Aktualisiert 30.04.2020 14:55

Arbeitsbemühungen

Untätigen Arbeitssuchenden werden nach Krise RAV-Gelder gekürzt

Arbeitsämter raten Kunden, trotz Coronakrise eine bestimmte Anzahl von Bewerbungen zu schreiben. Wer davon absieht, erlebt später eine böse Überraschung.

von
Bettina Zanni
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Untätige Arbeitssuchende
Untätige Arbeitssuchende

Die Arbeitsämter bestätigen, dass die Untätigkeit bei der Stellensuche Versicherten nach der ausserordentlichen Lage zum Verhängnis werden könnte.

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Arbeitsbemühungen
Arbeitsbemühungen

Angesichts der ausserordentlichen Lage befreit der Bundesrat Arbeitssuchende vom Einreichen ihrer persönlichen Arbeitsbemühungen bei den Arbeitsämtern.

KEYSTONE
Einreichen empfohlen
Einreichen empfohlen

«Wir empfehlen respektive vereinbaren mit den stellensuchenden Personen, weiterhin monatlich die Arbeitsbemühungen einzureichen, da die Pflicht zur Stellensuche weiterhin besteht», sagt etwa Jonas Motschi, Amtsleiter des Amts für Wirtschaft und Arbeit Kanton Solothurn.

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Darum gehts

  • Arbeitssuchende müssen ihre Arbeitsbemühungen zurzeit nicht mehr einreichen.
  • Arbeitsämter empfehlen jedoch, trotzdem Nachweise zu erbringen.
  • Wer untätig bleibt, muss um seine Taggelder fürchten.

Die Suche nach offenen Jobs bietet in der Coronakrise wenig Aussicht auf Erfolg. Angesichts der ausserordentlichen Lage befreit der Bundesrat Arbeitssuchende deshalb vom Einreichen ihrer persönlichen Arbeitsbemühungen bei den Arbeitsämtern.
Spätestens einen Monat nach Ablauf der Covid-19-Verordnung müssen die Versicherten ihre seit März 2020 getätigten Arbeitsbemühungen jedoch vorlegen. Personalberater empfehlen deshalb, Arbeitsbemühungen weiterhin einzusenden.

Unerwartete Sanktionen befürchtet

«Wir empfehlenrespektive vereinbarenmit den stellensuchenden Personen, weiterhin monatlich die Arbeitsbemühungen einzureichen, da die Pflicht zur Stellensuche weiterhin besteht», sagt etwa Jonas Motschi, Amtsleiter des Amts für Wirtschaft und Arbeit Kanton Solothurn. Die Anzahl einzureichender Arbeitsbemühungen werde von den Personalberatern mit den stellensuchenden Personen individuell und unter Berücksichtigung der aktuellen Lage vereinbart. Das Vorgehen deckt sich mit demjenigen anderer kantonaler Arbeitsämter.

Ein Mitarbeiter eines Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums RAV rechnet jedoch damit, dass diese Empfehlungen nicht fruchten. «Sie werden dazu führen, dass Versicherte zu wenig Arbeitsbemühungen machen und dann von der Arbeitslosenversicherung unerwartete Sanktionen erhalten», sagt er zu 20 Minuten.

Arbeitslosigkeit in der Coronakrise

Der Bundesrat beschloss am 25. März, dass auf das Einreichen des Nachweises von Arbeitsbemühungen im Bereich der Arbeitslosenversicherung verzichtet wird. Die versicherte Person muss den Nachweis der Arbeitsbemühungen spätestens einen Monat nach Ablauf der COVID-19-Verordnung 2 einreichen. Als Kontrollperiode gilt die ganze Gültigkeitsdauer dieser Verordnung. Das erste Beratungs- und Kontrollgespräch nach der Anmeldung bei der Wohngemeinde oder beim RAV findet vorübergehend telefonisch und innerhalb von 30 Tagen nach der Anmeldung statt. Um Aussteuerungen zu vermeiden, erhalten alle anspruchsberechtigten Personen maximal 120 zusätzliche Taggelder.

Sanktionsmeldung an Kantonale Amtsstelle

Die Arbeitsämter bestätigen, dass die Untätigkeit bei der Stellensuche Versicherten nach der ausserordentlichen Lage zum Verhängnis werden könnte. Entsprächen bei einem Stellensuchenden die eingereichten Arbeitsbemühungen nicht der monatlich vereinbarten Anzahl der zu tätigenden Arbeitsbemühungen, werde der RAV-Mitarbeitende die fehlenden Bemühungen schriftlich oder per E-Mail einfordern, sagt etwa Lucie Hribal, Sprecherin des Zürcher Amts für Wirtschaft und Arbeit.

