Locarno, Freitag 15.7.: Unaufgeregte Klasse
Aktualisiert

Locarno, Freitag 15.7.Unaufgeregte Klasse

Katie Melua (20) ist die Bodenständigkeit in Person – dank ihrer Herkunft. Das Jazz-Talent singt nun im Vorprogramm von
Altmeister Joe Cocker.

Seit dem Fall der Mauern sind ganz neue Karrieren möglich. Wie Norah Jones begeistert die junge Katie Melua ihr Publikum mit feinen, poppigen Jazzsongs. Doch Melua ist keine Amerikanerin, sondern eine Georgierin, die in Nordirland aufgewachsen ist und nun in England lebt. Nach Belfast verschlug es die Familie, da ihr Vater dort eine Anstellung als Chirurg fand. In seiner Heimat hatte der Mediziner oft monatelang auf den Lohn warten müssen. Doch nicht nur des geregelten Einkommens wegen empfand Melua den Umzug als Aufstieg.

Natürlich habe sie die «troubles», den gewalttätigen Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten, mitbekommen, erklärte Melua der englischen Zeitung «The Scotsman». Im Vergleich zu den Verhältnissen in Georgien sei es ihr in Nordirland aber geradezu paradiesisch vorgekommen: keine Stromunterbrüche, zuverlässig fliessendes Wasser und Spielzeug in den Geschäften. Als sie zum ersten Mal Taschengeld bekam, wusste sie gar nicht, was sie sich davon kaufen sollte.

Mit solchen Statements klingt sie wie der Traum jedes Erziehungsberechtigten, der die Verluderung der heutigen Jugend beklagt. Dabei ist sich Melua dank ihrer Herkunft nur deutlicher bewusst, wie gross die Unterschiede sind. Wenn sie 100 Dollar für ein paar Schuhe ausgibt, könnten davon in Georgien fünf Familien einen Monat lang leben. Mike Batt, ihr Förderer und Produzent, verordnete Melua deshalb schon bald einmal einen Shoppingtrip. Das seien «Bühnenklamotten», wie sie in einem Gespräch erwähnte. Privat trage sie weiterhin die Secondhand-Jeans von früher.

Melua ist nicht kühl und abgeklärt, wie man nun vermuten könnte, höchstens ein bisschen ernsthaft. In ihrem Tagebuch, das sie anlässlich einer Reise nach Sri Lanka schrieb (sie besuchte ein Kinderhilfswerk), ist sie ganz der aufgeregte späte Teenager, der sie mit ihren knapp zwanzig Jahren auch ist. In ihrer Musik ist von dieser vermeintlichen Unreife freilich wenig zu spüren.

Wie viele Mädchen ihrer Generation schwärmte sie für die Spice Girls. Bei einem Onkel aber entdeckte sie später Queen und Bob Dylan, doch richtig begeistert war Klein Katie erst, als ihre Mutter einen Song von Eva Cassidy laufen liess. Der früh verstorbenen Singer/Songwriterin schrieb Melua den Song «Faraway Voice». Dieses Lied wiederum machte dann Mike Batt auf sie aufmerksam, der ihr Talent sofort erkannte. Das gemeinsam erarbeitete Album «Call Off the Search» verkaufte sich seither über eineinhalb Millionen Mal. Wer hätte das gedacht, als sie in Georgien geboren wurde?

Silvano Cerutti

Swisscom Fixnet präsentiert:

Freitag 15. Juli, 20.30 Uhr, Piazza Grande Locarno, CHF 70.–

Veranstalter: Good News

Tickets: www.Ticketcorner.com

Katie Melua «Call off the Search» (MV)

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