Aktualisiert 13.08.2019 13:41

Freude und Sorgen

«Ultraschallbild mit den Drillingen war ein Schock»

Was bedeutet es, plötzlich Eltern von Drillingen zu sein? Mutter Esin und Vater Erkan wissen das seit ein paar Wochen.

von
Julia Käser

Evin, Lorin und ihr Bruder Mevan Ali liegen friedlich nebeneinander in ihrem weissen Bettchen. Die beiden Mädchen tragen rosa Strampelanzüge, ihr Bruder einen hellblauen. Obwohl sie erst wenige Wochen alt sind, haben sie schon dichtes dunkles Haar. «Es war ein Schock, als die Frauenärztin uns verkündete, dass wir nicht nur eines, sondern gleich drei Babys erwarten würden», erzählt Esin (27).

Zunächst hätten sie und ihr Mann Erkan (30) daran gezweifelt, diese Herausforderung zu packen. Doch dann sei schnell klar gewesen: «Wenn da schon drei gesunde Kinder in meinem Bauch heranwachsen, nehmen wir dieses Geschenk an.»

Das Ultraschallbild von Esin.

Die Drillinge erblickten am 8. Juli das Licht der Welt. In der 36. Schwangerschaftswoche wurden sie per Kaiserschnitt geholt: «Mevan Ali hat seinen Schwestern die Nahrung weggenommen, deshalb entschieden die Ärzte, die Geburt vorzuziehen», sagt Esin. Nur Lorin, die Jüngste, wog unter zwei Kilogramm, ihr Bruder dafür ganze 2,5 Kilo. Da auch Lorin das erforderliche Gewicht von zwei Kilo schnell erreichte, konnten die drei das Spital bereits eine Woche nach der Geburt wieder verlassen.

«Windeln und Milchpulver sind teuer»

Das Paar hat sich schon länger Kinder gewünscht. Sie habe eine schöne Schwangerschaft erlebt, nicht mal mit Übelkeit zu kämpfen gehabt, sagt Esin. Einzig der dicke Bauch habe ihr zu schaffen gemacht: «Plötzlich konnte ich mich nicht mal mehr in Umstandshosen reinquetschen. Zum Glück war Sommer, und ich konnte dehnbare Röcke tragen, das war das Einzige, was mir noch passte.» Sie sei überglücklich, dass die eigentliche Risikoschwangerschaft so gut verlaufen sei, denn Drillinge kämen oft schon nach 28 bis 32 Wochen zur Welt und seien deutlich schwächer als ihre Kinder.

Für einen kurzen Moment beginnt Lorin zu quengeln. «Unsere kleine Dramaqueen», sagt Esin und schaut ihre Tochter liebevoll an. Neben all der Freude, die die Drillinge ihren Eltern jeden Tag von neuem bereiten, gibt es aber auch Sorgen: «Windeln und Milchpulver sind teuer, vor allem in dreifacher Menge. Ich war vor der Schwangerschaft als selbstständige Coiffeuse tätig. Mit drei Babys ist das schlicht nicht mehr machbar, deshalb löste ich mein Geschäft auf», sagt die frischgebackene Mutter.

«Sozialhilfe kommt niemals in Frage»

Ihr Mann hat einen Job im Detailhandel. Auch Mutter Esin hat fest vor, in einem Jahr wieder zu arbeiten, doch momentan sei man auf Hilfe angewiesen: «Unsere Familien unterstützen uns, wo sie nur können. Dafür sind wir ihnen unendlich dankbar. Nur mit dem Einkommen meines Mannes würde es nicht gehen.» Den Drillingswagen etwa hätten sie in Österreich bestellen müssen, da es in der Schweiz nichts Passendes gegeben habe.

Schliesslich muss ein neues Auto her, auch hier ist die Auswahl klein: «Sobald alle drei ihre Kindersitze haben, brauchen wir ein Auto mit drei einzelnen Sitzen hinten, um diese zu befestigen.» Esin sagt, sie habe sich bei den Behörden nach geeigneten finanziellen Unterstützungsangebote erkundigt. Als einzige Möglichkeit habe sich am Ende der Bezug von Sozialhilfe herausgestellt, so Esin. «Das kommt für uns unter keinen Umständen in Frage.» Deshalb wohnt die junge Familie vorerst in Pratteln BL bei Erkans Eltern.

Keine Zeit mehr für Zweisamkeit

Die Drillinge haben das Leben von Esin und Erkan auf den Kopf gestellt. Bis zur Schwangerschaft seien sie sehr aktiv gewesen, hätten Musik gemacht, sich häufig draussen aufgehalten – etwa in der Badi oder beim Sport – und viel mit Freunden unternommen. «Das fehlt uns schon. Mit diesem riesigen Kinderwagen ist jeder Ausflug eine Herausforderung. Zudem dreht sich bei uns nun alles um die drei, Zweisamkeit gibt es nicht mehr», sagt Esin.

Doch beklagen will sich das Paar, das seit fünf Jahren verheiratet ist, nicht. Es sei wichtig, jeden Tag so zu nehmen, wie er komme – auch die Babys seien täglich ein wenig anders gelaunt, sagt Erkan. Jeder Tag biete neue Herausforderungen. Deshalb würden sie sich noch keine Gedanken darüber machen, wie alles sein wird, wenn die Drillinge erst mal in die Pubertät kommen.

Mevan Ali ist grösser als seine Schwestern. Ruhig liegt er in der Mitte, die Äuglein weit geöffnet. «Er ist der Gelassenste von allen, ein kleiner Chiller schon», sagt die Mutter augenzwinkernd. Er komme ganz nach dem Papi. «Dennoch ist er sehr kommunikativ und schläft relativ wenig.» Das Schönste aber seien die Augenblicke, in denen die winzigen Lippen der drei sich zu einem Lächeln formten. «Wenn du morgens aufstehst und deine Kinder so siehst, dann weisst du, dass alles schon irgendwie klappen wird», sagt Erkan.

Was sie sich für die Zukunft ihrer Kinder wünschten? Ohne zu überlegen, antworten Esin und Erkan einstimmig: «Gesundheit. Das ist das, was zählt.» Und Selbstständigkeit sei wichtig, sagt die Mutter. «Doch ich glaube, das wird bei ihnen schnell gehen: Sie haben ja einander.»

Mehrlingsgeburten in der Schweiz

Drillings-Geburten sind selten. 32 Schweizerinnen brachten im letzten Jahr Drillinge zur Welt, 2017 waren es 24 Frauen gewesen. Das zeigen Zahlen des Bundesamts für Statistik. Die Wahrscheinlichkeit für eine Mehrlingsgeburt wird nach der Hellin-Hypothese berechnet. Diese geht von einer angenommenen Häufigkeit von Zwillingsschwangerschaften von 1:85 aus. Die Wahrscheinlichkeit, Drillinge zu bekommen, liegt demnach bei 0,01 Prozent. Es ist jedoch davon auszugehen, dass dieser Wert in der Realität höher ist, da künstliche Befruchtungen, die Wahrscheinlichkeit einer Mehrlingsgeburt erhöhen

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