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Nach UrteilsspruchUnschöne Szenen nach Tugce-Prozess

Sanel M. soll drei Jahre hinter Gitter. Die Familie ist mit dem Urteil nicht zufrieden, die Verteidigung kündigt Revision an.

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mh/mr/dpa
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Die Cousine von Tugce trauert vor dem Landgericht in Darmstadt nach der Urteilsverkündung neben einer Tante von Tugce.

Die Cousine von Tugce trauert vor dem Landgericht in Darmstadt nach der Urteilsverkündung neben einer Tante von Tugce.

Fredrik von Erichsen
Die Mutter von Tugce wird vor dem Landgericht in Darmstadt nach der Urteilsverkündung von einer anderen Frau getröstet. Das Gericht verurteilte den Angeklagten Sanel M. wegen des gewaltsamen Todes der Studentin Tugce A. zu drei Jahren Haft.

Die Mutter von Tugce wird vor dem Landgericht in Darmstadt nach der Urteilsverkündung von einer anderen Frau getröstet. Das Gericht verurteilte den Angeklagten Sanel M. wegen des gewaltsamen Todes der Studentin Tugce A. zu drei Jahren Haft.

Boris Roessler
Tugces Freundinnen zünden Kerzen vor dem Landgericht an.

Tugces Freundinnen zünden Kerzen vor dem Landgericht an.

Carina Hering

Auf dieses Urteil haben sie alle gewartet: Tugces Familie, ihre Freunde und Bewunderer, die nach dem Tod der Studentin auf eine gerechte Strafe für Sanel M. hofften. Nun steht fest: Der 18-Jährige, der im November 2014 zum tödlichen Schlag gegen die Studentin ausholte, muss hinter Gitter. Drei Jahre wird er im Jugendgefängnis verbringen, ohne Bewährung. Das teilte das Landesgericht Darmstadt am Dienstagmorgen mit. Der Schuldspruch lautet auf Körperverletzung mit Todesfolge.

Der Verteidiger kündigte Widerspruch an. Man halte die Begründung des Gerichts nicht für überzeugend, es hätte bessere Möglichkeiten für Sanel M. gegeben, als ihn jetzt im Gefängnis wegzusperren. Sanels Mutter hat direkt nach dem Urteil offenbar ihrer Wut mit einer respektlosen Geste Luft gemacht: Wie «Bild.de» meldet, soll die Frau aus dem Gericht gekommen und auf eines der Tugce-Fotos gespuckt haben, das Freunde und Familie aufgebaut hatten.

Anklage und Verteidigung unzufrieden über Urteil

Die Familie ist offenbar auch nicht zufrieden mit dem Urteil: Tugces Oma soll laut Medienberichten noch vor der Urteilsverkündung das Gericht verlassen haben. «Ihre Eltern und ihre Brüder haben protestiert», sagte die Frau. «Drei Jahre sind nicht genug!»

Mit dem Urteilsspruch folgte das Gericht fast den Forderungen der Staatsanwaltschaft. Und doch hätten sich die Angehörigen eine härtere Strafe gewünscht: «Drei Jahre sind nicht genug», sagte Tugces Großmutter vor dem Gerichtssaal zu den Journalisten.

Überwachungsvideo zeigt Tathergang

Vorerst jedoch ist einer der emotionalsten Prozesse der letzten Jahre in Deutschland zu Ende. Der 18-jährige Sanel M. hatte bereits gestanden, der 22-jährigen Tugce im November vergangenen Jahres auf dem Parkplatz eines Schnellrestaurants in Offenbach heftig ins Gesicht geschlagen zu haben. Die junge Frau stürzte und schlug mit dem Kopf hart auf den Boden auf. Sie fiel in ein Koma, aus dem sie nicht mehr erwachte.

Auf Youtube kursiert das Beweisvideo, auf dem der Vorfall aus dem November zu sehen ist.

Gefängnis oder Bewährung?

Die Staatsanwaltschaft forderte für Sanel M. eine Gefängnisstrafe von drei Jahren und drei Monaten nach dem Jugendstrafrecht. Die Nebenklage verlangte eine längere Haftdauer, ohne eine konkrete Dauer zu nennen. Die Verteidigung meinte, eine Bewährungsstrafe würde genügen, sie nannte ein Jahr.

Tugce soll vor dem tödlichen Schlag des Angeklagten auf der Toilette des Restaurants zwei Mädchen vor Sanel M. in Schutz genommen und damit Zivilcourage gezeigt haben. Freunde sehen in ihr deshalb eine Heldin.

Als Tugces Eltern am 28. November 2014 nach dem Hirntod ihrer Tochter die lebenserhaltenden Apparate abschalten ließen, versammelten sich vor dem Krankenhaus in Offenbach etwa 1.500 Menschen, um Anteilnahme zu zeigen.

Rangeleien und Beleidigungen

In dem Verfahren hat das Landgericht Darmstadt mehr als 60 Zeugen vernommen, auch Freundinnen von Tugce sowie Freunde von Sanel M.. Schnell wurde klar, dass sich vor dem tödlichen Schlag beide Seiten gegenseitig übel beleidigten. Oberstaatsanwalt Alexander Homm sagte in seinem Plädoyer, weder sei Sanel M. ausschließlich ein aggressiver «Koma-Schläger» noch Tugce eine «nationale Heldin» für Zivilcourage.

Die Spannung vor dem Urteil war riesig: Am Morgen kam es vor dem Landgericht zu Tumulten. Einige Zuschauer wollten sich in der Warteschlange vor dem Gerichtssaal vordrängeln. Als andere mit Unverständnis darüber reagiert hätten, habe es Beleidigungen und Rangeleien gegeben. Die Polizei musste alarmiert werden.

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