Aktualisiert 23.08.2019 09:16

Coiffeusen-Tieflohn«Um zu überleben, bin ich auf Trinkgeld angewiesen»

Billig-Konkurrenz und Tieflöhne: Coiffeusen haben Ende Monat wenig im Portemonnaie – trotz Dauerstress. Betroffene wehren sich.

von
jk
1 / 8
Acht Coiffeusen haben sich an 20 Minuten gewandt: Trotz der langen Arbeitstage reiche das Geld kaum, um alle offenen Rechnungen zu bezahlen.

Acht Coiffeusen haben sich an 20 Minuten gewandt: Trotz der langen Arbeitstage reiche das Geld kaum, um alle offenen Rechnungen zu bezahlen.

Keystone/Gaetan Bally
«Ich kann nichts zur Seite legen und bin aufs Trinkgeld angewiesen, um zu überleben», sagt etwa L.

«Ich kann nichts zur Seite legen und bin aufs Trinkgeld angewiesen, um zu überleben», sagt etwa L.

Ideabug
Der Lohn einer weiteren Coiffeuse wurde um 200 Franken reduziert, da sie die vom Gesamtarbeitsvertrag der Branche (GAV) vorgesehene monatliche Umsatzschwelle von 9500 Franken knapp verfehlte. Das ist legal laut GAV.

Der Lohn einer weiteren Coiffeuse wurde um 200 Franken reduziert, da sie die vom Gesamtarbeitsvertrag der Branche (GAV) vorgesehene monatliche Umsatzschwelle von 9500 Franken knapp verfehlte. Das ist legal laut GAV.

Keystone/Gaetan Bally

B. M.* schneidet vor allem Herren die Haare – im Viertelstundentakt. Wegen der tiefen Preise komme sie sonst nicht auf genügend Umsatz. «Wenn wir monatlich nicht rund dreimal so viel einnehmen, wie wir verdienen, haben wir mit Konsequenzen zu rechnen. Kommt das mehrmals vor, wird uns mit der Kündigung gedroht», erzählt S. L*, die – wie M. bis vor kurzer Zeit auch – im Kanton Zürich bei einer Coiffeurkette arbeitet.

Zusammen mit sechs weiteren Coiffeusen haben sie sich an 20 Minuten gewandt, um aufzurütteln. Denn trotz der langen Tage reiche das Geld kaum, um alle offenen Rechnungen zu bezahlen. Eine aktuelle Lohnabrechnung zeigt, dass L. brutto 3600 Franken verdiente. Ende Monat blieben nach allen Abzügen nur rund 3200 Franken. «Ich kann nichts zur Seite legen und bin aufs Trinkgeld angewiesen, um zu überleben», sagt L.

Reduzierte Basislöhne

Der Lohn einer weiteren Coiffeuse wurde um 200 Franken reduziert, da sie die vom Gesamtarbeitsvertrag der Branche (GAV) vorgesehene monatliche Umsatzschwelle von 9500 Franken knapp verfehlte. Das ist legal: Der GAV sieht in einem solchen Fall um 400 Franken beziehungsweise 200 Franken reduzierte Mindestlöhne vor, und zwar in den ersten beiden Jahren nach dem Abschluss der Lehre.

«Gerade in kleineren Städten oder abgelegenen Filialen ist es unmöglich, auf diesen Umsatz zu kommen», erzählt N. K.*, eine weitere Angestellte. Doch auch Coiffeusen mit viel Berufserfahrung und guten Umsätzen würden kaum mehr als 4000 Franken verdienen. So liegt etwa der Grundlohn von D. L.*, die seit Jahren auf dem Beruf arbeitet, bei nur 3350 Franken. Hinzu kommt eine Umsatzbeteiligung, welche gemäss GAV bei gelernten Coiffeusen ab dem fünften Berufsjahr zu einem Brutto-Basislohn von 4000 Franken führen muss. Trotz knapp 11'500 Franken Umsatz bleiben L. nach allen Abzügen nur gut 3600 Franken.

Für die Coiffeusen ist klar: Das Umsatzsystem ist ungerecht. «Ein Problem sind auch 10-Franken-Gutscheine, wie sie beispielsweise Gidor in grossen Mengen an potenzielle Kunden abgibt», sagt Coiffeuse K. Die Rabatte würden vom Umsatz abgezogen. «Wenn 10 Kunden einen Gutschein haben, verlierst du 100 Franken Umsatz pro Tag. Wie willst du die 9500 Franken erreichen? Das ist unfair.»

