Alle drei Stunden: Unia fordert Maskenpausen bei der Arbeit
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Alle drei StundenUnia fordert Maskenpausen bei der Arbeit

In Deutschland empfiehlt die Unfallversicherung regelmässige Maskenpausen beim Arbeiten. Die Unia fordert das auch für die Schweiz. Die Suva und das BAG wollen davon aber nichts wissen.

von
Leo Hurni
Daniel Graf
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Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung empfiehlt, bei der Arbeit regelmässig «Maskenpausen» einzulegen.

Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung empfiehlt, bei der Arbeit regelmässig «Maskenpausen» einzulegen.

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Bei anstrengenden Arbeiten soll die Maske alle zwei Stunden für 30 Minuten abgelegt werden.

Bei anstrengenden Arbeiten soll die Maske alle zwei Stunden für 30 Minuten abgelegt werden.

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Bei leichter körperlicher Betätigung soll die Maske alle drei Stunden für 30 Minuten abgelegt werden.

Bei leichter körperlicher Betätigung soll die Maske alle drei Stunden für 30 Minuten abgelegt werden.

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Darum gehts

  • Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung empfiehlt bei der Arbeit eine regelmässige Maskenpause.

  • Alle zwei bis drei Stunden soll die Hygienemaske während mindestens 30 Minuten abgelegt werden.

  • Die Gewerkschaft Unia fordert ebenfalls Pausen.

  • Die Suva hält davon aber nichts.

Ein Video aus Deutschland sorgt derzeit in den sozialen Medien für Wirbel. Zwei Männer – einer davon im «Querdenker»-Pullover – behaupten darin, die deutsche Unfallversicherung empfehle aus gesundheitlichen Gründen, bei der Arbeit regelmässig «Maskenpausen» einzulegen: Bei leichter körperlicher Betätigung soll die Maske alle drei Stunden für 30 Minuten abgelegt werden, bei anstrengenden Arbeiten gar alle zwei Stunden.

Suva verweist auf BAG, BAG verweist auf Suva

Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) hat in der Tat eine solche Empfehlung publiziert, dabei handelt es sich jedoch um eine unverbindliche Empfehlung. Darauf wiesen auch Faktenchecker auf Instagram hin. Susan Haustein, Pressereferentin der DGUV, stellt klar: «Das Tragen von Mund-Nase-Bedeckungen bedeutet immer eine mehr oder weniger grosse Belastung für die betroffene Person. Das ist nicht gleichzusetzen mit einer gesundheitlichen Gefährdung. Um die Belastung aber so gering wie möglich zu halten, haben wir diese Empfehlungen herausgegeben.»


In der Schweiz ist die Suva für solche Empfehlungen zuständig. Sie widerspricht der DGUV: Hygienemasken stellten keine erhöhte Belastung dar. Die Suva hat deshalb diesbezüglich auch keine Empfehlung erlassen und verweist auf Anfrage an das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Auch das BAG erwähnt in der Verordnung zur Maskentragpflicht keine Pausen – und verweist wiederum für Details auf die Suva. Auch wenn es in der Schweiz keine verbindlichen Empfehlungen gibt: Laut Rechtsanwalt Marc Prinz lohnt es sich, das Gespräch mit dem Arbeitgeber zu suchen (siehe unten).

Unia fordert ebenfalls Maskenpause

Die Gewerkschaft Unia unterstützt die Empfehlungen der DGUV. Pressesprecherin Leena Schmitter sagt: «Die Unia unterstützt eine Forderung von zusätzlichen Pausen. Weil körperlich schwere Arbeit mit Schutzmasken besonders anstrengend ist, fordern wir konkret alle zwei Stunden eine zusätzliche Pause von zehn Minuten. Ständig mit der Maske zu arbeiten, ist für Angestellte, die körperlich arbeiten, eine klare Erschwernis.» Aber auch für Angestellte in den verschiedenen Dienstleistungsberufen, etwa im Gastgewerbe oder im Verkauf, sei die Maske eine Belastung, da sie durch den ständigen Kundenkontakt kaum je die Maske ausziehen könnten.

