Rettungsschwimmer zu Badeunfall: «Unfälle mit Wasserwalzen enden häufig tödlich»
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Rettungsschwimmer zu Badeunfall«Unfälle mit Wasserwalzen enden häufig tödlich»

Zwei Personen werden vermisst, nachdem sie den Fluss oberhalb eines Wasserfalls in Henau SG überqueren wollten. «Man ist der Strömung ausgeliefert», sagt ein Experte zur Gefahr der tödlichen Wasserwalzen.

von
Joel Probst
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Zwei Personen werden in Henau SG seit Sonntagabend vermisst. Laut der St.Galler Kantonspolizei sind die beiden in der Wasserwalze dieses Wasserfalls verschwunden.

Zwei Personen werden in Henau SG seit Sonntagabend vermisst. Laut der St.Galler Kantonspolizei sind die beiden in der Wasserwalze dieses Wasserfalls verschwunden.

Foto: Keystone
Die Feuerwehren von Henau und Uzwil bereiten die Bergung der beiden Vermissten vor, einer 26-jährige Frau und eines 30-jährigen Polizisten.

Die Feuerwehren von Henau und Uzwil bereiten die Bergung der beiden Vermissten vor, einer 26-jährige Frau und eines 30-jährigen Polizisten.

Foto: Keystone
Diese gestaltet sich allerdings schwierig: Die Polizei geht davon aus, dass die beiden Körper zwischen Steinen eingeklemmt sind.

Diese gestaltet sich allerdings schwierig: Die Polizei geht davon aus, dass die beiden Körper zwischen Steinen eingeklemmt sind.

Foto: Keystone

Darum gehts

  • «Wasserwalzen sind hochgefährlich», sagt Marc Audeoud, Fachperson Rettung und Ausbildner bei der SLRG
  • Unfälle, die in Wasserwalzen passieren, enden laut Audeoud häufig tödlich.
  • Denn wenn man einmal gefangen sei, könne man nicht mehr viel machen.

Marc Audeoud, Sie arbeiten als Fachperson Rettung und Ausbildner bei der SLRG. Wie gefährlich sind Wasserwalzen?
Wasserwalzen sind hochgefährlich. Die erste Gefahr ist das Weisswasser, welches sich bei Wasserwalzen bildet. Dieses Wasser ist so stark mit Luft durchsetzt, dass es Menschen nicht mehr trägt. Man bewegt sich dann eigentlich auf einem Luftpolster und geht deshalb schnell unter. Die zweite Gefahr sind die Verwirbelungen. Wie in einer Waschmaschine bildet sich ein horizontaler Rotor, der einen in die Tiefe ziehen kann.

Wie stehen die Überlebenschancen, wenn man einmal gefangen ist?
Unfälle, die in Wasserwalzen passieren, enden häufig tödlich. Die Umstände sind aber jedes Mal sehr unterschiedlich. Die Überlebenschancen hängen davon ab, wie viel Wasser der Fluss führt, wie hoch die Stufe ist und ob es Felsen am Flussboden hat. 49 Personen sind im letzten Jahr ertrunken; wie viele davon in Wasserwalzen, erheben wir nicht.

Wie reagiert man am besten, wenn man in eine Wasserwalze gerät?
Viel kann man dann selber nicht mehr machen, man ist der Strömung ausgeliefert. Man kann höchstens versuchen, mit der Strömung an den Boden mitzugehen und sich flussabwärts spülen zu lassen. Denn das Wasser muss ja irgendwohin. Oder wenn man versucht seitlich wegzuschwimmen. Das klappt aber nur, falls man die Orientierung noch nicht verloren hat.

