24.07.2020 02:56

«Mehr Unfälle»

Unerfahrene Töff-Lernfahrer fluten die Strassen

Die Schweiz erlebt einen Töff-Hype. Zu Tausenden machen unerfahrene Lernfahrer mit ihren Maschinen die Strassen unsicher.

von
Joel Probst
1 / 8
Allein in Bern stellte das Strassenverkehrsamt bislang doppelt so viele Töff-Lernfahrausweise aus wie im Vorjahr.

Allein in Bern stellte das Strassenverkehrsamt bislang doppelt so viele Töff-Lernfahrausweise aus wie im Vorjahr.

KEYSTONE
Fahrlehrer werden mit Anfragen für Motorradstunden und Grundschulungen überhäuft, wie Jürg Stalder, der Präsident des Schweizer Motorrad-Fahrlehrer-Verbands, sagt.

Fahrlehrer werden mit Anfragen für Motorradstunden und Grundschulungen überhäuft, wie Jürg Stalder, der Präsident des Schweizer Motorrad-Fahrlehrer-Verbands, sagt.

iStock / Patrick Hutter
«Weil man jetzt wegen Corona nicht in die Ferien kann, machen sehr viele den Töffausweis», sagt er.

«Weil man jetzt wegen Corona nicht in die Ferien kann, machen sehr viele den Töffausweis», sagt er.

flickr / Hammad Khan

Darum gehts

  • Wegen Corona und Regelverschärfungen ab 2021 boomt das Töfffahren.
  • Das Berner Strassenverkehrsamt etwa stellte bislang doppelt so viele Töff-Lernfahrausweise aus wie im Vorjahr.
  • Töff-Fahrlehrer werden mit Anfragen überhäuft, Prüfungstermine sind Mangelware.
  • Mit so vielen unerfahrenen Fahrern auf der Strasse werden mehr Unfälle passieren, sagt ein Fahrlehrer.

«Weil man jetzt wegen Corona nicht in die Ferien kann, machen sehr viele den Töffausweis», sagt Jürg Stalder, Präsident des Schweizer Motorrad-Fahrlehrer-Verbands. Der Fahrlehrer kommt bei den vielen Anfragen für Motorradstunden und Grundschulungen fast nicht mehr nach: «Wir werden überrannt. Im Moment wollen gut ein Drittel mehr Leute als üblich anfangen, Töff zu fahren.» Er sei bereits jetzt schon bis im September ausgebucht.

Das habe aber nicht nur damit zu tun, dass die Leute wegen Corona mehr Zeit hätten. «Viele wollen von den jetzt noch geltenden, lockeren Regeln profitieren», sagt Stalder. Denn per Anfang 2021 kommt man nur noch deutlich schwieriger an einen Motorradführerschein der leistungsstärksten Kategorie A: Der Direkteinstieg ist dann nicht mehr möglich, und beim Aufstieg aus der Kategorie A beschränkt muss nochmals eine praktische Prüfung absolviert werden.

Das sind die Motorrad-Kategorien

Kategorie A: Motorräder mit einer Motorleistung von mehr als 35 kW und einem Verhältnis von Motorleistung und Leergewicht von mehr als 0,20 kW/kg.

Kategorie A beschränkt: Motorräder mit einer Motorleistung von nicht mehr als 35 kW und einem Verhältnis von Motorleistung und Leergewicht von nicht mehr als 0,20 kW/kg.

Kategorie A1 (Unterkategorie): Motorräder mit einem Hubraum von nicht mehr als 125 ccm und einer Motorleistung von höchstens 11 kW.

Kategorie M: Motorfahrräder.

Doppelt so viele Lernfahrausweise ausgestellt

Auch die Strassenverkehrsämter spüren den Motorrad-Hype: «Zurzeit sind im Kanton Bern ca. 6000 Lernfahrausweise für Motorräder ausgestellt, im Vorjahr war es nur etwa die Hälfte», sagt Niklaus Lundsgaard-Hansen vom Berner Strassenverkehrsamt.

Beim Strassenverkehrsamt Zürich tönt es ähnlich: «Die Anzahl ausgestellter Töff-Lernfahrausweise hat merklich zugenommen», sagt Roger Volgger, Chefexperte Führerprüfungen: «Wegen der Verschärfungen per Januar 2021 lösen viele Lernfahrausweise. Zudem haben die Leute mehr Zeit, weil sie nicht ins Ausland gehen.»

