St. Gallen: «Unsere Familie wurde auseinandergerissen»
Aktualisiert

St. Gallen«Unsere Familie wurde auseinandergerissen»

Fürsorgerische Zwangsmassnahmen haben im Kanton St. Gallen viel Leid angerichtet. Am 21. September findet ein Gedenkanlass für Betroffene statt.

von
maw

Walter Kobler wurde in den 1950er Jahren Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen. Er erzählt, wie seine Familie auseinandergerissen wurde. (Video: Staatskanzlei St. Gallen)

In der ganzen Schweiz wurden bis in die 1980er-Jahre Kinder, junge Menschen und Erwachsene auf staatliche Anordnung in Heimen, Anstalten oder bei Privaten platziert – oft ohne ausreichende Abklärungen und gegen ihren Willen. Begründet wurden viele dieser Massnahmen mit schwierigen familiären Verhältnissen und Verhaltensweisen ausserhalb der damals geltenden Normvorstellungen.

«Aus heutiger Sicht waren viele dieser massiven und lange

andauernden Eingriffe in die individuelle Lebensführung falsch»,

heisst es in einer Mitteilung der St. Galler Staatskanzlei. Zudem

hätten die Betroffenen in den entsprechenden Institutionen oft

seelisches und körperliches Leid erfahren, das ihr Leben bis heute

prägt.

«Wir wurden wie Menschen 2. Klasse behandelt»

Fürsorgerische Zwangsmassnahmen haben im Kanton St. Gallen viel Leid verursacht. Am 21. September findet ein Gedenkanlass für Betroffene statt.
(Video: Staatskanzlei SG)

Werner Fürer wurde Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen. Er erzählt von seiner Kindheit. (Video: Staatskanzlei)

Der Kanton St. Gallen erinnert am 21. September in der Lokremise in St. Gallen an dieses dunkle Kapitel seiner Geschichte mit einem Gedenkanlass. Zu diesem Anlass lädt der Kanton gemeinsam mit der Vereinigung der St. Galler Gemeindepräsidentinnen und Gemeindepräsidenten sowie der Stadt St. Gallen ein. Die Beteiligung der kommunalen Ebene sei insofern von Bedeutung, als viele konkrete Massnahmen von Gemeinden angeordnet worden seien, heisst es im Communiqué. Weitere Organisationen, etwa die Stiftung Opferhilfe, sind ebenfalls am Projekt beteiligt.

Betroffene einbeziehen

Am Anlass kommen auch Betroffene zu Wort. Jakob Tanner,

emeritierter Professor für Allgemeine und Schweizer Geschichte an der Universität Zürich, und Lukas Gschwend, Professor für

Rechtsgeschichte an der Universität St. Gallen, werden das Thema aus historischer Perspektive beleuchten.

Auf dem Spielplatz Kreuzbleiche wird im Anschluss ein

Erinnerungszeichen eingeweiht. Der Gedenkort und die Art des

Erinnerungszeichens wurden in enger Zusammenarbeit mit Betroffenen bestimmt.

Ein Spielplatz als Standort mag ungewöhnlich erscheinen, soll aber auf die Tatsache verweisen, dass aufgrund der angeordneten

Massnahmen vielen Betroffenen eine unbeschwerte Kindheit und Jugend verwehrt blieb, wie es weiter heisst. (maw/sda)

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