Aktualisiert 20.04.2007 06:01

Um 9:01 Uhr war er auf der Post - um 9:15 Uhr schoss er Menschen tot

Das Motiv für das Massaker von Blacksburg ist geklärt: Der Todesschütze von Virginia verschickte noch während des Amoklaufs ein Video, in dem er seinen Hass auf Studenten und Dozenten am Virginia-Tech dokumentiert.

Der US-Nachrichtensender NBC erhielt am Mittwoch ein Paket mit Text-, Foto- und Videomaterial des Täters Cho Seung-Hui. NBC strahlte Teile des Videos aus und löste damit eine Kontroverse aus. Die Entscheidung sei nach reiflicher Überlegung gefallen, sagte der Präsident des Senders, Steve Capus.

Viele Studenten äusserten sich schockiert. «Es war wie ein Schlag ins Gesicht», sagte die 19-jährige Kristin Fleming-Dahl. Auch Experten äusserten Kritik. Der Berliner Medienwirkungsforscher Achim Hackenberg sagte, die Ausstrahlung von solchen Selbstdarstellungs-Videos könne schwerwiegende Folgen haben.

«Es gibt einen Typus von Trittbrettfahrern, die darauf vielleicht anspringen», sagte Hackenberg. «Wenn das Potenzial für Nachahmertaten vorhanden ist, kann es durch solche Bilder zum Ausbruch kommen.»

Nach erster Tat zur Post

Der 23-jährige Täter gab das Paket an NBC am Montag offenbar nach der Ermordung von zwei Menschen auf dem Campus der Universität bei der Post auf. Der Zeitstempel auf dem Paket zeigt laut NBC, dass Cho es am Montag um 09.01 Uhr (Ortszeit) in einem Postamt Virginias aufgab. Das war eine Stunde und 45 Minuten nach seinen ersten tödlichen Schüssen in einem Wohnheim der Virginia Tech. Und 14 Minuten vor seinem zweiten blutigen Amoklauf.

Das Paket sei per Eilkurier aufgegeben worden und am Dienstag bei NBC eingegangen, aber dort erst am Mittwoch geöffnet worden, teilte der Sender mit. Vor der Übertragung von Auszügen sei das Material von der Bundespolizei FBI geprüft worden. Eine Polizeisprecherin erklärte, es sei noch nicht klar, wann Cho die Aufnahmen gemacht habe

Seiner Umgebung warf er vor, ihn zu der Tat gezwungen zu haben. «Ihr hattet hundert Milliarden Chancen, den heutigen Tag zu verhindern», sagt Cho in einem der 27 Videos.

«Aber Ihr habt entschieden, mein Blut zu vergiessen. Ihr habt mich in eine Ecke gedrängt und mir nur eine Möglichkeit gelassen. Die Entscheidung war die Eure. Nun habt Ihr Blut an Euren Händen, das niemals abgehen wird.»

Manifest und Fotos

Das Paket enthielt zudem ein aus 1800 Wörtern bestehendes Manifest sowie 43 Fotos. Auf den Fotos posiert Cho an mehreren Orten in unterschiedlicher Kleidung mit den von ihm erworbenen Schusswaffen und Messern.

Der in den USA aufgewachsene Südkoreaner erwähnt in einem der Videos auch die «Märtyrer» Eric Harris und Dylan Klebold, die im April 1999 zwölf Schüler und einen Lehrer an der Columbine High School im US-Bundesstaat Colorado töteten, bevor sie Selbstmord begingen.

«Schwere Psychose»

Medizinische Experten sagten, Cho zeige in dem Video und im Manifest typische Zeichen einer schweren Psychose und eines Realitätsverlustes. Es gebe erschreckende Einblicke in den «Geist eines Massenmörders», sagte Psychologe Todd Cox gegenüber dem Sender CNN.

Bereits am Mittwoch war bekannt geworden, dass Cho Ende 2005 von einem Sonderrichter zur Begutachtung in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde. CNN zitierte aus einem Gerichtspapier, in dem es heisst, Cho stelle eine Gefahr für sich selbst dar.

Aufgeführt wird ferner die Feststellung eines Experten, derzufolge der junge Mann auch eine Gefahr für andere sei. Wie US- Medien berichteten, wurde Cho dann aber nach nur einem Tag wieder aus der Klinik entlassen.

Angesichts dieser Vorgeschichte stellten sich Studenten der Virginia Tech und Angehörige der Opfer die Frage, wie der 23- Jährige die Tatwaffen legal erwerben konnte.

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