Wie gehen Retter in einer solchen Situation vor?
Dafür gibt es kein Rezept. Jemanden aus einer Wasserwalze zu retten, ist nicht einfach. Eine Möglichkeit ist eine Rettung mit einem Wurfsack. Das ist ein Stoffsack in Zylinderform, in den das Seil reingestopft ist. Der Retter hält ein Ende und wirft den Sack ins Wasser, wobei das Seil rausfliegt. Der Ertrinkende kann sich dann am Seil festhalten. Ob das klappt, ist aber nicht immer gegeben, da das Seil für den Ertrinkenden schwer erkennbar ist. Für die andere Rettungsvariante braucht es ein Boot. Dieses wird von zwei Personen am Ufer mit Seilen zur Wasserwalze hochgezogen. Der Retter versucht dann aus dem Boot die Person in Not zu retten. Für den Retter ist das aber auch nicht ohne Risiko, er muss aufpassen, dass das Boot nicht auch in die Walze kommt.

Was kann ich als Augenzeuge tun? Kann ich zur Walze hinschwimmen und versuchen zu helfen?
Das ist eine ganz schlechte Idee. Das Risiko, dass man dann am gleichen Ort landet wie der Ertrinkende, ist extrem gross. Das Einzige, was man versuchen kann, ist, vom Ufer aus einen Ast oder sonst langen Gegenstand hinzureichen. Sich selber in Gefahr bringen soll man als Retter nie.

Gestern Abend ist der Badeunfall wohl passiert, noch immer hat man die Personen nicht gefunden. Wie kann das sein?
Es ist möglich, dass ein Körper in einer Wasserwalze gefangen bleibt. Schon wenn man einen Ball in eine Walze wirft, kann der über Tage nicht mehr zum Vorschein kommen. Zudem kann der Körper sich etwa an einem Stein verfangen. Der Druck im Fliessgewässer ist gross, da kommt man nicht einfach wieder los.

Wie erkennt man Wasserwalzen?
Sie treten bei Wasserfällen, aber auch schon bei kleinen Stufen und Verbauungen in Flüssen auf. Führt der Fluss wenig Wasser, reicht ein Meter Höhenunterschied schon für eine Wasserwalze. Deshalb muss man den Fluss vor dem Baden unbedingt rekognoszieren gehen und Stellen mit Wasserwalzen oder sonstigen Hindernissen meiden.

Darf man vor einem Wasserfall baden?
Nein, das empfehle ich nicht. Fliessgewässer können starke Strömungen haben. Die wenigsten mögen dagegen anschwimmen. Das wird sehr häufig unterschätzt. Vor Wasserfällen hat es manchmal ein kleines «Seeli», wo Wasser züruckgestaut wird. Es ist verlockend, dort zu baden, kann aber auch sehr gefährlich sein.

Wie kann es passieren, dass man einen Wasserfall hinabstürzt?
Wenn man die Strömung unterschätzt, passiert das sehr schnell. Wenn einen die Strömung erfasst, kann man nur noch versuchen, quer zur Strömung wegzuschwimmen. Gegen die Strömung zu schwimmen, bringt meistens nichts.

Deine Meinung

32 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

Markus H.

07.07.2020, 08:37

Wie viele Unfälle geschehen an Wasserfällen pro Jahr? Oder andersrum: wie viele Tote gibt es pro Jahr durch Wasserwalzen?

Pianari

06.07.2020, 20:15

Ich bin immer bei Stauwerk schwimmen gegangen, wir sin extra hinein geschwummen und dann bis auf den grund abgetaucht und mit der strömung aus der asserwalze rausgeschwumen. Oben läuft ras Wasser zum Wasserfall.

SRLG

06.07.2020, 19:59

Abgesehen von diesem tragischen (wohl) Unfall sind sich viele Leute, die sich in Fliessgewässer begeben, deren wirklichen Gefahren gar nicht bewusst. Widerwasser und Unterwasserströmungen sind auch für geübte Schwimmer Todesfallen! Beste Beispiele sind die Eisenbahnbrücke in Basel und vor allem das St. Anna-Loch bei Rheinfelden. Darum: Vorher immer prüfen wo man reingeht und wieder raus will. Sich nicht überschätzen, Flussschwimmen kann sehr viel Kraft kosten. Im Zweifelsfall lieber an ein Badiseeli oder ins (überwachte) Freibad. Allen einen entspannten und unfallfreien Badisommer!