«Schliesst viele aus» - Ungeimpfte Studenten sind wütend über Uni-Zertifikatspflicht
Aktualisiert

«Schliesst viele aus»Ungeimpfte Studenten sind wütend über Uni-Zertifikatspflicht

Immer mehr Schweizer Unis und Fachhochschulen führen eine Zertifikatspflicht ein – offen bleibt, wer allfällige Testkosten übernimmt. Ungeimpfte Studierende fühlen sich diskriminiert.

von
Noah Knüsel
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Schon mehrere Unis und Hochschulen haben eine Zertifikatspflicht angekündigt. 

Schon mehrere Unis und Hochschulen haben eine Zertifikatspflicht angekündigt.

20min/Celia Nogler
Neben der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) sind das auch die Pädagogische Hochschule Zürich (PHZH) und die Hochschule Luzern (HSLU), wie die Institutionen auf Anfrage von 20 Minuten bestätigen.

Neben der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) sind das auch die Pädagogische Hochschule Zürich (PHZH) und die Hochschule Luzern (HSLU), wie die Institutionen auf Anfrage von 20 Minuten bestätigen.

PH Zürich
Für P.P.* ist das unverständlich: «So werden viele Studierende ausgeschlossen, die sich nicht impfen lassen möchten», sagt der 26-Jährige, der an der HSLU im siebten Semester studiert.

Für P.P.* ist das unverständlich: «So werden viele Studierende ausgeschlossen, die sich nicht impfen lassen möchten», sagt der 26-Jährige, der an der HSLU im siebten Semester studiert.

HSLU

Darum gehts:

  • Nach dem Bundesratsentscheid vom Mittwoch gilt an immer mehr Unis eine Zertifikatspflicht.

  • Studierende finden das diskriminierend und befürchten, dass Ungeimpfte nun die Testkosten selber zahlen müssen.

  • «Wir setzen alles daran, den Studierenden ein möglichst geregeltes und sicheres Studium ohne Verzögerungen zu ermöglichen», sagt der Rektor der PH Zürich.

Nach mehreren Westschweizer Universitäten – etwa der EPFL Lausanne – führen auch immer mehr Hochschulen in der Deutschschweiz eine Zertifikatspflicht für Studierende ein. Neben der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) sind das die Pädagogische Hochschule Zürich (PHZH) und die Hochschule Luzern (HSLU), wie die Institutionen auf Anfrage von 20 Minuten bestätigen. Auch die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) führt eine Zertifikatspflicht ein, wie eine interne Mail zeigt. Die Universität Zürich setzt für Lehrveranstaltungen ebenfalls auf eine Zertifikatspflicht und schafft dafür die Maskenpflicht ab. Und an der ETH Zürich müssen die Studentinnen und Studenten weiterhin eine Maske tragen, obwohl die Hochschule für den Besuch von Lehrveranstaltungen ein Covid-Zertifikat verlangt.

Für P.P.* ist das unverständlich: «So werden viele Studierende ausgeschlossen, die sich nicht impfen lassen möchten», sagt der 26-Jährige, der an der HSLU im siebten Semester studiert. Die Kosten für die Tests würden das Budget vieler Studierender belasten: «Bei uns regnet es schliesslich nicht Geld.»

«Breche Studium ab»

P. hofft, dass für Ungeimpfte noch eine Lösung gefunden wird: «Ich könnte mir zum Beispiel ein hybrides Modell mit Online- und Präsenzunterricht vorstellen.» So könne man alle zufriedenstellen.

Gar über einen Abbruch des Studiums denkt L.R.* nach. Er studiert an der ZHAW im ersten Semester Informatik. «Mit der Zertifikatspflicht ist das sicher eine Option.» Er könne es sich nicht leisten, dauernd die Corona-Tests zu bezahlen, so R.

Er sei nicht prinzipiell ein Impfgegner, betont R.: «Ich will mich aber nicht impfen, nur damit ich ein Zertifikat bekomme.» In seinem Umfeld habe niemand einen schweren Corona-Verlauf gehabt, darum sehe er den Nutzen der Impfung nicht.

Online-Lösungen gefordert

Elischa Link, Co-Präsident des Verbands der Schweizer Studierendenschaften (VSS), fordert Zurückhaltung beim Einführen der Zertifikatspflicht: «Wenn möglich, sollen etablierte Schutzkonzepte beibehalten werden.» Mit einer Zertifikatspflicht bestehe die Gefahr, dass Bildung nicht mehr für alle gleich zugänglich sei: «Darum braucht es gerade am Anfang Online-Alternativen für die Studierenden, die sich jetzt noch impfen lassen.»

Zudem braucht es für Link eine gute Koordination zwischen den verschiedenen Kantonen und Hochschulen: «Es kann nicht sein, dass es wieder einen kantonalen Flickenteppich gibt.» Und: «Die Studierenden müssen in den Entscheid zur Zertifikatspflicht einbezogen werden.»

Vergünstigte Tests?

Wie die Zertifikatspflicht genau umgesetzt wird, ist an vielen Hochschulen noch nicht klar. Man prüfe aber vergünstigte Tests für Ungeimpfte, sagt Heinz Rhyn, Rektor der PHZH. «Für Studierende und Mitarbeitende vor Ort und in Campus-Nähe gibt es zudem die Möglichkeit, sich ohne Voranmeldung impfen zu lassen.»

Es sei noch in Abklärung, inwiefern für ungeimpfte Studierende digitale Angebote geschaffen werden können, so Ryhn: «Wir setzen alles daran, den Studierenden ein möglichst geregeltes und sicheres Studium ohne Verzögerungen zu ermöglichen.»

Wie die HSLU und die FHNW auf Anfrage von 20 Minuten mitteilen, werde die detaillierte Ausgestaltung der Zertifikatspflicht derzeit noch diskutiert.

*Name bekannt

Jurist: «Zertifikatspflicht ist verhältnismässig»

«Grundsätzlich dient die Zertifikatspflicht an Hochschulen einem öffentlichen Interesse – nämlich, die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern», sagt Verwaltungsrechtler Tobias Jaag. Dass dieses gegeben sei, habe auch das Bundesgericht schon mehrmals bestätigt. Der springende Punkt sei laut Jaag jetzt, ob die Zertifikatspflicht verhältnismässig sei: «Das dürfte der Fall sein.» Dass ungeimpfte Studierende die Tests selbst bezahlen müssen, stelle keine Ungleichbehandlung dar, so der Anwalt. «Alle hätten die Möglichkeit gehabt, sich impfen zu lassen und so die Testkosten zu vermeiden.»

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