Bayerischer Skywalk: ... und unter den Füssen 1000 Meter Nichts
Aktualisiert

Bayerischer Skywalk... und unter den Füssen 1000 Meter Nichts

Zwei Stahlrampen ragen ins Nichts, und nur ein dünner Gitterboden trennt die Touristen vom Abgrund. Das ist die neueste Attraktion in Bayern.

von
Ronja von Wurmb-Seibel
DDP

Die neue Aussichtsplattform «Alpspix» auf der Alpspitze in Garmisch-Partenkirchen ist nichts für schwache Nerven: Zwei Rampen in X-Form ragen je 13 Meter über den Abgrund, elf Meter sind auf dem Berg verankert. Unter dem Gitterboden klafft ein Abgrund von 1000 Metern. Der oberbayerische Regierungspräsident Christoph Hillenbrand hatte nicht Unrecht, als er bei der Eröffnung am Sonntag sagte, die «Alpspix» setze neue Akzente. Zumindest in Europa sucht die Attraktion ihresgleichen.

Die Zugspitzbahn setzt grosse Hoffnungen in die neue Attraktion. So sind die Wege barrierefrei gestaltet, um auch Familien mit Kinderwägen und Rollstuhlfahrer anzulocken. In 2050 Metern Höhe können sie die umliegenden Berge aus einer Perspektive betrachten, die bisher nur erfahrenen Bergsteigern vorbehalten war: Eine Rampe neigt sich abwärts in Richtung Höllental und bayerisches Alpenvorland, die andere zeigt himmelwärts zur Zugspitze.

Am Eröffnungstag war vom höchsten Gipfel Deutschland allerdings wenig zu sehen. Die Natur machte den Veranstaltern einen Strich durch die Rechnung: Dichte Wolkendecken, Nebel und Gewitter verbauten den Ausblick. Die meisten Besucher waren trotzdem beeindruckt von der rund 350 000 Euro (467 000 Franken) teuren Attraktion. «Das passt zu Garmisch-Partenkirchen, das passt zu Oberbayern, das passt einfach alles zusammen», fand beispielsweise der 63-jährige Hubert Wörmann, der schon sein ganzes Leben lang in Partenkirchen wohnt.

Kritik am «Fast-Food-Naturerlebnis»

Doch nicht jeder hat Freude am «Alpspix»: Die beiden Profi-Bergsteiger Stefan Glowacz und Jürgen Knappe protestierten mit einer spektakulären Aktion gegen die neue Aussichtsplattform. Mit Seilen und Klettergurten befestigt und auf einer Hängematte stehend, baumelten sie unter der oberen Rampe. «Unsere Berge brauchen keinen Geschmacksverstärker», war auf einem grossen Banner zu lesen. «Für mich ist das ein Fast-Food-Naturerlebnis», sagte Glowacz, der schon vor Beginn der Bauarbeiten gegen das Projekt demonstriert hatte. Man solle Natur erleben und geniessen, statt sie im Schnelldurchlauf zu konsumieren.

Rund um die Zugspitze ist die «Alpspix» das bisher umstrittenste Projekt. Gegner kritisieren den Trend, den Massentourismus immer weiter in die Bergwelt zu holen. Man dürfe die Alpen nicht zu einer blossen Kulisse degradieren, warnte auch der Deutsche Alpenverein. Anlagen, die nur den Charakter von Fahrgeschäften besässen, hätten in der freien Natur nichts zu suchen. «Da wird um jeden Preis versucht, Geld locker zu machen», sagte der Vorstandsvorsitzende der Sektion Garmisch-Partenkirchen, Markus Dorfleitner. Mit Naturschutz und Nachhaltigkeit sei das Ganze nicht zu vereinbaren.

Neue Attraktion soll Touristenmagnet werden

Befürworter argumentieren hingegen, die Gegend um die Alpspitze sei ohnehin schon weitgehend erschlossen. Indem man Touristenströme an einer Stelle bündele, könne man ursprüngliche Natur an anderen Orten erhalten. Zudem spielt der finanzielle Anreiz eine grosse Rolle, auch wenn die Aussichtsplattform selbst keinen Eintritt kostet. «Zahlreiche Bergliebhaber werden deswegen ins Werdenfelser Land kommen und die seit langem vorhandene Seilbahn nutzen», erklärte Hillenbrand.

Bisher nutzen täglich rund 1000 Besucher die Fahrbahn, mit dem Alpspix erwarte man einen Zuwachs von bis zu 30 Prozent, sagte der Vorstand der Bayerischen Zugspitzbahn, Peter Theimer. Ob die Aussichtsplattform auch im Winter geöffnet ist, steht derzeit noch nicht fest. Der Schnee könnte zwar grösstenteils durch den Gitterboden fallen, zusätzlich Räumungsarbeiten seien vermutlich aber trotzdem nötig, erklärte Theimer. Ob dieser Aufwand finanziell lohnt, werde man erst im Herbst entscheiden.

(Video: YouTube.com)

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