Aktualisiert 05.05.2017 19:36

Autobomben, tote Kinder, Enthauptungen

Unter Lebensgefahr – Künstler malt IS-Horror

Als der IS vor fast drei Jahren in seiner Stadt Einzug hält, fasst Mustafa al-Taee den Entschluss, die brutale Herrschaft der Miliz heimlich zu dokumentieren – durch Malerei.

von
Gaby Chwallek
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Der Ersteller der Galerie des Schreckens: Mustafa al-Taee während des Interviews mit der Nachrichtenagentuir AP. (30. April 2017)

Der Ersteller der Galerie des Schreckens: Mustafa al-Taee während des Interviews mit der Nachrichtenagentuir AP. (30. April 2017)

Keystone/Bram Janssen
Nachdem ihn ein Nachbar verpfiffen hatte, nahmen die Extremisten die Leinwände und das Malwerkzeug mit, um es zu verbrennen. Für seine Bilder kassierte der Iraker 30 Peitschenhiebe.

Nachdem ihn ein Nachbar verpfiffen hatte, nahmen die Extremisten die Leinwände und das Malwerkzeug mit, um es zu verbrennen. Für seine Bilder kassierte der Iraker 30 Peitschenhiebe.

Keystone/Bram Janssen
Nach seiner Freilassung war Al-Taee einen Monat lang nicht in der Lage, zu zeichnen oder zu malen. Aber dann fing er doch wieder an, mit Stiften und Pinsel das Leben unter dem IS zu illustrieren.

Nach seiner Freilassung war Al-Taee einen Monat lang nicht in der Lage, zu zeichnen oder zu malen. Aber dann fing er doch wieder an, mit Stiften und Pinsel das Leben unter dem IS zu illustrieren.

Keystone/Bram Janssen

Mustafa al-Taee, ein irakischer Maler, hält mit Stiften und Pinseln die Schrecken fest, die der Islamische Staat in seiner Heimatstadt verbreitet. Es ist gefährlich und bringt ihm Peitschenhiebe ein. Aber auch das kann ihn nicht abschrecken.

Das Ergebnis seiner heimlich gemalten Bilder war eine Galerie des Schreckens: Autobomben, tote Kinder, ein IS-Abtrünniger, der auf einem öffentlichen Platz enthauptet wird, ein früherer Polizist, den die Extremisten stundenlang an den Beinen aufhängen, bevor sie ihn schliesslich erschiessen.

«Sie haben zahllose Verbrechen begangen, und diese Verbrechen mussten dokumentiert werden», sagt der 58-jährige Grossvater in seinem Haus in der nordirakischen Stadt Hammam al-Alil, etwa 15 Kilometer von Mosul entfernt. «Es gab keine Journalisten (vor Ort), keine Kameras.»

Ein Werk zeigt ein Kind mit einer amputierten Hand. «Weil es hungrig war, wühlte dieses Kind im Müll, auf der Suche nach leeren Pepsi-Dosen zum Verkaufen und Essenresten für später», schildert Al-Taee. Eine von den Terrormilizionären deponierte Bombe explodierte, riss dem Kind die Beine und eine Hand weg.

Mit dem Schlimmsten gerechnet

Die militanten Kämpfer breiteten sich im Sommer 2014 im nördlichen und westlichen Irak aus, eroberten weite Teile dieser Regionen, so auch Mossul, die zweitgrösste Stadt des Landes. Die Bevölkerung wurde einer harten und gewalttätigen Version islamischer Gesetze unterworfen.

Das Malen war für Al-Taee riskant, auch wenn er es heimlich in seinem eigenen Haus tat. Der IS verbietet unabhängige Medien und künstlerische Darstellungen von Menschen, die er als eine Art von Blasphemie betrachtet. «Ich habe ständig damit gerechnet, dass ich erschossen werde», sagt Al-Taee.

Vom Nachbarn verraten

Vor gut einem Jahr verriet ihn ein Nachbar, der ihn beim Malen beobachtet hatte, an die Terrormiliz. Die IS-Kämpfer kamen in der Nacht, sprangen über die Aussenmauer seines Grundstückes und brachen durch die Eingangstür. Bei einer Durchsuchung stiessen sie auf ein Bild von einer Frau und einem explodierenden Fahrzeug. Die Autobombe hatte den Ehemann der Frau getötet, einen irakischen Soldaten. Es war ein gezieltes Attentat.

Die Extremisten nahmen die Leinwände und das Malwerkzeug mit, um es zu verbrennen. Al-Taee wurde der IS-Religionspolizei übergeben, bekannt als Hisba, und zu 30 Peitschenhieben verurteilt. «Nach 15 Hieben fing ich an zu weinen», sagt er. «Die nächsten 15 konnte ich nicht fühlen.»

15 Tage Gefängnis

Al-Taee war nach seiner Freilassung einen Monat lang nicht in der Lage, zu zeichnen oder zu malen. «Ich konnte nicht essen, ich konnte nicht zeichnen, ich hatte Angst», schildert er. Aber dann fing er doch wieder an, mit Stiften und Pinsel das Leben unter dem IS zu illustrieren. Die Werke versteckte er im Auto eines Freundes.

Als die irakischen Kräfte den IS im vergangenen Jahr aus Hammam al-Alil vertrieben, musste er nicht mehr fürchten, bestraft zu werden. Warum war er ein so grosses Risiko eingegangen? Er habe es einfach nicht ertragen können, die Kunst aufzugeben, sagt Al-Taee. Es sei eine Sucht, «wie es das Rauchen für andere ist».

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