Aktualisiert 10.10.2016 17:12

Tippen war gesternUnd plötzlich verschicken alle Sprachnachrichten

Viele junge Menschen ziehen es vor, mündliche statt schriftliche Nachrichten mit dem Handy zu versenden. Verlernen wir das Schreiben?

von
B. Zanni
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Partys, Beziehungen, Freundschaften und Schule: Um diese Themen drehen sich die Sprachnachrichten, die sich Jugendliche via Whatsapp schicken.

Partys, Beziehungen, Freundschaften und Schule: Um diese Themen drehen sich die Sprachnachrichten, die sich Jugendliche via Whatsapp schicken.

Bild: Stevan Bukvic / Custom Images
«Weil es schneller geht, finden viele Sprachnachrichten bequemer, als einen Text einzutippen», sagt der Social-Media-Experte und Lehrer Philippe Wampfler. Auch schätzten es die jungen Menschen, etwas zeitversetzt mitteilen zu können - im Gegensatz zum Telefonieren.

«Weil es schneller geht, finden viele Sprachnachrichten bequemer, als einen Text einzutippen», sagt der Social-Media-Experte und Lehrer Philippe Wampfler. Auch schätzten es die jungen Menschen, etwas zeitversetzt mitteilen zu können - im Gegensatz zum Telefonieren.

philippe-wampfler.ch
Manuel P. Nappo, Leiter des Center for Digital Business an der Hochschule für Wirtschaft in Zürich, beobachtet einen Trend zu Audionachrichten seit rund einem Jahr. «Die Jugendlichen benutzen Kommunikations-Tools sehr pragmatisch und haben mittlerweile entdeckt, dass Sprachnachrichten für sie praktischer sind.»

Manuel P. Nappo, Leiter des Center for Digital Business an der Hochschule für Wirtschaft in Zürich, beobachtet einen Trend zu Audionachrichten seit rund einem Jahr. «Die Jugendlichen benutzen Kommunikations-Tools sehr pragmatisch und haben mittlerweile entdeckt, dass Sprachnachrichten für sie praktischer sind.»

hwzdigital.ch/author/manuel

Hunderte Whatsapp-Nachrichten pro Tag zu verschicken, ist für viele Jugendliche normal. Dabei plaudern sie ihre Mitteilungen laut Fachleuten zunehmend ins Handy. «Viele finden das bequemer als Schreiben – weil es schneller geht», sagt etwa der Social-Media-Experte und Lehrer Philippe Wampfler. Auch schätzten es viele, etwas zeitversetzt mitteilen zu können, was bei einem Telefongespräch nicht möglich sei. «Sie wollen dem Empfänger Gelegenheit geben, sich etwas dann anzuhören, wenn es passt.»

Eine weitere Beobachtung von Wampfler: «Jugendliche verwenden Sprachnachrichten auch gerne, wenn es um Emotionales geht wie Freundschaft und Beziehungen, wo schriftlich Missverständnisse entstehen könnten.» Mit der Stimme sei es einfacher, den richtigen Ton zu treffen und bestimmte Emotionen zu vermitteln.

Und nicht zuletzt komme diese Kommunikationsform all jenen entgegen, die zu Rechtschreibfehlern tendieren. «Dann müssen sie sich für Fehler nicht schämen.»

«Erzählen statt überlegen»

Whatsapp bietet Audiobotschaften seit 2013 an. Manuel P. Nappo, Leiter des Center for Digital Business an der Hochschule für Wirtschaft in Zürich, beobachtet den Trend seit rund einem Jahr. «Die Jugendlichen benutzen Kommunikations-Tools sehr pragmatisch und haben mittlerweile entdeckt, dass Sprachnachrichten für sie praktischer sind.»

Er stellt fest, dass die mündlichen Botschaften oft deutlich länger als die schriftlichen ausfallen. «So können sie etwas frisch von der Leber erzählen, ohne sich gleichzeitig überlegen zu müssen, wie sie sich am kürzesten fassen könnten.»

Laut Nappo ist der Trend Teil einer neuen Kommunikationsweise. «Die jungen Menschen wollen einen bleibenden Eindruck hinterlassen.» Deshalb seien auch Emoticons und Snapchat, auf denen kurze Videos verschickt werden, beliebter als schriftliche Botschaften.

«Risiko, ausgelacht zu werden»

Die Fachpersonen üben aber auch Kritik. Durch die sehr persönliche Note der mündlichen Botschaften sei das Risiko, sich eine Blösse zu geben, grösser, sagt Nappo. «Erzählt ein junger Mann seiner Ex-Freundin in angetrunkenem Zustand seinen Herzschmerz, könnte er von anderen ausgelacht werden, wenn die Audiobotschaft weitergeleitet wird.» Laut Wampfler gibt es zudem Nutzer, die sich über die Sprachnachrichten ärgern. «Wenn sie Musik hören, müssen sie dafür extra unterbrechen.»

Welche Auswirkungen hat die Whatsapp-Plauderei auf die Schreibfertigkeiten? Karina Frick, Medienlinguistin und Co-Autorin des Buchs «Schreiben Digital», sieht die Rechtschreibkompetenz nicht in Gefahr, wenn nicht einmal mehr auf dem Handy geschrieben wird: «Auch das Freizeitschreiben unterscheidet sich vom schulischen Schreiben.» Zudem setzten sich die Jugendlichen etwa durch News-Apps und Social Media heute mehr denn je mit Schriftlichem auseinander.

Lerneffekt für Vorträge?

Frick schliesst nicht aus, dass die Audio-Botschaften sogar einen Lerneffekt haben könnten. «Damit ihre Nachrichten gerne gehört werden, müssen die Jugendlichen diese auch sprachlich ansprechend und eloquent vermitteln können.» Dies könne möglicherweise dabei helfen, bei Schulvorträgen überzeugend aufzutreten.

Aufmerksamkeit zu erhalten, sei in der heutigen Medienkultur das höchste Gut. Sprachnachrichten verlangten vom Empfänger mehr Aufmerksamkeit als schriftliche Nachrichten. «Vielen Jugendlichen geben die Sprachnachrichten auch eine Plattform, um sich zu inszenieren.»

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