«Atemnot und Kopfschmerzen»

Mit der ausgedehnten Maskenpflicht tragen gerade bei der Arbeit viele über mehrere Stunden eine Maske. Dass die Maske bei der Arbeit eine Belastung sein kann, schildert etwa Andreas M.* Der 30-Jährige arbeitet bei einem grossen Detailhändler im Lager: «Ich leider unter Asthma und chronischer Bronchitis, was mir das Atmen bei Anstrengungen schon ohne Maske schwer macht», sagt M. «Ich muss die Maske teilweise bis zu acht Stunden am Tag tragen. Das ist gerade bei körperlich anstrengenden Arbeiten extrem belastend.» Kopfschmerzen, Atemnot und Konzentrationsschwierigkeiten sind laut M. die Folgen.

Er habe deshalb versucht, sich mit einem Attest von der Maskenpflicht entbinden zu lassen. «Das ging aber nicht, mein Arzt sagte mir, dass Asthma und Bronchitis keine ausreichenden Kriterien seien für ein Attest.» Erholung bringen laut M. regelmässige kurze Pausen. «Doch die Maske alle zwei Stunden für 30 Minuten auszuziehen, liegt natürlich nicht drin. Ich würde es sehr begrüssen, wenn die Suva eine entsprechende Empfehlung erlassen würde, welche im Idealfall verpflichtend wäre für die Arbeitgeber», sagt M.

Maske behindert Atmung

Bisherige wissenschaftliche Erkenntnisse weisen daraufhin, dass man beim Tragen einer Hygienemaske nicht mehr CO₂ einatmet, die Atmung aber behindert wird. Das zeigt auch eine aktuelle Studie in der Fachzeitschrift «Clinical Research in Cardiology». Die Forscher kommen zum Schluss, dass Hygienemasken «Atmung, kardiopulmonale Belastungsfähigkeit und Komfort» bei gesunden Personen beeinträchtigen könne.
Christina Spengler, Leiterin des Labors für Human- und Sportphysiologie an der ETH Zürich, sagte gegenüber 20 Minuten: «Die Maskenpflicht ist nicht gesundheitsschädlich, sondern für viele einfach unangenehm.» Auch die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie kommt zum Schluss, dass bei gesunden Menschen keine gesundheitlichen Risiken beim Maskentragen bestehen. Tatsächlich stelle die Maske einen zusätzlichen Widerstand für die Atemmuskeln und somit eine Belastung der Atmung dar. Dies sei aber in einer entsprechenden Norm berücksichtigt.

Pausen schadeten der Wirtschaft

Für FDP-Nationalrat Marcel Dobler gehen die geforderten zusätzlichen Maskenpausen bei der Arbeit zu weit. «Die Pausen verlangen indirekt eine Personalaufstockung von zehn Prozent. Für Unternehmen, die jetzt um ihr Überleben kämpfen, hätte das gravierende Folgen.» Mit solchen Vorschlägen werde die Wirtschaft weiter an die Wand gefahren, so Dobler, der auch Chef des Spielwarenhändlers Franz Carl Weber ist.

Zudem sei die Empfehlung gar nicht praktikabel. «Wenn unsere Verkäufer alle zwei Stunden zusätzlich eine Pause machen müssen, haben wir zu wenig Personal um die Kunden zu bedienen.» Dies schade wiederum dem gebeutelten Detailhandel. Er erlebe auch, dass seine Angestellten schon länger freiwillig Maske trügen. «Es ist jetzt zentral die Arbeitsplätze zu sichern und nicht unnötig zu gefährden.»

* Name der Redaktion bekannt

«Chef soll Augenmass zeigen»

Maskenpausen beim Arbeitgeber einzufordern ist nicht per se möglich – auch dann nicht, wenn die Suva das empfehlen würde. Da sagt Rechtsanwalt Marc Prinz von der Kanzlei Vischer in Zürich. Es gebe aber einen Ermessensspielraum. «Der Arbeitgeber hat eine Fürsorgepflicht. Wenn ausgewiesene Experten der Überzeugung sind, dass eine Maskenpause nötig ist, dann muss der Arbeitgeber das wahrnehmen und abwägen, ob die betrieblichen Bedürfnisse auch mit einer Maskenpause gewährleistet werden können oder nicht.» Laut Prinz, der sich auf Arbeitsrecht spezialisiert hat, könne man aber auch ohne Empfehlungg der Suva auf den Arbeitgeber zugehen. «Der Chef kann da frei entscheiden, ob er eine regelmässige Maskenpause einführen will. Er sollte dabei Augenmass zeigen, meistens findet man eine gemeinsame Lösung.»

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