Aktualisiert 10.11.2015 16:45

Unschooler

Unterricht ist für diese Kinder ein Fremdwort

Sie gehen nicht zur Schule – und auch zuhause werden sie nicht unterrichtet. «Unschooling»-Kinder lernen nur, wenn sie gerade Lust haben.

von
J. Büchi

Nalin, Olivia und Sara Gantenbein (10, 11, 15) müssen nie Mathe büffeln, wenn sie lieber draussen spielen wollen. Sie mussten sich auch noch nie auf dem Pausenplatz mit fiesen Klassenkameraden herumschlagen. Die Gantenbeins aus dem ausserrhodischen Herisau sind sogenannte «Unschooler». In der SRF-Sendung «Reporter» stellte die Familie am Sonntagabend ihr Lebensmodell vor.

Während «Homeschooler» ihre Kinder zuhause unterrichten statt sie in die Schule zu schicken, gehen «Unschooler» noch einen Schritt weiter: In ihrem Haus gibt es keinerlei schulische Strukturen. Die Kinder lernen, was sie wollen – und wann sie wollen. «Auch Spielen ist Lernen», sind die Eltern Doris und Bruno Gantenbein überzeugt. Die beiden Veganer wollen ihre Kinder vor den negativen Einflüssen der Volksschule – von «Mobbing» und «Leistungsdruck» ist die Rede – schützen.

«Neue Bewegung»

Schätzungen zufolge werden in der Schweiz mindestens 500 Kinder zuhause unterrichtet. Wie viele davon das «Unschooling»-Modell leben, ist unklar. «Das ist eine relativ neue Bewegung, die in den letzten fünf Jahren entstanden ist», sagt Marcel Hanhart, Vorstandsmitglied des Vereins «Bildung zu Hause Schweiz». Er geht davon aus, dass die «Unschooler» etwa einen Viertel der Fälle ausmachen.

Welche Voraussetzungen Eltern erfüllen müssen, damit ihre Kinder zu Hause lernen dürfen, ist von Kanton zu Kanton verschieden. Während das Schulsystem in Appenzell Ausserrhoden, im Aargau und in Bern relativ liberal ist, sind die Auflagen etwa im Kanton Graubünden oder in St. Gallen sehr streng. Gewisse Kantone erlauben häuslichen Unterricht nur, wenn ein Elternteil eine Lehrerausbildung hat.

Brauchen Kinder andere Kinder?

Kritiker bemängeln, «Unschooling»-Kinder hätten zu wenig soziale Kontakte und würden ungenügend auf das Berufsleben vorbereitet. Auch Beat Zemp, Präsident des Dachverbands der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer, hat Vorbehalte: «Es ist wichtig, dass Kinder mit verschiedenen Wertesystemen und Rollenbildern in Kontakt kommen.» Beim häuslichen Unterricht könnten die Eltern ihren Nachwuchs von anderen Weltanschauungen fernhalten.

Besonders sauer stiess dem Lehrerpräsident ein Satz auf, den Mutter Doris Gantenbein in der Sendung gesagt hat: Sie sei überzeugt, dass «Kinder keine anderen Kinder brauchen». Zemp betont: «Es ist essenziell, dass Kinder den Umgang mit Gleichaltrigen pflegen und auch lernen, Konflikte auszutragen.» Wer keine Frustrationstoleranz aufbauen könne, sei später auch im Berufsleben überfordert. «Zudem fehlen solchen Kindern entscheidende Gruppen-Erlebnisse wie Klassenlager oder Schulreisen.»

Unangemeldete Kontrollen gefordert

Die ehemalige CVP-Sprecherin Marianne Binder hat im Aargauer Grossen Rat vor einem Jahr einen Vorstoss eingereicht, in dem sie bessere Qualitätskontrollen für den häuslichen Unterricht verlangte: Die Eltern müssten einen Grundlagenkurs in Didaktik absolvieren und die Kinder regelmässig obligatorische Leistungschecks absolvieren, verlangte sie. Zudem müsse pro Semester ein unangemeldeter Besuch des Schulinspektorats stattfinden. Der Vorstoss wurde abgelehnt.

«Ich bin nicht grundsätzlich gegen privaten Unterricht. Leider wurde mir aber mitgeteilt, dass diese Erziehungsform oft in fundamentalistischen Familien praktiziert wird», sagt sie. Schulpfleger hätten ihr von Fällen berichtet, in denen die Kinder von morgens bis abends hinter geschlossenen Fensterläden lebten. «Wenn jemand nichts zu verbergen hat, dann sollte er sich auch nicht gegen bessere Qualitätskontrollen und unangemeldete Besuche wehren», findet Binder.

«Keine Erfahrungswerte»

Marcel Hanhart vom Verein «Bildung zu Hause» hat seine sechs Kinder im «Homeschooling»-Modell geschult. Die Kritik am «Unschooling» kann er teilweise nachvollziehen. «Es braucht sicher eine lernfördernde Umgebung, damit das funktionieren kann.» Die Kinder einfach «in den Tag hinein leben zu lassen», sei keine Lösung und entspreche auch nicht den Leitgedanken des «Unschoolings». Ob solche Kinder später auf dem Arbeitsmarkt eine Chance haben, werde sich zeigen. Aus seiner Sicht bestehe kein Grund, daran zu zweifeln. «Weil die Bewegung in der Schweiz noch sehr jung ist, fehlen heute verlässliche Erfahrungswerte aber noch.»

Im Kanton Appenzell Ausserrhoden müssen die Kinder zur Standortbestimmung einmal im Jahr standardisierte Tests absolvieren. Eines der Gantenbein-Mädchen schrieb zu Beginn nur 3er, konnte sich später aber steigern. «Das Vorgehen bei konstant schlechten Leistungen ist dasselbe wie in der Volksschule», sagt Alexandra Schubert vom zuständigen Bildungsdepartement. Zunächst würden die Ursachen festgestellt, dann würden gestützt darauf geeignete Massnahmen getroffen – etwa eine gezielte Förderung und Unterstützung oder eine Anpassung der Lernziele. Reichen die Massnahmen nicht aus, um das Kind im Rahmen von häuslichem Unterricht adäquat fördern zu können, kann es sein, dass die Bewilligung für den häuslichen Unterricht nicht verlängert wird.

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