Aktualisiert 20.03.2013 09:35

Dauerhafte Schäden

Unter den künstlichen Nägeln lauern die Erreger

Allergien, Infektionen, entstellte Hände: Künstliche Fingernägel sind nicht ungefährlich. Dermatologen beobachten eine deutliche Zunahme an Komplikationen.

von
Deborah Sutter

Den Wunsch nach gepflegten, langen Fingernägeln hegen viele Frauen – und helfen der Natur gerne in einem der vielen Nagelstudios nach. Eine davon ist die 19-jährige Melanie S. (Name geändert) aus Zürich. Lange Zeit trug sie so genannte Gelnägel, bis sie merkte, dass mit ihren eigenen Nägeln darunter etwas nicht mehr stimmte.

«Als die Kunstnägel entfernt wurden, waren meine echten Nägel komplett zerstört. Ich hatte nur noch bis in die Mitte des Nagelbetts so etwas wie einen Fingernagel», erzählt Melanie. Sie habe sich geschämt, so das Haus zu verlassen. «Bis die Nägel wieder nachgewachsen waren, trug ich Handschuhe. Für mich ist klar: Ich würde es nie mehr machen.»

«Chemische Veränderungen des Nagels»

Mit solchen Fällen haben es die Dermatologen immer öfter zu tun. Sie warnen deshalb vor dem allzu häufigen Gang ins Nailstudio. «Das verwendete Gel haftet fest an den obersten Schichten des Nagels. Beim Ablösen kann es zu mechanischen und chemischen Veränderungen des Nagels kommen», erklärt Dagmar Simon, leitende Ärztin der Universitätsklinik für Dermatologie am Berner Inselspital.

Die für Plastik- oder Gelnägel verwendeten Substanzen könnten Allergien auslösen, was zu Kontaktekzemen an den Fingern, Augenlidern und am Hals führen könne. Seit rund fünf Jahren, als die Modewelle der künstlichen Nägel die Schweiz gänzlich erreichte, beobachtet Simon eine deutliche Zunahme solcher Probleme. Rund fünf Personen müssen jährlich sogar ins Spital.

«Der Nagel löst sich ab»

Auch das Dermatologische Ambulatorium des Stadtspitals Triemli in Zürich kennt die hässlichen Folgen der vermeintlichen Verschönerungen: «Am häufigsten kommen Frauen mit Infektionen unter dem Nagel oder Kontaktallergien auf die verwendeten Materialien», sagt der leitende Arzt Siegfried Borelli.

Die meisten Probleme kommen von Bakterien: Kunstnägel behindern den normalen Wasserdampfaustausch und schaffen so eine Art ideales Treibhausklima für die Erreger, erklärt Nagelspezialist Eckart Haneke, Facharzt für Dermatologie am Inselspital.

Daneben gibt es rein mechanische Gefahren: «Viel zu lange, schaufelartige Kunstnägel wirken auf den natürlichen Nagel wie ein Hebel. Dieser Kraft ist die natürliche Haftung von Nagel und Nagelbett nicht gewachsen, er löst sich ab», so Haneke. Dann sammle sich dort Schmutz an, die Frauen versuchten, ihn mit einem scharfen Nagelreiniger zu entfernen und verschlimmerten dadurch das Problem. «Es können Verletzungen entstehen, die zu Narben und zu einem nicht wieder besserbaren Zustand führen.»

«Nur zu seriösen Studios»

Gelegentlich gebe es auch Schmerzen, die monate- oder jahrelang anhalten – «in Einzelfällen sogar lebenslang». Auch eine einmal erworbene Allergie bringt man nicht mehr weg. «Bei jedem neuen Kontakt wird es wieder zum allergischen Kontaktekzem kommen – so können allein die Dämpfe der Materialien ausreichen, um ein riesiges Ekzem im Gesicht auszulösen», sagt Haneke.

Ist ein Nagel bereits verkümmert, gibt es meist keine wirksame Behandlung mehr. «Auf jeden Fall müssen die Kunstnägel entfernt werden, damit man sehen kann, ob noch eine ausreichende Erholungskraft vorliegt. Der Prozess dauert aber mindestens eineinhalbmal länger, als ein normaler Nagel braucht, um einmal ganz herauszuwachsen», so Haneke.

Die drei Spezialisten sind sich einig: Kunstnägel bergen grosse Risiken.

«Viele denken, Kunstnägel seien problemlos zu tragen. Doch das stimmt nicht: Es sind chemische Stoffe, die auf den Körper einwirken und damit gewisse Risiken mit sich bringen», sagt Borelli. Er rät: «Entweder man lässt es sein oder wendet sich an eine seriöse Kosmetikerin.»

«Schlecht ausgebildete Modellistinnen»

Für den Berufsverband der Schweizer Nageldesigner liegt hier das Problem: «Es gibt leider zu viele zu wenig ausgebildete Nagelmodellistinnen – einige arbeiten mit einer Basisausbildung von vielleicht einem Tag», sagt Doris Schmidiger vom Vorstand von swissnaildesign.ch.

Einheitliche Qualifikationskriterien gebe es keine: «Eine Lehre oder ein Praktikum von ein bis zwei Jahren wäre sinnvoll, damit die Frauen beispielsweise genau wissen, wie viel sie vom Naturnagel abfeilen dürfen.» Der Verband bietet auf seiner Homepage eine Liste von seriösen Studios an, die einmal pro Jahr auf ihre Qualität geprüft werden.

Welche Erfahrungen haben Sie mit künstlichen Nägeln gemacht? Schreiben Sie an feeback@20minuten.ch

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