Aktualisiert 11.08.2014 08:31

Doktor Sex

«Unter dem Anzug trage ich oft Frauenslips»

Cyrill kann nicht verstehen, dass Vorlieben wie die seine bei vielen Menschen auf Unverständnis stossen. Fehlt der Gesellschaft der Mut für einen entspannten Umgang damit?

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Aussergewöhnliche sexuelle Vorlieben verstecken sich oft hinter gesellschaftlich korrektem Verhalten. (Symbolbild: Colourbox.de)

Aussergewöhnliche sexuelle Vorlieben verstecken sich oft hinter gesellschaftlich korrektem Verhalten. (Symbolbild: Colourbox.de)

Frage von Cyrill (34) an Doktor Sex: Mich erregt es sehr, Menschen in Unterwäsche zu sehen. Selber trage ich unter meinem Businessanzug gerne ab und zu Frauenslips. Ich kann gut mit dieser für andere möglicherweise schrägen Vorliebe leben, schliesslich störe ich damit niemanden. Jedoch stelle ich fest, dass in der Öffentlichkeit kaum offen und differenziert über sexuelle Verhaltensweisen gesprochen wird, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen. Auch in den Medien werden solche Themen weitgehend totgeschwiegen. Berichtet wird darüber nur, um dem Durchschnittsbürger mitzuteilen, was moralisch gesehen «richtig» ist. Gleichzeitig wird ihm so ermöglicht, einen voyeuristischen Blick auf sogenannt «perverse» Praktiken zu werfen und sich am «Fremden» aufzugeilen. Romane wie «Shades of Grey» funktionieren ähnlich. Warum ist das so? Hat dies damit zu tun, dass es nur wenige Menschen gibt, die sexuell anders ticken als der Durchschnitt? Oder fehlt unserer Gesellschaft einfach der Mut, sich offen und entspannt mit sexueller Vielfalt auseinanderzusetzen?

Antwort von Doktor Sex

Lieber Cyrill

Die menschliche Sexualität ist variantenreich. Dies betrifft sowohl die Intensität des Wünschens und Erlebens als auch die sexuellen Ausrichtungen. Aber jede Kultur bezeichnet gewisse Begierden und Eigenheiten dieser Vielfalt als von der Norm abweichend und damit entweder als «gestört» oder krank. In unserem Kulturkreis gibt es aus fachlicher Sicht zwar mittlerweile keine scharfe Grenze mehr zwischen sogenannt normaler und sogenannt abnormaler Sexualität, auch wenn einige Verhaltensweisen und Vorlieben immer noch als Störung oder Krankheit gelten.

Früher herrschte unter Fachleuten die Meinung, dass es sich bei Verhaltensweisen, die von der damals zur Norm erhobenen, rein der Fortpflanzung dienenden heterosexuellen Paarsexualität abweichen, um eine «Störung der Sexualpräferenz» handelt. Und dass diese therapiert werden muss. Zwar existiert diese Diagnose auch heute noch, jedoch werden manche der unter dem Begriff zusammengefassten Vorlieben nicht mehr zwingend als therapiebedürftig angesehen. Fetischismus oder Transvestitismus beispielsweise gelten mittlerweile als harmlose Spielarten menschlicher Sexualität. Psychotherapie wird dafür nur noch bei echtem Leidensdruck angeordnet.

Die breite Öffentlichkeit orientiert sich aber nicht am Fachdiskurs und dessen Veränderungen, sondern am eigenen Gefühl und dem, was aus der individuellen Perspektive moralisch gesehen sein darf und in den persönlichen Wertekanon passt. Alles andere wird nach aussen empört – und auch etwas hilflos – abgelehnt. Man klammert sich an das, was «richtig» ist, und verurteilt gleichzeitig alles, was anders oder eben «falsch» ist. Alles andere würde die eigene Identität zu sehr in Frage stellen. Solange aber die Emotionen überwiegen und nur ein Schlagabtausch auf der Basis von entweder oder möglich ist, kann keine Entspannung eintreten.

Dass ein Roman wie «Shades of Grey» heute zu einem Bestseller wird, zeigt aber doch, dass etwas mehr Offenheit im Umgang mit sexueller Vielfalt da ist. Weil aber gesellschaftliche Veränderungen langsam geschehen, wird es noch einige Zeit dauern, bis diese Offenheit mehrheitsfähig ist und ein Diskurs, wie du ihn ansprichst, möglich sein wird.

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