Gewerkschaften: Low-Cost-Salons drücken die Löhne

Leena Schmitter von der Gewerkschaft Unia sagt: «Die Preise stehen wegen Low-Cost-Salons und grossen Ketten unter Druck.» Kleine Salons könnten nicht mehr mithalten. Unter der Situation litten die Angestellten, deren Löhne oft nicht oder nur knapp zum Leben reichten. Zu den verbreiteten Abzügen bei Berufseinsteigern sagt Schmitter: «Das Ganze ist legal, aber total unfair. Coiffeusen erhalten gerade so wenige Kunden, dass sie den Soll-Umsatz nicht erreichen.»

Schmitter kritisiert auch die Salon-Kette Gidor, die über 90 Filialen in der Schweiz betreibt: «Wir kennen Fälle, die zeigen, dass Gidor tiefe Grundlöhne hat, damit – zusammen mit der Umsatzbeteiligung – der Mindestlohn nicht überschritten wird.» Gidor gehe so bis an die Grenzen des Erlaubten, und die Coiffeusen müssten hart arbeiten, um einen angemessenen Lohn zu erhalten.

«Mindestlöhne bei Gidor in jedem Fall gesichert»

Gegenüber 20 Minuten weist die Gidor-Geschäftleitung die Kritik entschieden zurück. Ihre Angestellten erhielten zusätzlich zum Grundlohn Umsatzprämien und Verkaufsprovisionen. Bei zu tiefem Umsatz würden Ausgleichszahlungen geleistet. So seien die Mindestlöhne in jedem Fall gesichert. Bei entsprechendem Umsatz einer Angestellten falle ihr Lohn sogar deutlich höher aus – was regelmässig vorkomme.

Die 10-Franken-Gutscheine beurteilt das Unternehmen anders als S. und K. «Gutscheine sind verkaufsfördernde Massnahmen. Damit können Angestellte neue Kunden gewinnen und den Umsatz steigern. Somit wirken sich solche Gutscheine auf langfristige Sicht oftmals positiv auf die Einkommen der Coiffeusen aus.»

Ein Zusammenhang zwischen angedrohten Kündigungen und einem Nicht-Erreichen der GAV-Umsatzschwelle von 9500 Franken gebe es nicht. «Eine positive Umsatzentwicklung liegt im Interesse unseres Unternehmens und der Mitarbeiter, weil damit die Betriebskosten gedeckt und die langfristige Konkurrenzfähigkeit sichergestellt werden.» Kündigungen kämen wie in jedem Unternehmen vor, hätten jedoch mit ausbleibender Leistung und nicht mit dem Umsatzziel zu tun.

Überraschungskontrollen neu eingeführt

Der Branchenverband Coiffure Suisse begründet die schwierige Situation vieler Angestellten damit, dass auf dem Markt zurzeit ein grosser Konkurrenzkampf herrsche. Dienstleistungen würden zu sehr niedrigen Preisen angeboten. Ein effektives Mittel gegen Lohndumping sei der neue GAV, der Mindestlöhne für gelernte, angelernte sowie ungelernte Mitarbeiter vorschreibe. «Um die Einhaltung des GAV besser überwachen zu können, würden 2019 in ausgewählten Salons 250 Überraschungskontrollen durchgeführt.»

Bisher hat sich laut Coiffure Suisse gezeigt, dass 55 Prozent der geprüften Salons gegen Lohnvorschriften verstossen oder die Versicherungen nicht korrekt abrechnen würden. Gidor hält fest, der eigene Betrieb zähle nicht zu den fehlbaren Salons. «Gidor steht zum GAV von 2018 und insbesondere zum deutlich verbesserten neuen Lohnsystem. Dieses honoriert die Berufserfahrung stärker.» Zudem begrüsse man entsprechende Kontrollen – nur so könne das unrechtmässige Lohndumping zulasten der Angestellten der ganzen Coiffeurbranche effektiv bekämpft werden.

Tieflohnstellen

Im Verhältnis zur Gesamtzahl der Arbeitsstellen weist der Wirtschaftszweig «sonstige persönliche Dienstleistungen», zu dem auch Coiffeurgeschäfte gehören, den höchsten Anteil an Tieflohnstellen auf – nämlich 59,1 Prozent. Auf Platz zwei folgt die Gastronomie mit einem Tieflohnanteil von 50,5 Prozent. Das zeigen Zahlen des Bundesamts für Statistik (BfS). Durchschnittlich machen Tieflohnstellen 10,2 Prozent der Arbeitsstellen in der Schweiz aus.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.