Ökostrom-Verband: «Unsere Energiewende findet im Ausland statt»
Aktualisiert

Ökostrom-Verband«Unsere Energiewende findet im Ausland statt»

Dank Energiestrategie 2050 gebe es mehr Arbeitsplätze, sagten die Befürworter. Ökostrom Schweiz warnt nun aber: Das Geld würde momentan eher ins Ausland fliessen.

von
Nikolai Thelitz
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Mit der Energiestrategie 2050 gewinne das Gewerbe, es würden Arbeitsplätze geschaffen und die Abhängigkeit vom Ausland sinke, sagten letztes Jahr die Befürworter.

Mit der Energiestrategie 2050 gewinne das Gewerbe, es würden Arbeitsplätze geschaffen und die Abhängigkeit vom Ausland sinke, sagten letztes Jahr die Befürworter.

Keystone/Valentin Flauraud
Der Branchenverband Ökostrom Schweiz sieht dieses Versprechen aber nicht eingelöst: «Momentan wandert das Geld eher ab, unsere Energiewende findet im Ausland statt», sagt der stellvertretende Geschäftsführer Andy Kollegger. (Im Bild: Windpark in der Nordsee.)

Der Branchenverband Ökostrom Schweiz sieht dieses Versprechen aber nicht eingelöst: «Momentan wandert das Geld eher ab, unsere Energiewende findet im Ausland statt», sagt der stellvertretende Geschäftsführer Andy Kollegger. (Im Bild: Windpark in der Nordsee.)

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In der Schweiz würden neue Projekte, wenn überhaupt, nur zögerlich umgesetzt. Schuld daran sei die lange Warteliste und auch die Ungewissheit nach dem Auslaufen der kostendeckenden Einspeisevergütung, so Kollegger.

In der Schweiz würden neue Projekte, wenn überhaupt, nur zögerlich umgesetzt. Schuld daran sei die lange Warteliste und auch die Ungewissheit nach dem Auslaufen der kostendeckenden Einspeisevergütung, so Kollegger.

Keystone/Christian Beutler

Letzten März nahm das Schweizer Stimmvolk die Energiestrategie 2050 an. Der Slogan der Befürworter war: «Geld bleibt hier». Vor der Abstimmung hatte beispielsweise WWF-CEO Thomas Vellacott versprochen: «Das Geld, welches jetzt in Erdöl- und Uranimporte fliesst, bleibt in der Schweiz. Es wird hier in erneuerbare Energie investiert. Damit gewinnt das Gewerbe, damit werden Arbeitsplätze geschaffen, die Abhängigkeit vom Ausland sinkt.»

Der Branchenverband Ökostrom Schweiz sieht dieses Versprechen aber nicht eingelöst: «Momentan wandert das Geld eher ab, unsere Energiewende findet im Ausland statt», sagt der stellvertretende Geschäftsführer Andy Kollegger.

Erst vor zwei Wochen sei bekannt geworden, dass etwa die Elektrizitätswerke der Stadt Zürich (EWZ) in Norwegen einen 30- Megawatt-Windpark für geschätzt 50 Millionen Franken gekauft haben. Die Axpo habe in französische Windparks investiert, genau wie die BKW. Die EKZ investiere derweil in Windenergie in Portugal und Deutschland.

«In der Schweiz werden Projekte nur zögerlich umgesetzt»

Die Energieanbieter wollten ihr Portfolio an Ökostrom ausbauen, dieser könne problemlos in der Schweiz verkauft werden, so Kollegger. Derartige Investitionen seien hierzulande gar nicht möglich: «In der Schweiz werden neue Projekte – wenn überhaupt – nur zögerlich umgesetzt.» Schuld daran sei die lange Warteliste und auch die Ungewissheit nach dem Auslaufen der kostendeckenden Einspeisevergütung (siehe Box).

Damit es bei den erneuerbaren Energien in der Schweiz vorwärtsgehe, müsse das Parlament nun rasch das neue CO2-Gesetz verabschieden. Es sollen Voraussetzungen für Klimaschutzmassnahmen mit grossem ungenutztem Potenzial in der Schweiz und eine angemessene Kompensation des CO2-Ausstosses im Inland geschaffen und wenn nötig auch eine finanzielle Abgeltung für die Klimaschutzleistung festgelegt werden. Gleichzeitig brauche es eine Lösung für die Zeit nach der kostendeckenden Einspeisevergütung.

«Man darf nicht das Inland gegen das Ausland ausspielen»

Grünen-Nationalrat Bastien Girod findet aber: «Man darf in dieser Diskussion nicht das Inland gegen das Ausland ausspielen. Klimawandel ist ein globales Problem. Ich habe lieber ein Windkraftwerk im Ausland anstatt ein Atom- oder Kohlekraftwerk im Inland.» So sei beispielsweise das Potenzial für Windparks in der Nordsee sehr gross. «Dass Schweizer Unternehmen hier investieren, ist sehr wünschenswert.»

Gäbe es eine Quote für die CO2-Kompensation im Inland, würde der Strom für die Konsumenten zu teuer. «Man kann die inländischen Kraftwerke auch anders fördern und sie etwa über die kostendeckenden Einspeisevergütungen finanziell stärker unterstützen oder die Einmalvergütungen auch für andere Anlagen, nicht nur Fotovoltaik, anbieten.»

«Viele Projekte scheitern am lokalen Widerstand»

Laut den EWZ investiert man auch in der Schweiz in Windparks, stösst dabei aber auf Widerstand: «Seit rund 10 Jahren sind wir im Kanton Waadt an zwei Windparkprojekten beteiligt. Bis heute konnten wir mit dem Bau der Windparks nicht beginnen, da der Bewilligungsprozess sehr aufwendig ist und sehr langsam vorangeht», sagt Sprecher Harry Graf. In der kleinräumigen Schweiz sei im Gegensatz zum Ausland der Bau von Windparks nicht etabliert.

Im Ausland sind die Windverhältnisse zudem viel besser. «Der norwegische Windpark Høg Jaeren gehört zu den ertragreichsten Binnenstandorten Europas.» Auch Axpo, EWZ und BKW verweisen auf das langwierige Prozedere in der Schweiz und die besseren Windbedingungen im Ausland. Axpo-Sprecherin Monika Müller ergänzt: «Viele Projekte scheitern am lokalen Widerstand.» Damit die Windenergie in der Schweiz eine stärkere Bedeutung erlange, brauche es vermehrt Kompromisse zwischen den involvierten Parteien.

Kostendeckende Einspeisevergütung

Wer in der Schweiz eine Ökostrom-Anlage baut kann sich den Strom kostendeckend vergüten lassen, durch die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV). Finanziert wird dieser Zustupf für den produzierten Strom durch den Netzzuschlag, den die Konsumenten zahlen. Dieser Zuschlag wurde durch das Ja an der Urne von 1,5 auf 2,3 Rappen pro Kilowattstunde erhöht. Trotzdem reicht dies nicht, um die über 36'000 hängigen Projekte zu finanzieren. Neue Projekte werden nur noch bis 2022 auf die KEV-Warteliste aufgenommen. Danach folgt ein stärker marktwirtschaftlich orientiertes System.

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