«Sind die Vorgaben weiterhin nicht erfüllt, löst das RAV eine Sanktionsmeldung an die Kantonale Amtsstelle Arbeitslosenversicherung aus», sagt Hribal. Diese prüfe, inwiefern der Stellensuchende seine Pflichten verletzt habe, und verfüge die Einstellung seiner Anspruchsberechtigung auf Arbeitslosenentschädigung für eine spezifische Anzahl von Tagen. Liege eine solche Pflichtverletzung vor, würden Taggelder der Arbeitslosenversicherung gekürzt.

Kulanz gefordert

Caroline Morel, Leiterin des nationalen Sekretariats des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks SAH, verteidigt Arbeitssuchende, die zurzeit keine Arbeitsbemühungen einreichen. «Empfehlungen sind keine fixen Vorgaben. Man muss nicht erstaunt sein, wenn jemand untätig bleibt.»

Laut Morel sind Arbeitssuchende teilweise auch froh, dass sie in der Ausnahmesituation von den persönlichen Arbeitsbemühungen befreit sind. «Sie haben weniger Zeit, um Bewerbungen zu schreiben, weil sie zum Beispiel durch das Homeschooling mit den Kindern sehr gefordert sind.» Bei Langzeitarbeitslosen indes könne ein Bewerbungsstopp ein Selbstschutz sein. «Sie waren sich schon früher viele Absagen gewohnt und wollen sich vom ohnehin nicht rosigen Arbeitsmarkt nicht zusätzlich frustrieren lassen.» Sie fordert: «In der Krisenzeit müssen die Arbeitslosenversicherungen kulant sein und sollen Arbeitssuchende mit ungenügenden Arbeitsbemühungen nicht sanktionieren.»

Falsche Interpretationen

Niklaus Bernhard, Sprecher der Wirtschafts-, Energie- und Umweltdirektion WEU des Kantons Berns, sagt, die WEU habe einige Unklarheiten und Missverständnisse in Bezug auf die Arbeitsbemühungen der Covid-Verordnung festgestellt. «So haben nicht wenige Kundinnen und Kunden interpretiert, dass keine Arbeitsbemühungen mehr getätigt werden müssten.»

Bernhard betont: «Die Kundinnen und Kunden müssen alles Zumutbare unternehmen, um die Arbeitslosigkeit zu vermeiden oder zu verkürzen.» Auch verweist er auf das Informationssschreiben des Staatsekretariats für Wirtschaft (Seco) an die Versicherten. Dort steht: «Die Stellensuche ist im Rahmen der Möglichkeiten weiterzuführen. Bewerben Sie sich so oft es Ihnen aufgrund der Stellenangebote möglich ist.»

Steigende Arbeitslosenquote

Das Coronavirus setzt der Arbeitslosenquote stark zu. Ende März 2020 waren laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) 135’624 Arbeitslose bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) eingeschrieben, 17’802 mehr als im Vormonat. Die Arbeitslosenquote stieg damit von 2,5% im Februar 2020 auf 2,9% im Berichtsmonat. Die Jugendarbeitslosigkeit (15- bis 24-Jährige) erhöhte sich um 2436 Personen (+20,1%) auf 14’556. Im Vergleich zum Vorjahresmonat entspricht dies einem Anstieg um 2983 Personen (+25,8%). Die Anzahl der Arbeitslosen (50 bis 64 Jahre) erhöhte sich um 3338 Personen (+10,0%) auf 36’755. Im Vergleich zum Vorjahresmonat entspricht dies einer Zunahme um 4’973 Personen (+15,6%).

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2 Kommentare
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Maibändel

01.05.2020, 09:38

"…so oft es Ihnen aufgrund der Stellenangebote möglich ist." Das lässt den "Berater/Beraterinnen" viel Spielraum, die Leute zu schikanieren und zu bestrafen. Eine klare Anzahl von 4 Bewerbungen/Monat würde der Rechtssicherheit dienlich sein. Doch so sind wieder mal Tür und Tor denjenigen geöffnet, die nur darauf lauern, die Stellensuchenden disziplinieren und zu Einstelltagen verknurren zu können.

Chrampfer

01.05.2020, 08:41

Gelder kürzen? Das war doch schon immer so, wenn man nicht genügend "Bemühungen" vorweisen konnte?