«Katastrophe für die Umwelt» – Umstrittenes Schieferöl aus den USA – sinken jetzt die Energiepreise?
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«Katastrophe für die Umwelt»Umstrittenes Schieferöl aus den USA – sinken jetzt die Energiepreise?

US-Präsident Joe Biden hat die heimischen Erdölfirmen dazu aufgerufen, ihre Produktion zu erhöhen – auch mit Fracking. Von der bei Umweltschützern verpönten Bohr-Methode profitiert auch die Schweiz. So sinken derzeit die Ölpreise. 

von
Marcel Urech
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Die Methode für die Gewinnung von Schieferöl ist in den USA wieder im Aufwind – und gleichzeitig hochumstritten.

Die Methode für die Gewinnung von Schieferöl ist in den USA wieder im Aufwind – und gleichzeitig hochumstritten.

Wikipedia/Joshua Doubek/CC BY-SA 3.0
US-Präsident Joe Biden hat die heimische Fracking-Industrie am Mittwoch dazu aufgefordert, die Produktion hochzufahren.

US-Präsident Joe Biden hat die heimische Fracking-Industrie am Mittwoch dazu aufgefordert, die Produktion hochzufahren.

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Biden hat zudem die Reserven der USA angezapft und für die nächsten sechs Monate eine Million Barrel Öl pro Tag freigeben.

Biden hat zudem die Reserven der USA angezapft und für die nächsten sechs Monate eine Million Barrel Öl pro Tag freigeben.

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Darum gehts

Die USA sind der grösste Rohölproduzent der Welt –auch dank Fracking. Dieses erlebt gerade ein Comeback: US-Präsident Joe Biden hat die heimische Fracking-Industrie am Mittwoch dazu aufgefordert, die Produktion hochzufahren. Er will so die Fördermenge erhöhen, um gegen die hohen Erdölpreise anzukämpfen.

So landet Fracking-Öl in der Schweiz

Doch Fracking kann laut der Uni Harvard tödliche Folgen für Menschen haben (siehe Box). Dennoch gelangt nun wieder mehr des Öls nach Europa – obwohl viele EU-Länder Fracking verboten haben. Das trifft auch die Schweiz: Laut dem Verband Avenergy Suisse stammten 2020 rund 35 Prozent des Erdöls in der Schweiz aus den USA.

Biden hat die Reserven der USA angezapft und für die nächsten sechs Monate eine Million Barrel Öl pro Tag freigeben. Die laut dem US-Präsident «grösste Freigabe von Ölreserven in der Geschichte» drückte den Preis der US-Erdölsorte «WTI» kurz nach der Ankündigung um rund sieben Prozent und unter 100 Dollar.

USA bremsen Preisexplosion – vorerst?

«Staaten sollten ihre Ölreserven nicht freigeben, um den Preis zu beeinflussen», sagt Roland Bilang von Avenergy Suisse. Das sieht auch der Bund so: Er öffnet seine Lager, wenn die Tankstellen zu wenig Öl haben – und nicht um die Preise zu drücken. Bei Avenergy teile man die Befürchtung vieler Experten und Expertinnen, dass der Preisrückgang durch die Öffnung der Pflichtlager in den USA nur kurzfristig sei, so Bilang.

Ob der Effekt auf den Preis wie so oft bald verpufft, sei noch unklar, sagt der Rohstoffanalyst Norbert Rücker von der Bank Julius Bär. Denn Biden habe dieses Mal eine ungewöhnlich grosse Menge an Öl freigegeben. Diese könnte die hohen Preise stärker dämpfen, als die Erfahrung aus der Vergangenheit nahelege.

Fracking boomt wieder

Fracking boomte in den USA zuerst und stürzte dann ab, weil der Ölpreis tief war und Subventionen wegfielen. Nun hat der Wind gedreht: Die Bohraktivität hat laut Rücker zugenommen, es wird wieder mehr investiert und die Branche schafft Arbeitsplätze. Er geht davon aus, dass die USA im nächsten Jahr so viel Öl fördern wie noch nie.

Im Januar 2020 machte Schieferöl laut dem US-Energiedepartement bereits mehr als die Hälfte der gesamten Ölförderung in den USA aus. Mit Bidens Plan dürfte die Fracking-Industrie, die wegen der steigenden Erdölpreise bereits seit Ausbruch der Pandemie im Aufwind ist, noch stärker boomen.

Fracking ist teuer und lohnt sich erst ab einem gewissen Ölpreis. Experten gehen davon aus, dass sich das Bohr-Verfahren ab einem Ölpreis von 80 Dollar wirtschaftlich auszahlt. 

«Wahl zwischen Pest und Cholera»

Die Schweizerische Energie-Stiftung sagt auf Anfrage, dass das mit Fracking hergestellte Öl immer dann an Attraktivität gewinne und gefragt sei, wenn die Preise für Erdöl steigen. Und genau das passiere aktuell. Dass man darum nun stärker auf Fracking setze, sei eine «Katastrophe für die Umwelt», so die Stiftung.

Das sagt auch Oliver Classen, Sprecher von Public Eye. Die Schweiz habe die Wahl zwischen Pest und Cholera: Sie könne entweder «dreckiges Öl» aus den USA beziehen oder ihre Abhängigkeit von Staaten wie Libyen und Saudiarabien erhöhen, die die Menschenrechte mit Füssen treten. Das eigentliche Problem löse der Import aber sowieso nicht: «Wir müssen endlich weg vom Öl und stattdessen auf erneuerbare Energien setzen.»

Das ist Fracking 

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