YouTube-Star in Zürich: Und täglich hopst der «Dancing Matt»
Aktualisiert

YouTube-Star in ZürichUnd täglich hopst der «Dancing Matt»

Matthew Harding tanzt ungelenk vor Sehenswürdigkeiten auf der ganzen Welt. Seine Videos sind YouTube-Hits, er ein Star. Jetzt beehrte er erstmals Zürich.

von
F. Burch/M. Bangerter

Matt Harding auf der Polyterrasse in Zürich.

Studenten, die sich eine Pause gönnen, Touristen, die den Blick über die Stadt geniessen — eigentlich ist an diesem Mittwochabend alles wie immer auf der Polyterrasse in Zürich. Pünktlich um 17 Uhr jedoch betritt ein Mann mit kurzen dunklen Haaren, weissem Hemd, olivfarbener Hose, bequemen braunen Schuhen und einem riesigen roten Rollkoffer den Platz. Sofort ist er umringt von weit über 100 Personen, die zuvor unauffällig auf der Terrasse standen. Handys werden gezückt und der Mann wird gefilmt. Einer fragt: «Wie viele Klicks hat er auf YouTube?»

Mit «who is here to dance?» beginnt der Mann in der Mitte seine Show. Hunderte Hände schnellen hoch, einige rufen «Me». Danach begrüsst er seine Fans und informiert, er müsse im ETH-Gebäude eine Bewilligung holen um daraus filmen zu können, danach gehe es los.

Das erste Video entstand in Vietnam

Der Mann, der hier seine Anweisungen gibt, heisst Matthew Harding, ist 35 Jahre alt und kommt aus Amerika. Die Leute nennen ihn Dancing Matt. Bekannt wurde er mit einem einfachen, eher ungelenken Tanz. Diesen führte er früher vor Freunden auf. Während einer längeren Reise liess er sich dabei filmen, erstmals in Vietnam. Zurück in Seattle schnitt er ein kurzes Video zusammen und stellte es ins Internet. Das Video ging um die Welt, erreichte zeitweise fantastische 20 000 Klicks pro Tag.

Rasch wurde die Werbeindustrie auf den neu geborenen Internetstar aufmerksam, 2006 unterschrieb Harding einen Vertrag mit einer Kaugummifirma, die ihm eine weitere Reise finanzierte. Harding professionalisierte seine Arbeit, tanzte an den schönsten Plätzen der Welt: Vor Pyramiden, auf Dünen, in Blumenfeldern, an Stränden, im Regenwald.

72 000 Follower, 73 Millionen Klicks

Mittlerweile tanzt Harding nicht mehr alleine. Er lädt Menschen, des Ortes, an dem er dreht, ein, vor die Kamera zu treten und mitzumachen. Dank seiner Berühmtheit und Social Media bekommt er innert kürzester Zeit hunderte Fans zusammen. Am Dienstag war er in Mailand, einen Tag später in Zürich und die Massen mobilisierte er in beiden Städten. 72 000 Abonnenten sind es heute, die verfolgen, was der Youtube-Tänzer treibt. Hardings Videos sind sagenhafte 73-Millionen-Mal angeklickt worden.

Harding kommt aus dem ETH-Gebäude und gibt Anweisungen. Er tut dies bestimmt und routiniert. Dass er es schon hunderte Male genau so handhabte, kann er nicht verbergen. Er wirkt sehr abgeklärt, wie ein Geschäftsmann. Ein Anwesender findet: «Viel gestresster als in seinen ersten Videos, das Ganze wurde halt zum Business.» Daraus macht Harding kein Geheimnis: «Das ist jetzt mein Beruf, ihr tanzt mit mir und ich werde damit Geld machen. Passt dies jemandem nicht, muss er gehen.» Der Mann, der früher in der Computerbranche tätig war, arbeitet zur Zeit nichts mehr anderes und ist unter anderem der Star einer Werbekampagne einer grossen Kreditkartenfirma.

Geduldig gibt der Star Unterschriften

Ein Helfer installiert Hardings Aufnahmegerät. «Alle Taschen hinter die Kamera», dirigiert Dancing Matt und gibt dann die Fläche vor, auf der getanzt werden soll. Kinder reihen sich ein, Jugendliche, Männer in Anzügen. Bevor es losgeht müssen alle per Daumen-Hoch-Zeichen bestätigen, sich damit einverstanden zu erklären, dass das Videomaterial vermarktet werden wird. Dann legt Harding los, zeigt ein paar Schritte, übt diese mit der Masse und begibt sich dann für die Aufnahmen mitten in den Pulk. Nach der ersten Übung wird applaudiert, gelacht. Es folgen etwa fünf weitere. Harding treibt seine Fans mit Sprüchen wie «have a good time», «a little less Swiss» oder «now we go crazy» an. Den Leuten gefällts und für viele ist die Performance nur allzu rasch vorbei.

Danach nimmt sich Harding ausgiebig Zeit für seine Fans. Für 15 Franken bringt er T-Shirts mit der Aufschrift «I danced with Matt – World Tour 2011» an den Mann und signiert diese. Es ist schon dunkel, als der letzte Fan seine Unterschrift, sein Foto, seinen privaten Tanz mit dem YouTube-Star bekommt. Harding bleibt auf der Polyterrasse bis der letzte Fan zufrieden ist. Macht das Tanzen immer noch Spass oder ist die Freude am Tanzen verflogen? «No, it's a lot of fun», antwortet Harding wie aus der Kanone geschossen. So ganz überzeugend wirkt die Antwort dennoch nicht. Glaubwürdiger klingt die Aussage, er sei überzeugt, für sein neues Video einen Sponsor zu finden.

Dancing Matt in aller Welt

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