Social Media? Nein, danke: Unsere Bundesräte sind Facebook-Muffel
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Social Media? Nein, dankeUnsere Bundesräte sind Facebook-Muffel

Wer Bundesräten auf Facebook eine Nachricht hinterlassen oder ihnen auf Twitter folgen will, wird oft enttäuscht. Die wenigen, die ein Profil haben, schreiben meist nicht mal selbst.

von
Jessica Pfister

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat eines, der französische Staatschef Nicolas Sarkozy schreibt darauf fleissig Kommentare und US-Präsident Obama lässt seines zumindest vom Kampagnenteam regelmässig aufdatieren: das Facebook-Profil. Was für Staatsmänner und -Frauen im Ausland fast schon selbstverständlich ist, ist für die Mehrheit der Schweizer Landesregierung kein Thema.

Gerade mal zwei amtierende Bundesräte haben ein eigenes Profil auf der sozialen Plattform erstellt - die beiden SP-Bundesräte Alain Berset und Simonetta Sommaruga. Wobei von Letzterer aktuell keine eigenen Einträge zu finden sind. «Sie hat das Profil bereits im Ständeratswahlkampf erstellt und nutzt es zurzeit nicht aktiv für kommunikative Zwecke», sagt Guido Balmer, Sprecher des Justizdepartements (EJPD) auf Anfrage. Wenn jemand der Bundesrätin allerdings Nachrichten auf ihr Profil schicke, würden diese wie ein normaler Bürgerbrief beantwortet - nach Möglichkeit direkt auf Facebook selbst. «Darum kümmert sich der Informationsdienst des EJPD», so Balmer. Aktuell möchte ein Facebook-Freund von Sommaruga beispielsweise wissen, wie weit der Bundesrat in Sachen Integration von Muslimen noch gegen das eigene Volk arbeiten will.

Berset teilt Musikstücke

Alain Bersets letzter Eintrag stammt vom 14. Januar - ein Link zu einem Song der modernen Jazz-Gruppe De Phazz, welchen 110 seiner rund 3000 Abonnenten mit einem «gefällt mir» kommentieren. In einem anderen Eintrag vom 16. Dezember 2011 bedankt er sich bei seinen Freunden für die Unterstützung bei den Bundesratswahlen. Laut Innendepartements-Sprecherin Katja Zürcher ist noch nicht klar, wie genau Berset, der bis im Oktober 2011 auch den Mikroblogging-Dienst Twitter genutzt hat, die sozialen Medien künftig gebrauchen will. «Der Entscheid dazu ist noch nicht gefallen», sagt Zürcher.

Klarer ist der Fall bei FDP-Bundesrat Johann Schneider-Ammann. «Er hat schlicht keine Zeit, um sich selbst um ein Facebook-Account zu kümmern», sagt Ruedi Christen, Sprecher des Volkswirtschaftsdepartements. Es gibt zwar eine Fan-Seite des Wirtschaftsministers, die regelmässig mit Fotos und Mitteilungen gefüttert wird - doch diese wird von einem kleinen FDP-Begleitteam betreut. Sein Parteikollege Didier Burkhalter nutzt die Plattform ebenso wenig wie CVP-Bundesrätin Doris Leuthard, SVP-Vertreter Ueli Maurer oder die Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf.

Dennoch findet man von der BDP-Politikerin ein Profil mit Foto, Angaben zum Wohnort, Beruf und Ausbildung. Dieses ist allerdings gefälscht, wie Sprecher Roland Meier gegenüber 20 Minuten Online bestätigt. Dies wird spätestens beim Blick auf die Einträge klar, die teilweise unter die Gürtellinie gehen. Laut Meier überlege man sich die Aufschaltung eines autorisierten Profils der Departementschefin.

«Nichts ist für User schlimmer, als ignoriert zu werden»

Für Politikberater Mark Balsiger macht die Nutzung von sozialen Medien für die Bundesräte nur dann Sinn, wenn sie diese auch selbst pflegen. «Die Aufgabe an Kommunikationsleute zu delegieren ist nur vordergründig eine gute Option», sagt Balsiger. Denn sei erst einmal bekannt, dass die Bundesräte nicht persönlich auf Facebook oder Twitter aktiv sind, verliere der Austausch an Reiz. Eleganter wäre laut Balsiger etwa zweimal pro Woche eine halbe Stunde für Facebook aufzuwenden - vorausgesetzt ein Bundesrat hat auch selbst Freude daran.

Neben der Regelmässigkeit der Postings sei die Tonalität der Beiträge ausschlaggebend. «Natürlich darf diese nicht amtlich sein», so Balsiger. Gut ankommen würden Geschichten von den Rändern der grossen Bühnen, wenn dabei das Persönliche hervorgehoben werde. Und besonders wichtig: Regelmässig auf Fragen eingehen. «Nichts ist schlimmer für die User, als dauerhaft ignoriert zu werden.»

Als Vorbild nennt Balsiger SP-Bundesrat Moritz Leuenberger. Dieser hatte zwar keine Facebook-Seite geführt - dafür einen vielbeachteten Blog. Eine bekennende Facebook-Nutzerin ist Leuenbergers Parteikollegin Micheline Calmy-Rey. Die 66-Jährige pflegte schon während ihrer Amtszeit den privaten Auftritt auf Facebook mit Notizen und Berichten über ihren Berufsalltag - und zeigte damit, dass auch ältere Generationen sehr wohl mit den neuen Medien umgehen können.

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