Aschewolke: «Uns fehlt die Erfahrung»
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Aschewolke«Uns fehlt die Erfahrung»

Die Computermodelle aus London, mit denen das Flugverbot begründet wird, stossen zunehmend auf Kritik. Doch für die Meteorologen gleicht die Situation einem Blindflug.

von
pbl

Alle Blicke richten sich derzeit auf das «Volcanic Ash Advisory Centre» (VAAC) in London. Es ist Teil eines weltweiten Netzes von neun Beobachtungszentren, die von der Internationalen Zivilluftfahrtbehörde ICAO ins Leben gerufen wurden, und für den britischen Luftraum, Island und den nordöstlichen Teil des Atlantiks zuständig. Es gehört zum britischen Wetterdienst und damit zum Verteidigungsministerium.

Neben London gibt es noch Standorte in Washington (USA), Buenos Aires (Argentinien), Toulouse (Frankreich), Montreal (Kanada), Anchorage (Alaska; USA), Darwin (Australien), Tokio (Japan) und Wellington (Neuseeland). Die Wissenschafter beobachten rund um die Uhr mit Hilfe von Satellitenbildern und Wetterdaten, ob ein Vulkan Asche spuckt. Ist eine Wolke entdeckt, wird ihre Bewegung im Luftraum verfolgt und vorhergesagt.

Vulkanasche kann Flugzeug zum Absturz bringen

Satellitenbilder und Wetterdaten

Dafür nutzen die Forscher Modelle und Computersimulationen. Datengrundlage sind neben Satellitenbildern und Wetterdaten auch Messergebnisse und Beobachtungen verschiedener anderer Vulkanbeobachtungs- und Luftfahrtorganisationen sowie Berichte aus Flugzeugen, die in der Luft sind. Besteht Gefahr für Flugzeuge durch Vulkanasche in der Luft, gibt das Zentrum Warnungen heraus.

Vulkan: Darum wurde die Situation so prekär

Diese Arbeitsweise stösst auf zunehmenden Unmut bei den Fluggesellschaften. Air-Berlin-Chef Joachim Hunold kritisierte in der «Bild am Sonntag», dass der Entscheid zur Schliessung des Luftraums «ausschliesslich aufgrund einer Computersimulation» des VAAC erfolgte. Ein Sprecher der Lufthansa erklärte, dass an zehn Maschinen, die am Sonntag zwecks Tests in der Luft waren, «nicht der kleinste Kratzer» gefunden worden sei.

Vulkan bringt Flugverkehr zum Erliegen

Vollkommen neue Situation

Eine Sprecherin des VAAC konterte gegenüber der «Welt», dass die Computersimulationen «sehr verlässlich und vielfach bewährt» seien. Sie beruhten auf Modellen, wie sie auch zur Ausbreitung von radioaktiven Substanzen und chemischen Schadstoffen in der Atmosphäre genutzt werden. Nach dem Unglück von Tschernobyl 1986 und der Ausbreitung radioaktiver Wolken über Europa wurde diese Methodik weiter verbessert.

Deutsche Atmosphärenforscher wollen am Montagnachmittag mit einem Testflugzeug in die Aschewolke fliegen, um die Konzentration der Partikel zu messen. Auch das Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) lässt zwei Messflüge durchführen. Ein grundsätzliches Problem aber bleibt: Die Aschewolke aus Island ist eine vollkommen neue Situation für Forscher und Behörden: «Uns fehlen ein wenig das Handwerkszeug und die Erfahrungswerte», sagte Jens Hoffmann vom Deutschen Wetterdienst (DWD) der «Financial Times Deutschland».

Entspannung in ein paar Tagen?

Selbst genauere Messdaten könnten dem Fluglinien wenig helfen, denn niemand weiss, wie viel Vulkanasche ein Flugzeug verträgt. Deshalb bleibt wohl nur die Hoffnung auf eine neue Wetterlage und vor allem auf ein Abflauen der Eruptionen beim Eyjafjalla-Vulkan. Dazu müsste der Gletscher über dem Vulkan aber vollständig abschmelzen, denn erst die Kombination von Feuer und Eis sorgt für jenes explosive Gemisch, das die Asche hoch in die Atmosphäre und damit in Richtung Kontinent schleudert.

Der Vulkanologe Bernd Zimanowski von der Universität Würzburg erklärte gegenüber deutschen Medien, dass erst etwa ein Drittel des Eises über dem Vulkan verdampft ist. Bis der Rest verschwunden sei, dürfte es noch «ein paar Tage» dauern. Dann aber werde dem Vulkan der Treibstoff ausgehen, der Ausbruch werde wahrscheinlich «deutlich an Explosivität verlieren». Am Montag gab es Anzeichen, dass dies bereits der Fall ist. (pbl/sda)

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