Ausweisungsentscheid - «Unsere Mutter muss nach 39 Jahren die Schweiz verlassen»
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Ausweisungsentscheid«Unsere Mutter muss nach 39 Jahren die Schweiz verlassen»

L.N. (58) lebt seit fast vier Jahrzehnten in der Schweiz. Wegen ausstehender Krankenkassen-Rechnungen muss sie nun das Land verlassen. Ihre Kinder kämpfen dafür, dass sie bleiben darf.

von
Daniel Krähenbühl
Georgia Chatzoudis
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Wegen ausstehender Krankenkassen-Rechnungen hat das Migrationsamt die Aufenthaltsbewilligung von L.N. nicht mehr verlängert.

Wegen ausstehender Krankenkassen-Rechnungen hat das Migrationsamt die Aufenthaltsbewilligung von L.N. nicht mehr verlängert.

20M/Georgia Chatzoudis
Ihre Kinder setzen sich jetzt dafür ein, dass sie bleiben darf. «Dass man unsere Mutter, die fast ihr gesamtes Leben in der Schweiz verbracht hat, nun ausweisen will, ist unfassbar und bricht mir das Herz», sagt ihre Tochter N.N. 

Ihre Kinder setzen sich jetzt dafür ein, dass sie bleiben darf. «Dass man unsere Mutter, die fast ihr gesamtes Leben in der Schweiz verbracht hat, nun ausweisen will, ist unfassbar und bricht mir das Herz», sagt ihre Tochter N.N.

20M/Georgia Chatzoudis
«Wir werden eine weitere Verschuldung verhindern», versprechen die Kinder. 

«Wir werden eine weitere Verschuldung verhindern», versprechen die Kinder.

20M/Georgia Chatzoudis

Darum gehts

  • Mit 19 kam sie in der Schweiz an, nach fast 40 Jahren soll L.N. wieder in den Kongo: Wegen unbezahlter Rechnungen hat das Migrationsamt die Aufenthaltsbewilligung der 58-Jährigen nicht weiter verlängert.

  • Ihre Kinder, die erst vor Kurzem von den finanziellen Engpässen und vom Verfahren erfuhren, kämpfen jetzt dafür, dass die Mutter bleiben darf.

L.N. reiste mit 19 aus der Republik Kongo in die Schweiz. Seit 39 Jahren lebt und arbeitet sie in Zürich, zog in der Stadt drei Kinder gross. Doch weil die alleinerziehende Mutter einige Jahre von der Sozialhilfe unterstützt wurde und die Krankenkassenrechnungen nicht bezahlen konnte, hat das Migrationsamt nun ihre Aufenthaltsbewilligung nicht verlängert. «Dass man unsere Mutter, die fast ihr gesamtes Leben in der Schweiz verbracht hat, nun ausweisen will, ist unfassbar und bricht mir das Herz», sagt ihre Tochter N.N. (35).

Ihre Mutter habe die Hilfe vom Staat in Anspruch nehmen müssen, da ihre jüngere Schwester als Kind an einer Lungenkrankheit litt, viel im Spital war und daher keiner Arbeit nachgehen konnte, sagt N. Dass sie vom Staat unterstützt wurde und Rechnungen nicht bezahlen konnte, habe die Mutter ihren Kindern lange verheimlicht. «Sie wollte uns nicht damit belasten. Ihr war es wichtig, uns eine normale und unbeschwerte Kindheit zu ermöglichen.» So habe ihr Bruder etwa Fussball gespielt, ihre Schwester Geige und sie selbst sei in den Karate-Unterricht gegangen.

Kinder geloben, Rechnungen zu bezahlen

«Meine Kinder sollen ja nicht aus Langeweile und Perspektivlosigkeit den falschen Leuten begegnen und auf die schiefe Bahn geraten», sagt L.N. dazu. «Lieber schnüre ich den Gurt etwas enger.» Von den finanziellen Engpässen und der drohenden Ausweisung hätten sie und ihre Geschwister erst vor Kurzem erfahren, sagt N. Der Grund: «Das Migrationsamt wirft unserer Mutter vor, sich durch einen längeren Aufenthalt in der Schweiz weiter zu verschulden. Und das, obwohl sie seit Jahren keine Sozialhilfe mehr bezieht.»

Doch dem sei nicht so – in ihr und ihren Geschwistern habe sie ein finanzielles Auffangnetz. «Wir unterstützen sie nun finanziell, übernehmen die Miete, verschiedene Rechnungen und werden eine weitere Verschuldung verhindern», so N. «Wir tun alles, damit unsere Mutter bei uns bleiben kann.»

«Sie wäre völlig verloren»

Denn eine Rückreise in die Republik Kongo sei der Mutter nicht zuzumuten. «Seitdem sie in der Schweiz lebt, war sie nur einmal – für eine Beerdigung – wieder zurück im Land.» Verwandte, Freunde oder Bekannte habe sie keine mehr vor Ort.

Die Schweiz sei die Heimat der ganzen Familie. «Wenn sie gehen muss, dann wäre es, als ob sie sterben würde», sagt N. «Sie hätte niemanden mehr und wäre völlig verloren.» Die Familie hat mittlerweile einen Anwalt engagiert und focht den Ausweisungsentscheid an. «Noch ist aber unklar, wie das Gericht entscheiden wird.»

«Unglaubliche behördliche Hartherzigkeit»

Der Anwalt von L.N., Marc Spescha, beurteilt die Verfügung als «krass fehlerhaft». «Sozialhilfebezüge und Schulden, mit denen die Verfügung begründet wurde, liegen Jahre zurück und rechtfertigen die Wegweisung von L.N. nach einem Aufenthalt in der Schweiz während fast 40 Jahren in keiner Weise», sagt Spescha, der als fundierter Kenner des Migrationsrechts gilt und an der Universität Fribourg Lehrbeauftragter für Migrationsrecht ist. Hinzu komme, dass L.N. in der Schweiz drei Kinder grossgezogen habe und sie zu ihrem Herkunftsland keinerlei Kontakte mehr pflege.

Darüber hinaus habe sich auch die finanzielle Situation geändert: «Die Kinder hatten keine Kenntnis von den Schulden ihrer Mutter und erfuhren auch erst durch mich von der Wegweisung. Die Mutter wollte ihnen diese aus Scham verschweigen», sagt Spescha. Abgesehen davon, dass aufgrund der Aktenlage davon ausgegangen werden könne, dass L.N. ihren Lebensunterhalt mit eigenem Erwerbseinkommen bestreiten könne, bürge die älteste Tochter dafür, dass keinerlei Schulden mehr entstünden. Bei Bedarf sei sie in der Lage, die Mutter in Zukunft finanziell zu unterstützen.

«Ich bin der Auffassung, dass das Migrationsamt verpflichtet gewesen wäre, aufgrund der neuen tatsächlichen Verhältnisse den Fall neu aufzurollen», sagt Spescha. Er sei zutiefst enttäuscht, dass die Verantwortlichen nicht willens waren, im Rekursverfahren eine Überprüfung des «Fehlentscheides» anzuordnen, und spricht von einer «unglaublichen behördlichen Hartherzigkeit».

Demnächst wird sich das Verwaltungsgericht mit dem Fall befassen müssen. Eine Anfrage beim Zürcher Migrationsamt blieb bislang unbeantwortet.

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