Flexitarier-Eltern: «Unsere Tochter wird zum Fleischessen gezwungen»

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Flexitarier-Eltern«Unsere Tochter wird zum Fleischessen gezwungen»

Sie sind Flexitarier und essen nur alle drei Wochen Fleisch. Deshalb wollen Tessiner Eltern ihre Tochter über Mittag nach Hause holen. Doch der Kindergarten sagt Nein.

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D.M./tab
Im Tessin ist es üblich, dass im Kindergarten auch zu Mittag gegessen wird. In der Deutschschweiz ist dies eher im Kinderhort der Fall.

Im Tessin ist es üblich, dass im Kindergarten auch zu Mittag gegessen wird. In der Deutschschweiz ist dies eher im Kinderhort der Fall.

Keystone/Gaetan Bally

«Wir wohnen gleich um die Ecke der Schule, wieso also darf ich meine Tochter über Mittag nicht nach Hause holen?» Diese Frage hat eine Familie aus Lumino TI der Schuldirektion des Kindergartens an der Via Berté gestellt. Der simple Antrag hat zu viel Aufheben geführt.

Die Antwort der Schulaufsicht des Bezirks Bellinzona war eindeutig: «Wir können Ihrer Anfrage nicht entgegenkommen», lautete die Antwort der Schulaufsicht des Bezirks Bellinzona. Die Gründe seien vielfältig, hauptsächlich gehe es aber darum, dass das Mittagessen im Kindergarten einen wichtigen Bestandteil der Erziehung bilde.

«Diese 70 Franken können wir uns sparen»

Damit wollen sich die Eltern aber nicht abfinden. «Die kleine Distanz zwischen Haus und Schule und die Tatsache, dass meine Frau Hausfrau ist, sollten als Grund schon reichen – das ist aber nicht alles», sagt der Vater des Mädchens. «Wir sind Flexitarier. Wir essen nur alle drei Wochen Fleisch, in der Schule hingegen wird fast jeden Tag Fleisch oder Fisch serviert.» Auf den Familientisch komme zudem nur Bio-Fleisch, auch Industriezucker und Süssigkeiten gehöre bei ihnen nicht auf den Speiseplan. Im Kindergarten gebe es jedoch Glace.

Ein weiterer Grund, weshalb seine Tochter über Mittag nach Hause kommen soll, sei die wenige Zeit, die er mit ihr verbringen könne, so der Vater: «Ich gehe um 7.30 Uhr aus dem Haus und komme abends erst um 22.15 Uhr zurück. Der einzige Moment, in dem ich meine Tochter sehe, ist am Mittag.» Dazu komme der finanzielle Aspekt. «Die 70 Franken im Monat für das Schulessen können wir uns sparen, ob man zu Hause für zwei oder drei kocht, spielt keine Rolle.»

«Das Kind ist gesund und hat keine Lebensmittelallergien»

Leide ein Kind an einer schweren Essstörung, die von einem Arzt diagnostiziert wurde, dürfe dieses natürlich vom Schulmittagessen befreit werden, sagt Kindergartendirektor Efrem Pedrazzi. «Aber dies ist hier nicht der Fall. Das Mädchen ist gesund und hat keinerlei Lebensmittelallergien.» Das Kantinenessen werde zudem vom Kanton streng geregelt und überprüft.

Dies reicht der Familie nicht, sie hat beim Staatsrat Beschwerde gegen den Entscheid der Schule eingereicht. «Unserer Tochter wird gezwungen, Fleisch zu essen, das dulden wir nicht», so der Vater. Der Kindergartendirektor äussert sich nicht dazu: «Wir warten nun auf die Antwort des Staatsrats.»

«Flexitarier ernähren sich sehr ausgewogen»

Der Fall erstaunt Stéphanie Hochstrasser, Ernährungsberaterin der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung SGE, nicht. «Das Tessin hat eine Sonderstellung, wenn es um Schulmittagessen geht.» Es sei sehr verbreitet, dass Kinder dort über Mittag in der Schule blieben.

Die Familie scheine ein massives Problem mit den Lebensmitteln in der Mensa zu haben. Das sei für Menschen mit sehr klaren Ernährungsvorstellungen aber nicht aussergewöhnlich. Sie könne allerdings nicht beurteilen, ob das Verhalten der Familie in diesem Fall gerechtfertigt sei.

«Flexitarier, wie wir sie definieren, ernähren sich grundsätzlich sehr ausgewogen», so Hochstrasser. «Sie essen selten und sehr bewusst Fleisch.» Auch sonst ernährten sie sich gesund, abwechslungsreich und vor allem in Massen. «Ihr Speiseplan deckt sich mit unseren Empfehlungen.» Dies gelte auch für ein Kind im Kindergartenalter.

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