G-20-Protest: Unter den Bankern geht die Angst um
Aktualisiert

G-20-ProtestUnter den Bankern geht die Angst um

Jeans und Windjacke statt dunkler Anzug: Die Banker in der Londoner City fürchten vor dem G-20-Gipfel um Leib und Leben. Um nicht zur Zielscheibe militanter Gruppen zu werden, lautet die Devise deshalb: Tarnung ist alles.

von
Peter Blunschi

Die grosse Protestkundgebung am Samstag verlief friedlich. Doch die Polizei in London ist in Hinblick auf das Gipfeltreffen der 20 wichtigsten Wirtschaftsnationen am 2. April auf alles gefasst. Für das gesamte Korps von rund 37 000 Männern und Frauen wurde ein Ferienstopp verhängt, denn es wird mit Ausschreitungen militanter Gruppierungen gerechnet, die sich in erster Linie gegen Banken und andere Finanzinstitute richten dürften.

Unbegründet sind die Ängste nicht, denn im Internet kursieren entsprechende Aufrufe. Eine Anarchistengruppe etwa ermutigt ihre Anhänger, einen «Banker zu verbrennen». Ausserdem wurden letzte Woche an Haus und Auto von Sir Fred Goodwin, dem ehemaligen Chef der Royal Bank of Scotland (RBS), mehrere Scheiben eingeschlagen. Die Bank musste mit Steuergeld vor dem Kollaps gerettet werden und gehört faktisch dem Staat. Dennoch bezieht Goodwin eine fürstliche Pension, was in Grossbritannien den Volkszorn ähnlich erregte wie in den USA die Bonuszahlungen des Versicherungskonzerns AIG.

Zigarettenpause gestrichen

In der Londoner City herrsche angesichts der aggressiven Stimmung das Gefühl, die «Jagdsaison auf Mitarbeiter des Finanzsektors» sei eröffnet worden, schrieb der «Guardian». Zahlreiche Vorsichtsmassnahmen wurden getroffen. Die Banken Lloyds TSB und Halifax schliessen mehrere Filialen im Zentrum von London während zwei Tagen. Die Bank JP Morgan gab ihren Mitarbeitern gleich drei Tage frei. Andere Finanzinstitute ermutigen die Angestellten, daheim zu arbeiten.

Wer trotzdem ins Büro muss, soll den Business-Anzug während des Gipfels im Schrank lassen und in Freizeitkleidung kommen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Ausserdem soll nicht das Auto, sondern der öffentlichen Verkehr benutzt werden. Weiter wurden Sitzungen abgesagt, damit die Banker ihre Firmensitze nicht verlassen müssen. Selbst von der Zigarettenpause vor der Tür wird abgeraten. Ein Sprecher der Londoner UBS-Niederlassung bestätigte gegenüber dem «Guardian» die Massnahmen: «Wir raten den Leuten, vorsichtig zu sein, und sprechen uns mit anderen Banken ab.»

10 Millionen für Sicherheit

Hochkonjunktur in der Krise haben auch Sicherheitsfirmen. Ihre Dienste sollen sich Banken, Anwaltsfirmen, aber auch multinationale Konzerne wie Starbucks und McDonald's während des Gipfels rund zehn Millionen Franken kosten lassen, hat der «Independent» errechnet. Ein Mitarbeiter einer Beratungsunternehmens für Sicherheitsfragen sprach gegenüber der Zeitung von einer «Hochrisiko-Situation». Es bestehe die Gefahr, dass die Dinge «aus dem Ruder laufen».

Das gilt besonders für den 1. April, den Vortag des Gipfels. Für diesen Tag hat die neu gegründete Organisation «G-20 Meltdown» eine besondere Art von «Scherz» angekündigt. In Anlehnung an die englische Bezeichnung «April Fool's Day» proklamiert sie den «Financial Fool's Day», den Tag der Finanznarren. Begangen werden soll er mit einem Happening vor der Bank of England, mit kostümierten Teilnehmern und «etwas Nacktheit», als metaphorische Anspielung auf des Kaisers neue Kleider.

Die Organisatoren versprechen einen friedlichen Protest, doch die Polizei ist auf alles gefasst, nachdem der Anthropologieprofessor Chris Knight als Mitglied von «G-20 Meltdown» letzte Woche in einem Radiointerview gesagt hatte, Banker könnten «an Laternenpfosten aufgehängt» werden. Knight wurde darauf von seinem Posten an der Universität von Ost-London suspendiert.

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