem Rybchenko, Botschafter der Ukraine in der Schweiz, macht der Glückskette Vorwürfe. Das Geld für die Ukraine werde zurückbehalten, über den Einsatz der Gelder gebe es keine Transparenz. (Im Bild: Artem Rybchenko an einer Kundgebung gegen den Krieg in Bern, Frühling 2022).

«Wir brauchen das Geld dringend, es geht um Menschenleben»: Artem Rybchenko, Botschafter der Ukraine in der Schweiz, macht der Glückskette Vorwürfe. Das Geld für die Ukraine werde zurückbehalten, über den Einsatz der Gelder gebe es keine Transparenz. (Im Bild: Artem Rybchenko an einer Kundgebung gegen den Krieg in Bern, Frühling 2022).

Tamedia
Er habe die Glückskette darum gebeten, das für die Ukraine gespendete Geld ins Projekt «United24» von Präsident Wolodimir Selenski zu investieren, sagt der ukrainische Botschafter Artem Rybchenko im Gespräch mit 20 Minuten (Aufnahme vom April 2022).

Er habe die Glückskette darum gebeten, das für die Ukraine gespendete Geld ins Projekt «United24» von Präsident Wolodimir Selenski zu investieren, sagt der ukrainische Botschafter Artem Rybchenko im Gespräch mit 20 Minuten (Aufnahme vom April 2022).

20min/Taddeo Cerletti
Doch er warte seit über zwei Monaten vergeblich auf eine Antwort der Glückskette, sagt Rybchenko. Er macht der Sammelorganisation schwere Vorwürfe: Die Spender würden betrogen und den Notleidenden in der Ukraine werde Hilfe vorenthalten.

Doch er warte seit über zwei Monaten vergeblich auf eine Antwort der Glückskette, sagt Rybchenko. Er macht der Sammelorganisation schwere Vorwürfe: Die Spender würden betrogen und den Notleidenden in der Ukraine werde Hilfe vorenthalten.

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Darum gehts

  • Seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs wurde in der Schweiz so viel gespendet wie seit 17 Jahren nicht mehr. Allein die Glückskette hat über 126 Millionen Franken gesammelt.

  • Nun kritisiert der ukrainische Botschafter in der Schweiz, Artem Rybchenko, die Glückskette: «Das Geld wird dringend gebraucht, es geht um Menschenleben.» Doch die Glückskette halte es zurück.

  • Damit würden die Spender betrogen und der ukrainischen Bevölkerung die Hilfe vorenthalten.

  • Die Glückskette sagt, die Hilfe gestalte sich wegen der Sicherheitslage und wegen Personalmangel bei den Hilfswerken vor Ort als schwierig. Zudem setze man auf Langfristigkeit: Die Spendengelder sollen in den nächsten fünf Jahren eingesetzt werden.

285 Millionen Franken wurden seit dem 24. Februar, dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs, gesammelt – fast so viel wie nach der Tsunami-Katastrophe in Thailand Ende 2004, damals waren es 300 Millionen.

Am meisten Ukraine-Spenden hat die Glückskette gesammelt, gut 126 Millionen Franken. «Doch das Geld bleibt bei der Glückskette liegen», sagt Artem Rybchenko, ukrainischer Botschafter in Bern. Ein kleiner Teil sei bisher an NGO verteilt worden, die Verwendung des Geldes und der konkrete Zweck seien aber nicht bekannt. Auch die «SonntagsZeitung» berichtete kürzlich (Bezahlartikel): Der grosse Teil der Spendengelder sei bisher nicht in der Ukraine angekommen.

Artem Rybchenko sagt, er habe die Glückskette schon länger darum gebeten, die Spendengelder in das Wiederaufbau-Projekt «United2024» zu investieren, das Präsident Wolodimir Selenski an der Lugano-Konferenz Anfang Juli vorgestellt hat. «Wir brauchen das Geld dringend, es geht um Menschenleben», sagt Rybchenko im Gespräch mit 20 Minuten. Spitäler müssten wiederaufgebaut, Medikamente geliefert werden. Die Ukrainer seien daran, zerstörte Wohnhäuser, Brücken und Strassen wieder instandzusetzen. Dazu bräuchten sie die Spenden. 

«Spender werden betrogen»

Er habe mit der Leitung der Glückskette gesprochen, und nun warte er seit über zwei Monaten auf eine Antwort, sagt der Botschafter. «Die Schweizerinnen und Schweizer haben für die Ukraine gespendet - im Glauben, dass die Spende der ukrainischen Bevölkerung zugutekommt, und zwar jetzt, wo es nötig ist.» Die Glückskette sammle mit der Bezeichnung «Krieg in der Ukraine», doch das Geld komme in der Ukraine nicht an. Damit würden auch die Spender betrogen, und die Notleidenden im Kriegsgebiet würden um ihr Geld gebracht.

Schon früher hat der Botschafter dazu aufgerufen, nicht via Glückskette zu spenden, sondern direkt bei der Spendenplattform des ukrainischen Staats. Nur so sei gewährleistet, dass das Geld schnell und direkt bei der ukrainischen Bevölkerung ankomme, sagt Artem Rybchenko.

«Längerfristig investieren»

Die Glückskette, die nur sammelt, aber selber keine Projekte betreut, verteidigt sich. Seit Kriegsausbruch habe die Glückskette 15,3 Millionen Franken in 34 Projekte investiert, sagt Sprecher Fabian Emmenegger - in der Ukraine, in Polen, Rumänien, der Republik Moldau sowie zu einem kleinen Teil in der Schweiz. Projektgesuche würden fortlaufend und rasch geprüft.

Zu Beginn des Krieges sei schnelle Hilfe notwendig gewesen, doch mittlerweile fokussiere sich die Glückskette auf längerfristige Projekte mit höheren Beiträgen. Deshalb würden die restlichen rund 111 Millionen Franken über die nächsten drei bis fünf Jahre eingesetzt. «Die Hilfe soll auch dann noch wirken, wenn keine Spenden mehr fliessen», sagt Emmenegger. 

Hilfe soll «unparteilich» sein

Emmenegger sagt, die Hilfsarbeiten vor Ort gestalteten sich wegen Personalmangel schwierig. Doch warum unterstützt die Glückskette nicht das staatliche Wiederaufbau-Projekt? Emmenegger sagt: «Die Glückskette finanziert grundsätzlich Projekte von Organisationen der Zivilbevölkerung, um die Unabhängigkeit der Hilfe zu garantieren.» Man orientiere sich an den humanitären Prinzipien Unparteilichkeit, Neutralität und Unabhängigkeit.

Unterstützt würden beispielsweise Projekte des schweizerischen Roten Kreuz, der Caritas oder Helvetas. Darunter gebe es auch Projekte im Gesundheitsbereich sowie ein humanitäres Minenräumprojekt. 

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