Humanitäre Hilfe in Libyen: «Unser Abzeichen schützt uns»
Aktualisiert

Humanitäre Hilfe in Libyen«Unser Abzeichen schützt uns»

Die Gewalt in Misrata setzt Zivilisten und Hilfsorganisationen zu. Dibeh Fakhr vom IKRK sagt im Interview, wie sie und ihre Mitarbeiter mit der Gefahr umgehen.

von
Kian Ramezani
Dieser Mann ist der Hölle Misratas zu entkommen. Am 15. April 2011 wurde er per Schiff aus der umkämpften Rebellen-Hochburg nach Bengasi evakuiert.

Dieser Mann ist der Hölle Misratas zu entkommen. Am 15. April 2011 wurde er per Schiff aus der umkämpften Rebellen-Hochburg nach Bengasi evakuiert.

Die Gefechte in Libyen konzentrieren sich seit Tagen auf die belagerte Stadt Misrata, die als einzige im Westen des Landes von den Rebellen verteidigt wird. Die NATO kann nur bedingt in die Kämpfe eingreifen, da sie laut eigenen Angaben Schwierigkeiten bekundet, die dortigen Stellungen der Truppen von Machthaber Gaddafi auszuschalten. Derweil spitzt sich die humanitäre Situation in der Rebellenhochburg zu.

20 Minuten Online fragte Dibeh Fakhr, die Sprecherin des Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Bengasi, wie ihre Organisation mit der schwierigen Lage umgeht, wie sie Risiken in einem Kriegsgebiet vermeidet und woran es derzeit in Misrata am meisten mangelt.

Wie sieht die humanitäre Situation in Misrata aus?

Dibeh Fakhr: Das erste IKRK-Team, das Misrata am 8. April erreichte, konnte einige Quartiere der Stadt besichtigen. Sorgen bereitete uns vor allem die prekäre Situation von über 6500 ausländischen Staatsangehörigen, die in der Hafengegend ohne Unterkunft und ohne sanitäre Einrichtungen ausharrten. Die Sicherheitslage ist auch an anderen Orten in Misrata angespannt und sicherlich werden dort auch Hilfsgüter benötigt. Wir sind darüber sehr besorgt und versuchen, in diese Orte vorzudringen und Hilfe zu leisten.

Hat das IKRK derzeit eine permanente Präsenz in Misrata?

Momentan nicht, aber wir haben ein Team vor Ort, das am Mittwoch Morgen mit dem Schiff aus Bengasi angekommen ist und Sanitätsartikel, Hygiene-Kits, Lebensmittel und Wasser mitgebracht hat. Das Team wird Gefangene besuchen, eine allgemeine Einschätzung der humanitären Lage vornehmen und am Donnerstag Abend wieder nach Bengasi zurückkehren. Wir hatten schon am 8. April ein Schiff nach Misrata geschickt, hauptsächlich mit medizinischem Gerät. Am 18. April haben wir ein Schiff von Malta nach Misrata gechartert, das 618 ausländische Staatsangehörige nach Tobruk evakuierte.

Wie organisieren Sie die Verteilung der Hilfsgüter?

Das IKRK chartert Schiffe, um Hilfsgüter nach Misrata zu bringen. Der libysche Rote Halbmond unterstützt uns dann mit der Verteilung vor Ort. Manchmal übergeben wir ihnen die Hilfsgüter direkt und sie übernehmen die Verteilung.

Wie schützen Sie Ihr Personal vor den Kämpfen?

Das IKRK arbeitet ohne Begleitschutz oder bewaffnetes Sicherheitspersonal. Unser Abzeichen schützt uns. Wir stehen mit den Behörden auf beiden Seiten des Konflikts in Kontakt, wir informieren sie über unsere Einsätze und pflegen einen offenen Dialog mit ihnen. Die Sicherheitslage in den Einsatzorten schätzen wir selbst ein. Als Beispiel: Das Schiff, das am 18. April Zivilisten evakuierte, hatte Schwierigkeiten, im Hafen von Misrata anzulegen, weil die Gegend unter heftigem Artilleriebeschuss stand. Die ganze Aktion war für unser Team sehr anspruchsvoll.

Hat es irgendwelche Probleme mit den Rebellen oder Regierungstruppen gegeben?

Wir führen einen offenen Dialog mit beiden Konfliktparteien. Allerdings schränkt die Sicherheitslage unsere Bewegungsfreiheit ein. Ich selbst reiste vergangene Woche nach Ajdabiya und erreichte die Stadt problemlos. Vor zwei Tagen war das meinen Kollegen wegen des Artilleriebeschusses schon nicht mehr möglich. Wo wir hingehen können, hängt immer von der Sicherheitslage ab.

Gibt es noch andere Hilforganisationen in Misrata?

Es gibt andere Organisationen, die Schiffe schicken, um Zivilisten zu evakuieren und Hilfsgüter zu liefern. Ob sie über Personal vor Ort verfügen, weiss ich nicht. Was das IKRK anbelangt, so arbeiten wir eng mit den Freiwilligen des Roten Halbmonds zusammen.

Wieviele Zivilisten halten sich derzeit noch in Misrata auf?

Das IKRK hat diese Zahlen nicht.

Unterstützen Sie libysche Zivilisten, die aus Misrata fliehen wollen?

Das schliessen wir nicht aus. Falls nötig werden unsere Schiffe auch libysche Zivilisten von Misrata nach Bengasi evakuieren.

Ist das IKRK auch in Tripolis tätig?

Inzwischen verfügt das IKRK dort über eine permanente Präsenz, nachdem wir letzte Woche die entsprechende Bewilligung erhalten haben und bereits Personal entsendet haben. Seit acht Wochen sind wir zudem in Bengasi, Tobruk und Salloum vertreten.

Wie sieht es mit der Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft aus?

Zu Beginn des Konflikts haben wir um 24 Millionen Franken gebeten, die nun gemäss unseren Analysen vor Ort eingesetzt werden, hauptsächlich für Lebensmittel, Wasser, Medikamente, sowie Sanitär- und Hygieneartikel. Nicht nur für die Menschen in Libyen sondern auch im Grenzgebeit zu Tunesien und Ägypten.

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