Prüfungstermine sind Mangelware

«Überhaupt schon an einen Prüfungstermin zu kommen, ist ein Problem», sagt Fahrlehrer Stalder: Die Termine seien knapp und bereits sehr früh ausgebucht. Tatsächlich arbeitet man beim Strassenverkehrsamt Bern daran, «die Prüfungsangebote auf das maximal Mögliche auszubauen», wie Lundsgaard-Hansen sagt.

«Wir werden die Prüfsaison wohl bis Ende November verlängern.» Zudem würden die Verkehrsexperten und Begleitfahrzeuge maximal ausgelastet. So könnten «deutlich mehr Prüfungen» abgenommen werden als normalerweise. Dafür gingen allerdings Kapazitäten für Fahrzeugprüfungen und allenfalls für Autoprüfungen verloren. «Wir rechnen mit der Nachfragespitze im Oktober und November 2020.» Auch das Zürcher Strassenverkehrsamt hat die Prüfungskapazitäten ausgebaut und bietet mehr Termine an.

PS-starke Maschinen überfordern viele

Der Ansturm ist gross. Doch Fahrlehrer Stalder warnt: «Es sind nicht alle physisch geeignet, um auf einer schweren Harley zu sitzen.» Kaum jemand achte darauf, ob das Motorrad auch zu einem passe, etwa von der Grösse her: «Die Motorradverkäufer verkaufen sehr gerne schnelle Töffs. Dass der Lernfahrer seine Maschine nicht beherrschen kann, ist dann oft das Problem des Fahrlehrers.»

Besonders bei den Direkteinsteigern in die höchste Kategorie A zeige sich das: «Von ihnen fährt sicher die Hälfte einen Töff mit über 150 PS. Sie denken sich ‹Wenn schon, denn schon!›. Für Anfänger sind solche Motorräder aber sehr schwierig zu beherrschen.» Viele seien überfordert, weil sie sich der Kraft der Maschinen gar nicht bewusst seien. Stalder rät deshalb, kleiner anzufangen. «Man hat nur ein Leben. Wegen der falschen Töffwahl im Rollstuhl zu landen, bringt nichts.»

Geht von Lernfahrern eine Gefahr aus?

«Dass Töff-Lernfahrer Schweizer Strassen fluten, wird sicher nicht zur Verkehrssicherheit beitragen», sagt Stalder. Für ihn ist klar: «Es werden sicher mehr Unfälle passieren. Schon allein deshalb, weil mehr gefahren wird.» Lernfahrer seien besonders gefährdet, weil sie oft mit Unsicherheiten zu kämpfen hätten und deshalb Gefahrensituationen schlechter entschärfen könnten. «Sie müssen sich stärker darauf konzentrieren, ihre Maschine zu beherrschen.»

Eine Prognose will die Beratungsstelle für Unfallverhütung nicht wagen. Doch auch Sprecherin Mara Zenhäusern sagt: «Je mehr Kilometer gefahren werden, desto höher sind die Unfallzahlen.» Töfffahren sei pro gefahrenen Kilometer immerhin rund fünfzigmal gefährlicher als Autofahren.

Leuchtweste und ABS

So schützt man sich auf dem Töff

Schützen kann man sich laut der Beratungsstelle für Unfallverhütung, indem man auf dem Motorrad defensiv und vorausschauend fährt. «Als Töfffahrer muss man mit den Fehlern von anderen Verkehrsteilnehmern rechnen», so Sprecherin Zenhäusern. Wichtig sei zudem eine gute Schutzausrüstung, etwa Töffstiefel, Handschuhe sowie ein Rückenpanzer. «Zusätzlich empfehlen wir, auf dem Motorrad für bessere Sichtbarkeit reflektierende Kleider oder eine Leuchtweste zu tragen.»

Bei der Anschaffung eines Töffs sei zu beachten, ob dieser ABS oder am besten sogar Kurven-ABS habe. Diese Systeme verkürzten den Bremsweg und verkleinerten das Sturzrisiko deutlich. «Damit liessen sich dreissig bis vierzig Prozent der schweren Unfälle verhindern.»

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.
192 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

Rafa

24.07.2020, 06:56

Überforderte 45er E-Biker sind im täglichen Verkehr die grössere Gefahr als Töff- Lernfahrer.

Minu

24.07.2020, 06:56

Und schon wieder behauptet die Bfu, dass mit ABS der Bremsweg kürzer werde!👎🏼

Rudi Ratlos

24.07.2020, 06:55

Bei den Tauchern ist es genau so. Alle sitzen gelangweilt zuhause und lernen nun tauchen. Der Wahnsinn, was an unsern Seen abgeht!