Aktualisiert 18.05.2010 09:43

SachbücherUmstrittener «Staatsbankrott»

Walter Wittmanns Buch zu bankrotten Staaten ist mit dem 750-Mrd-Rettungspaket für den Euro-Raum (vorerst) von der Realität überholt worden.

Der gewaltige Rettungsschirm für den Euro hat Wittmanns Forderung, den Bankrott einzelner Länder in Kauf zu nehmen, ins Leere laufen lassen. Ginge es nach dem emeritierten Volkswirtschaftsprofessor der Universität Freiburg,würde sich nun eine Pleite der ganzen Europäischen Union abzeichnen. Dies deshalb, weil Hilfen für verschuldete Staaten nur eine Einladung zur weiteren Verschuldung seien und die dadurch wachsende Schuldenlast einzelner Staaten die ganze EU zu infizieren drohe.

Schwarzmalerei? Wittmann, der nicht selten in Schweizer Medien zu Wort kommt, weil Journalisten ihn als Provokateur schätzen, sieht sich selbst nicht als Pessimist. Stattdessen beklagt er in seinem neusten Buch «Staatsbankrott», dass Realisten, die angesichts drohender Staatsbankrotte für eine radikale politische Umkehr plädieren, einen schweren Stand hätten.

Und radikale Massnahmen empfiehlt Wittmann, um Staatsbankrotte längerfristig abwenden zu können. Namentlich steht er für eine Abkoppelung der Sozialversicherungen von den Staatsfinanzen, ein effizienteres Gesundheitswesen, die Privatisierung öffentlicher Betriebe und eine tief greifende Reform des Steuersystems ein.

Seinen Empfehlungen setzt Wittmann indes bereits selbst die politische Praxis gegenüber, welche die Bemühungen gegen die Verschuldung von Staaten zunichte machten. Nicht zuletzt deshalb brauche der Leser sich die Frage nach Wirkung und Nebenwirkungen der empfohlenen Medizin gar nicht erst zu stellen, merkt ein Rezensent der Nachrichtenagentur SDA kritisch an. Beantwortet werde die Frage nach den Wirkung der propagierten Radikalkur von Wittmann höchstens ansatzweise.

Weder für Laien noch für Fachleute?

Unklar bleibe zudem, für welche Zielgruppe Wittmann «Staatsbankrott» geschrieben hat. Für ein Fachpublikum sei das Buch zu banal, da es lediglich eine Aneinanderreihung von allgemein bekannten oder bereits vielfach geäusserten Phänomenen, Thesen und politischen Rezepten sei. Gleichzeitig sei das Buch aber auch für Laien ungeeignet, da es nicht von Grund auf erkläre, wie, weshalb und wann Staaten bankrott gehen können.

Die durchaus anschaulichen Erklärungen am Anfang des Buches sowie ein geschichtlicher Abriss über Pleite gegangene Staaten machten Wittmanns Buch aber zu einer durchaus kurzweiligen Lektüre für Politikinteressierte mit einem gewissen Hintergrundwissen. Diese können sich dann, wenn es sich der emeritierte Professor bisweilen etwas gar einfach macht, das bei gewissen Erläuterungen erwartete «Aber» selbst dazudenken. (sda)

Buch «Staatsbankrott»

Walter Wittmann, «Staatsbankrott», Orell Füssli Verlag, 192 Seiten, erscheint am 19. Mai.

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