Andriy Sanin, der Vizepräsident des FK Mariupol, spricht über Flucht
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Vizepräsident des FK Mariupol«Unsere Katze hat uns gerettet, indem sie die Russen positiv stimmte»

Die ostukrainische Hafenstadt Mariupol liegt in Schutt und Asche. Der Vizepräsident des lokalen Fussballclubs, Andriy Sanin, erzählt vom Kriegsausbruch – und wie es um seinen Verein steht.

von
Silvan Haenni
Nils Hänggi
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Das einst schmucke Stadion von Mariupol wurde vom Krieg arg in Mitleidenschaft gezogen.

Das einst schmucke Stadion von Mariupol wurde vom Krieg arg in Mitleidenschaft gezogen.

Andriy Sanin
FK-Vizepräsident Andriy Sanin während eines TV-Interviews.

FK-Vizepräsident Andriy Sanin während eines TV-Interviews.

Andriy Sanin
Das Stadion von Mariupol während eines Juniorenspiels.

Das Stadion von Mariupol während eines Juniorenspiels.

Andriy Sanin

Darum gehts

  • Andriy Sanin ist der Vizepräsident des Fussballvereins FK Mariupol.

  • Er schildert das tragische Schicksal seiner Stadt und seines Vereins.

  • Sanin: «Ich glaube, dass Mariupol und sein Fussball eine Zukunft hat.»

«In Mariupol stehen keine ganzen Gebäude mehr», klagt Andriy Sanin. Sie war einst das friedliche Zuhause von rund 430’000 Menschen. Heute ist die Stadt am Asowschen Meer weitestgehend zerstört. Als strategisch wichtiger Hafen mit Zugang zum Schwarzen Meer wurde Mariupol vom russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ganz besonders in Mitleidenschaft gezogen. Die Stadt, die laut Wladimir Putin mittlerweile in russischer Hand sei, hätte Experten und Expertinnen zufolge die grösste Zerstörung erfahren. Mittendrin in der humanitären Katastrophe: der Fussballclub FK Mariupol.

Der 48-jährige Vizepräsident des ukrainischen Erstligisten, Andriy Sanin, schildert auf Anfrage von 20 Minuten die dramatischen Zustände vor Ort und wie er mit seiner Familie aus dem Krisengebiet geflüchtet ist. Vor einem Telefonat war der Familienvater aufgrund seiner nach eigenen Aussagen ungenügenden Englischkenntnisse zurückgescheut. Doch ein emotionaler Brief des Sportfunktionärs lieferte schliesslich detaillierte Einblicke in die Realität des Krieges.

Sportanlagen von Artillerie getroffen

«Wir hatten alles», schreibt Sanin. Er zählt auf: eine tolle Infrastruktur, ein toller Staff und den Traum, irgendwann in der Europa League zu spielen. Die Anlage des Clubs umfasst nicht nur das frisch renovierte Stadion (12’500 Kapazität). Auch eine Jugend-Akademie gehört dem Schlusslicht der Premjer Liga – und eine Indoorhalle mit 5000 Plätzen, um dem oft garstigen Wetter zu trotzen. «Alle unsere Anlagen wurden von Artillerie und Bomben getroffen», klagt Sanin. 

Die erste Mannschaft des Clubs hatte relatives Glück: Die Profis befanden sich zum Zeitpunkt des Kriegsausbruchs im Trainingslager in der Türkei und werden seither vom türkischen Verband generös beherbergt. «Sie leben und trainieren unter komfortablen Bedingungen», so Sanin. Dies könne man von anderen Teams des Clubs und den Mitarbeitenden nicht behaupten. «Wir mussten diesen Kelch bis zum letzten Tropfen trinken.»

Hölle zuhause, Hölle auf der Flucht

Sanin legt der Reihe nach dar: Zu Beginn des Krieges habe Russland zunächst Mariupol von der Strom-, Wasser- und Gasversorgung abgeschnitten. Lebensmittelläden seien sofort geschlossen und dann geplündert worden. Bei -10 Grad Celsius bedeutete dies: Ausharren in Nachbars Keller – mit kaum Essen und unter konstantem Artillerie-Beschuss. «Nach einer Weile hat sich eine gewisse Apathie eingeschlichen und wir haben mit dem Versteckspiel aufgehört», so Sanin. Sie hätten schliesslich einfach das Bett des zehnjährigen Sohnes ins Elternschlafzimmer geholt. «Wir haben beschlossen: Wenn eine russische Granate ins Haus fliegt, dann kommen wir gemeinsam in den Himmel.»

Als dann die Stadt gänzlich von russischen Truppen umzingelt war, haben sich dann auch Sanin und seine Familie dazu entschlossen, die riskante Flucht mit dem Auto auf sich zu nehmen. «Meine Frau hatte ein vollgetanktes Auto bereit», so der gelernte Informatiker. Los ging es auf eine zehnstündige Fahrt in die Stadt Zaporizhzhya, die nach wie vor unter ukrainischer Kontrolle ist. «Unsere Katze hat uns gerettet, da sie die russischen Soldaten bei den unzähligen Checkpoints freundlich gestimmt hat», erzählt Sanin. Dennoch sei die Flucht die pure Hölle gewesen. 

«Unser Haus ist komplett niedergebrannt»

Speziell, als die Familie wegen einer gesprengten Brücke auf einen verminten Feldweg ausweichen musste. Sanin: «Gott sei Dank ist ein zwölfjähriger Junge auf uns zugerannt und hat uns vor den Minen gewarnt.» Eine andere Familie hätte weniger Glück gehabt: Ihr abgebranntes Auto rauchte noch am Strassenrand. Der Albtraum für die Familie hatte dann ein vorläufiges Ende, als sie schliesslich Zaporizhzhya erreichten. Viele Mitarbeiter Sanins sind hingegen immer noch auf der Flucht – oder harren im komplett zerstörten Mariupol aus – und mit ihnen unzählige Junioren aus der FK-Akademie, die kurzfristig von den Familien des Club-Staffs in Obhut genommen worden sind.

Wie es nun für Familie Sanin und so viele andere Menschen aus Mariupol weitergeht, weiss auch Sanin selbst nicht. «Unser Haus ist mittlerweile komplett niedergebrannt», klagt er, «wegen Putins Wahnsinn wurden wir zu obdachlosen Flüchtlingen.» Dennoch blickt er positiv nach vorne: «Ich glaube, dass Mariupol sowohl die Stadt als auch der Fussballverein eine Zukunft haben.» Schliesslich würden alle Kriege irgendwann enden, und die Stadt noch schöner und komfortabler werden als vor dem Krieg. «Und ich kann mir ein ruhiges und friedliches Leben im neuen Mariupol ohne Fussball nicht vorstellen.»

Beschäftigt dich oder jemanden, den du kennst, der Krieg in der Ukraine?

Hier findest du Hilfe für dich und andere:

Fragen und Antworten zum Krieg in der Ukraine (Staatssekretariat für Migration)

Kriegsangst?, Tipps von Pro Juventute

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Anmeldung und Infos für Gastfamilien:

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