Unglücksrabe Kerry auf Abwegen

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US-AussenministerUnglücksrabe Kerry auf Abwegen

Ägypten steht am Abgrund, und er macht Urlaub auf seiner Jacht. Syrien versinkt in der Gewalt, und er will den Friedensprozess in Nahost neu beleben. Die Prioritäten des US-Aussenministers lösen Kopfschütteln aus.

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Teresa Heinz Kerry beginnt sich dem Vernehmen nach von ihrer Gesundheitsattacke zu erholen. Die Gattin des amerikanischen Aussenministers erlitt am Sonntag auf der Insel Nantucket eine Art Anfall und musste nach Boston ins Spital geflogen werden. Am Montag erklärten die Ärzte, die 74-jährige Frau sei ausser Lebensgefahr und erhole sich.

John Kerry, Amerikas Aussenminister, wich seit dem Anfall nicht von ihrer Seite. Der unermüdlich reisende Chefdiplomat hätte am Montag in Washington chinesische Regierungsvertreter treffen und später eine weitere Reise in den Nahen Osten antreten sollen. Ob er unter den neuen Umständen seine Pläne verwirklichen kann, ist offen.

Auf der Jacht, während Kairo tobt

Müsste er die Reise absagen, wäre es eine zweite persönliche Schlappe in wenigen Tagen. Am ersten Julimittwoch, während in Kairo das ägyptische Militär den gewählten Präsidenten absetzte, wurde Kerry auf seinem Segelboot «Isabel» vor Cape Cod gesichtet. Das Aussenministerium behauptete zuerst, Kerry habe die Jacht nicht betreten. Vielmehr sei er den ganzen Tag über per Telefon mit Washington in Verbindung gewesen. Doch dann tauchten Fotos des Ministers in blauweissen Shorts auf, und dessen Sprecherin musste zurückkrebsen.

«Ich weiss nicht, wie das passieren konnte, aber die Optik war schrecklich», sagte der Reporter David Rhode von Thomson Reuters am Fernsehen. «Was sagt das den jungen Menschen in Ägypten … über das Interesse Amerikas an der Region?» Das unglückliche Bild erinnerte an das Video des windsurfenden Präsidentschaftskandidaten John Kerry vom Sommer 2004, das das Wahlkampfteam des damaligen Amtsinhabers George W. Bush genüsslich gegen den Rivalen auszuschlachten wusste.

Ironische bis spöttische Kommentare

Diplomatisch wäre es um Kerrys kommende Reise nach Nahost nicht unbedingt schade. Kerry plante, zum sechsten Mal innert der letzten drei Monate nach Israel und ins Westjordanland zu fliegen, um die Konfliktparteien zur Aufnahme direkter Friedensgespräche zu bewegen. Aber nichts deutet darauf hin, dass es diesmal zu echten Konzessionen beider Seiten kommt, die den Gang zum gemeinsamen Verhandlungstisch ebnen könnten.

Die New Yorker Zeitung «Daily News» wünschte Kerry am Montag in ihrem Editorial: «Viel Glück damit» - und meinte die Formulierung ironisch. Schon als Kerry Ende Juni von seiner letzten Reise zurückkehrte, dominierte in den Kommentaren Skepsis. Kerrys Anlauf für einen Nahostfrieden sei «zum Scheitern verurteilt», schrieb Jeffrey Goldberg für die Agentur Bloomberg. In der «New York Post» höhnte Michael Goodwin schon einen Monat vorher, Kerrys veraltete Ideen seien «aufgummierte Reifen mit der Faszination von Telefonen mit Wählscheiben.»

Verfehlte Prioritäten

Kerry selbst sieht die Lage ganz anders. «Wir haben wirkliche Fortschritte erzielt», sagte er nach seinem letzten Trip. «Mit ein bisschen mehr Arbeit könnte der Beginn von Verhandlungen über den Endstatus [von Palästina] in erreichbare Nähe rücken.» Die Bemerkung des Aussenministers löste weit herum Kopfschütteln aus. Die «Washington Post» vermutete, dass Israels Premier Benjamin Netanyahu und der palästinensische Präsidenten Mahmoud Abbas bei Kerrys Bemühungen bloss deshalb mitmachen, weil sie nicht an deren unweigerlichem Scheitern schuld sein wollen.

Vor dem Hintergrund des Aufruhrs in Ägypten und des syrischen Bürgerkriegs wirkt Kerrys verbissene Nahostdiplomatie geradezu deplatziert. Sie verstärkt den Eindruck, dass seine Prioritäten in dieser wichtigen Region nicht stimmen. Eher realitätsfremd wirkt auch Kerrys Ansinnen, im September eine Friedenskonferenz zu Syrien einzuberufen. Der Aussenminister hofft ausgerechnet auf die Mitarbeit Russlands, obwohl Moskau im Bürgerkrieg die Seite von Präsident Bashar Assad mit massiven Waffenlieferungen unterstützt und sich beim Thema des Whistleblowers Edward Snowden querlegt.

Unermüdliche Hartnäckigkeit

Vielleicht ist es falsch, alles Kerry anzulasten. Schliesslich hat Präsident Barack Obama entschieden, dass die USA in Syrien nur sehr zurückhaltend agieren, und im Verhältnis zu Ägypten ist nach Jahren der Kooperation das Pentagon federführend. Dem 69-jährigen Aussenminister ist ohne Zweifel hoch anzurechnen, dass er einmal gesetzte Ziele unermüdlich und hartnäckig verfolgt. Vor diesem Hintergrund ist ihm ein Erfolg zu wünschen - wie auch, dass seine Frau bald gesund wird.

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