Aktualisiert 26.02.2010 13:57

Affäre GaddafiUNO bezeichnet Dschihad-Aufruf als untragbar

Muammar Gaddafis neuester Streich stösst bei der UNO auf scharfe Kritik: Die Vereinten Nationen verurteilen den Aufruf des libyschen Diktators zum «heiligen Krieg» gegen die Schweiz als «nicht hinnehmbar». Die arabische Welt reagiert gelassen.

Gaddafi hat mit seiner Rede in Bengasi vielerorts für Kopfschütteln gesorgt. So sagte UNO-Generaldirektor Sergei Ordzhonikidze Journalisten in Genf, die gestern erklärten Absichten des libyschen Staatschefs Muammar al-Gaddafi seien untragbar: «Solche Erklärungen aus dem Munde eines Staatschefs sind nicht hinnehmbar.»

Gelassen reagiert hingegen die arabische Welt auf Gaddafis neuerliche Unmutsäusserungen. «Gaddafi ist kein Scheich und darf den Jihad gar nicht fordern», sagte ein ägyptischer Scheich gegenüber NZZ Online. Selbst im frommen Bengasi, Libyens zweitgrösster Stadt, sorgte die Brandrede gegen die Schweiz kaum für Emotionen. Geklatscht wurde bei der Verbalattacke jedenfalls kaum. Und auf Ägyptens Strasse lachten die Leute gemäss NZZ Online und meinten: «Der Kerl spinnt, das ist doch bekannt.»

UNO-Generaldirektor Ordzhonikidze hofft hingegen, dass «wir einen Angriff gegen die UNO-Gebäude verhindern können», sollte es zu einer solchen Bedrohung kommen, sagte die Nummer eins der Vereinten Nationen in Genf.

UNO bleibt in Genf

Zudem widersprach Ordzhonikidze Gerüchten, wonach Libyen den europäischen Sitz der UNO von Genf in ein anderes Land verlegen wolle. Er habe nie ein offizielles Schreiben aus Tripolis mit diesem Inhalt erhalten, sagte er.

Nicht nur bei der UNO stiess der Aufruf Gaddafis auf wenig Verständnis: Ein EU-Kommissionssprecher sprach von «sehr ungewöhnlichen Aussagen auf diplomatischer Ebene», falls die Berichte denn korrekt seien. Die Aussagen kämen in einem unglücklichen Moment, da man nahe daran sei, eine diplomatische Lösung des Konflikts zwischen der Schweiz und Libyen zu finden.

Der italienische Aussenminister Franco Frattini hat zur Ruhe aufgerufen. Es sei weder im Interesse Europas noch im Interesse Italiens, wenn sich die Lage verschärfe. «Wir hoffen auf eine umgehende Lösung im Streit zwischen der Schweiz und Libyen», sagte Frattini am Freitag der Internetzeitung «Affaritaliani.it», wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtete. Italien gilt seit langem als enger Vertrauter Libyens.

Frattini rief Libyen zudem auf, alle internationalen Verpflichtungen einzuhalten, namentlich die Behandlung der Gefangenen. Der Schweizer Max Göldi sitzt seit Montag in einem libyschen Gefängnis.

Der erzürnte Gaddafi

Gaddafi sagte gestern vor Tausenden von Zuhörern, die Schweiz sei seit der Annahme der Minarett-Verbots-Initiative «ungläubig» und «abtrünnig». Bei seiner Rede in der Küstenstadt Bengasi im Osten Libyens rief Gaddafi zum weltweiten Boykott gegen die Schweiz auf. Jeder Muslim auf der ganzen Welt, der mit der Schweiz verkehre, sei ein Ungläubiger und sei «gegen den Islam, gegen Mohammed, gegen Gott, gegen den Koran», sagte Gaddafi.

Das Schweizer Aussendepartement äusserte sich bisher nicht zu den neusten Äusserungen von Revolutionsführer Gaddafi. (sda)

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