Wahl des Fifa-Präsidenten: Unbefleckter Walliser oder streitbarer Scheich
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Wahl des Fifa-PräsidentenUnbefleckter Walliser oder streitbarer Scheich

Heute wird in Zürich der Nachfolger des gesperrten Fifa-Präsidenten Sepp Blatter gewählt. Die Kandidaten: zwei Favoriten und drei Chancenlose.

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kai

Zwei Europäer, ein Afrikaner und zwei Vertreter des Nahen Ostens bewerben sich am heutigen ausserordentlichen Fifa-Kongress (ab 9.30 im Ticker) um die Nachfolge des gesperrten Präsidenten Sepp Blatter. Ihr berufliches Spektrum ist gross, ihre sportpolitische Ausgangslage komplett unterschiedlich. Die fünf Kandidaten im Detail.

Die Favoriten

Gianni Infantino (45/Schweiz): Der Sohn italienischer Immigranten hat sich dank seiner Intelligenz und nicht erlahmendem Ehrgeiz einen Platz in der internationalen Beletage des Sportmanagements erarbeitet. Im Schatten des inzwischen abgesetzten Uefa-Präsidenten Michael Platini führte der vierfache Familienvater seit 2009 in Nyon die europäische Cashmaschine als Generalsekretär. Der Rechtsanwalt mit mehrjähriger Erfahrung in der Clublizenzierung gilt als überaus dossiersicher. Europas und Südamerikas Verbände halten ihn geschlossen für den perfekten Kandidaten zur sofortigen Umsetzung des Reformpakets.

Die Akte des Wallisers ist unbefleckt, seine Wählbarkeit ist unumstritten: «Ich halte Infantino für unbestechlich», sagt der SFV-Präsident Peter Gilliéron über den Fifa-Thron-Anwärter. Der «Piccolino», ein familieninterner Übername aus seiner Kindheit, hat das grosse Bild vor Augen: «Die Verbände haben mit der Wahl die Kraft, ihr eigenes Schicksal und jenes der Fifa zu bestimmen.» Infantino kann auf die Stimmen aus Europa und Südamerika zählen, Zentralamerika und Teile der Karibik tendieren ebenfalls zu ihm. Infantino selbst rechnet zudem mit mehr als der Hälfte der afrikanischen Stimmen.

Scheich Salman bin Ibrahim al-Khalifa (50/Bahrain): In der 112-jährigen Fifa-Geschichte kamen bisher sieben von acht Präsidenten aus Europa; einzige Ausnahme war der Brasilianer João Havelange. Der Funktionär aus der Inselmonarchie Bahrain will die bestehende Hegemonie durchbrechen. Er geht von einem 50-prozentigen Stimmenanteil zu seinen Gunsten aus. Seine asiatische Konföderation steht offiziell hinter ihm. Auch der afrikanische Kontinentalverband hat ihm seine Unterstützung zugesichert, wobei das noch nicht heisst, dass die einzelnen Landesverbände auch für ihn stimmen. Trotzdem kann der Scheich wohl mit gegen 90 Stimmen aus diesen Regionen rechnen.

Hinter dem selbstbewussten Vorsitzenden der asiatischen Konföderation AFC stehen einflussreiche Helfer – beispielsweise das Exko-Mitglied Scheich Ahmed al-Sabah. Der Strippenzieher aus Kuwait sitzt seit 1992 im IOC und wird von Insidern immer wieder als Königsmacher bezeichnet. Zum Verhängnis werden könnte der Allianz aus dem Nahen Osten aber die aufflammende Debatte, ob Salman 2011 während der blutigen Niederschlagung der «Arabellion» in Bahrain eine Rolle gespielt hat. Für mehrere Menschenrechtsorganisationen und europäische Politiker ist der Immobilien-Mogul nicht wählbar.

Die Chancenlosen

Prinz Ali bin al-Hussein (40/Jordanien): Im letzten Mai trat der Prinz gegen den langjährigen Fifa-Monarchen Blatter an und blieb chancenlos. Die 77:133-Niederlage hält den früheren Vize-Präsidenten des Weltverbandes indes nicht von einer weiteren (aussichtslosen) Bewerbungskampagne ab. Auf Europas Support kann er nicht mehr zählen, in seiner eigenen AFC-Konföderation votiert die Mehrheit für Scheich Salman. Gleichwohl hält er, der vergeblich die Veröffentlichung des Garcia-Reports verlangt hat, sich selber «für den besten Kandidaten, weil ich für den Kulturwandel stehe». Der Spross aus der Königsfamilie ist berufsbedingt ein Konflikt-Stratege. In seiner Heimat leitet der Absolvent der britischen Militärakademie Sandhurst das Zentrum für Sicherheit und Krisenmanagement.

Jérôme Champagne (57/Frankreich): Der Pariser Politikwissenschaftler ist ein Mann der eher leisen, aber fundierten Zwischentöne. 1983 trat er ins französische Ministerium für ausländische Angelegenheiten ein und kam während 14 Jahren als Diplomat auf drei verschiedenen Kontinenten zum Zug. Er kennt die globalen Zusammenhänge, und er kennt das System Fifa im Detail. Nach seinem Mandat für das OK der WM 1998 stieg Champagne im Home of Fifa bis zum stellvertretenden Generalsekretär auf. Jahrelang war er Blatters politischer Berater. Er gehört nicht zum Lager der Blatter-Kritiker: «In zehn, zwanzig Jahren wird man beurteilen, was Blatter aus der Fifa gemacht hat. Ich bin sicher, dass er viel besser bewertet werden wird als heute», sagte er in einem NZZ-Interview. So gut vernetzt er auch ist, so verschwindend klein sind seine Wahlchancen.

Tokyo Sexwale (62/Südafrika): Weil er schon früh realisiert hat, dass die Mehrheit der Fifa-Delegierten auf andere Präsidentschaftsanwärter setzen wird, bot Sexwale über verschiedene mediale Kanäle Deals an. Er sei für «Verhandlungen und Allianzen» zu haben, so der Südafrikaner. Portiert und lanciert wurde er im Herbst von einem gestürzten Männer-Bund: Sepp Blatter und Franz Beckenbauer positionierten sich hinter dem einstigen Kämpfer gegen die Apartheid, der einst wie Nelson Mandela auf Robben Island inhaftiert war. Der ehemals unterdrückte ANC-Aktivist aus dem Township Soweto ist inzwischen vermögend wie kaum ein anderer südafrikanischer Geschäftsmann. Detaillierte Zahlen aus seinem Handel mit Gold, Diamanten, Platin und Öl verschweigt er indessen. Ehemalige Mithäftlinge werfen ihm in einer ARD-Dokumentation Bereicherung im grossen Stil vor. Über seinen Freund Blatter sagt er: «Blatters Arbeit ist ein Monument, das für sich selbst steht.» (kai/sda)

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