03.04.2020 03:01

Kritik von Armeeangehörigen

«Und nachher gehen wir dann Leute anstecken?»

In der Armee würden die wichtigsten Regeln im Kampf gegen das Coronavirus verletzt, kritisieren Soldaten. Die Armee widerspricht.

von
mme

In der Schweizer Armee gibt es über 130 Corona-Patienten. Dennoch werde nicht alles getan, um das Virus einzudämmen, kritisieren mehrere Armeeangehörige, die sich an 20 Minuten gewandt haben. «Desinfektionsmittel für die Hände gab es nicht. Und Schutzmasken haben wir in zwei Tagen nur eine bekommen», sagt etwa ein Soldat*, der derzeit Dienst als Sanitäter leistet und anonym bleiben möchte. Und er äussert weitere Kritik: So könne in vielen Situationen die 2-Meter-Regeln nicht eingehalten werden. Seine Truppe habe trotz eines bestätigten Corona-Falls eine fast sechsstündige Reise von der Westschweiz ins Tessin antreten müssen.

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Soldaten kritisieren, dass im Dienst oft der Mindestabstand nicht eingehalten werde: So wie hier auf einer Zugsreise, welche Sanitäts-Soldaten kürzlich vom Welschland ins Tessin unternahmen.

Soldaten kritisieren, dass im Dienst oft der Mindestabstand nicht eingehalten werde: So wie hier auf einer Zugsreise, welche Sanitäts-Soldaten kürzlich vom Welschland ins Tessin unternahmen.

Leser-Reporter
«Auch beim Essen waren wir nahe zusammen», sagt ein Soldat.

«Auch beim Essen waren wir nahe zusammen», sagt ein Soldat.

Er habe sich sehr gewundert: «Und nachher gehen wir dann im Spital Leute anstecken?», habe er sich gefragt.

Er habe sich sehr gewundert: «Und nachher gehen wir dann im Spital Leute anstecken?», habe er sich gefragt.

«An unserem ersten Standort in der Westschweiz wurde in der Kaserne nicht gross auf die Abstandsregel geachtet. Beim Essen zum Beispiel waren wir nahe beisammen. Und nur einmal wurden wir vom Kadi darauf hingewiesen, wir sollten doch Abstand halten. Höhere Vorgesetzte ermahnten uns deswegen nicht», sagt der Sanitäter. Auch bei der Zugreise ins Tessin seien die Soldaten nah beisammen gewesen. Er habe sich deswegen sehr gewundert: «Und nachher gehen wir dann im Spital Leute anstecken?», habe er sich gefragt.

Am neuen Standort im Tessin hingegen werde sehr gut auf die Corona-Regeln geachtet, lobt der Soldat. Bei der Ankunft seien alle Sanitätssoldaten medizinisch gecheckt worden; es seien zwar keine Corona-Tests gewesen, aber ein Arzt habe zum Beispiel die Zunge kontrolliert und die Temperatur gemessen.

«Provokante Materialkontrolle»

Auch ein anderer Soldat kritisiert die Armee: Seine Kompanie habe trotz der Abstandsregel unter Zeitdruck eine Materialkontrolle absolvieren müssen, was er als «aufgezwungen» und «provokant» einstuft. Was ihn besonders aufregt: «Immer wieder werden wir angeschrien, wir müssten zwei Meter Abstand voneinander haben. Und dann führt man mit so vielen Rekruten auf einem so kleinen Platz diese Kontrolle durch.» Das Social Distancing sei nicht möglich. Auch dieser Soldat möchte anonym bleiben, er hofft einfach, dass sein «Hilferuf erhört» wird.

«Das ist eine Frage der Disziplin»

Armeesprecher Daniel Reist widerspricht der Kritik. Zu den Materialkontrollen sagt er, die würden auch derzeit zum Dienst gehören. «Die Abstandsregel kann auch bei dieser Tätigkeit eingehalten werden, das ist eine Frage der Disziplin», sagt er.

Schutzmaterial wie Desinfektionsmittel für die Hände und Schutzmasken fürs Gesicht habe die Armee «definitiv genug», sagt Reist weiter. Allerdings würden diese nicht allen Armeeangehörigen verteilt, sondern funktionsabhängig abgegeben.

Reist betont, dass die Armee bei bestätigten Corona-Fällen in ihren Reihen strikte die Vorgaben des Bundesamtes für Gesundheit befolge. Der Virusträger werde demnach isoliert, und wer länger als eine Viertelstunde Kontakt mit dieser Person gehabt habe, komme in Quarantäne. Allerdings würden Soldaten auch in Quarantäne weiter arbeiten, einfach abgesondert vom Rest der Truppe, die keinen Kontakt mit dem Virusträger gehabt habe. Wenn die Richtlinien des BAG eingehalten werden, können Soldaten auch eine Zugreise unternehmen, sagt Reist weiter zur Kritik des Sanitätssoldaten.

* Namen der Redaktion bekannt

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