Weniger Tote als erwartet - Untersterblichkeit erhöht den Druck für weitere Lockerungen
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Weniger Tote als erwartetUntersterblichkeit erhöht den Druck für weitere Lockerungen

Überwiegen die «geretteten Lebensjahre» durch die Corona-Massnahmen die wirtschaftlichen Schäden? Die Taskforce habe hier zu positive Annahmen getroffen, sagen Kritiker. Diese wehrt sich.

von
Pascal Michel
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Seit Mitte Februar gibt es in der Schweiz eine Untersterblichkeit.

Seit Mitte Februar gibt es in der Schweiz eine Untersterblichkeit.

BFS
Das BFS hat dafür zwei Erklärungen: Einerseits ist die Grippe, die in anderen Jahren gewütet hat, im Pandemie-Jahr praktisch ausgeblieben.

Das BFS hat dafür zwei Erklärungen: Einerseits ist die Grippe, die in anderen Jahren gewütet hat, im Pandemie-Jahr praktisch ausgeblieben.

AFP
Andererseits schreiben die Experten, dass einzelne an Covid-Verstorbene «vermutlich in so schlechter Gesundheit waren, dass ihr Leben nur um wenige Wochen verkürzt wurde».

Andererseits schreiben die Experten, dass einzelne an Covid-Verstorbene «vermutlich in so schlechter Gesundheit waren, dass ihr Leben nur um wenige Wochen verkürzt wurde».

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Darum gehts

  • Die Schweiz verzeichnet derzeit eine Untersterblichkeit.

  • Das sorgt für Kritik an den Taskforce-Modellen.

  • Ökonom Jan-Egbert Sturm verteidigt das Experten-Gremium.

In der Kalenderwoche sechs starben laut Bundesamt für Statistik (BFS) 1194 Menschen im Alter über 65. Erwartet hätten die Statistiker des Bundes aber 1277 Todesfälle – erstmals seit dem Beginn der zweiten Welle herrschte eine Untersterblichkeit. Diese hat sich seither noch fortgesetzt (siehe Grafik).

Das BFS hat dafür zwei Erklärungen: Einerseits ist die Grippe, die in anderen Jahren gewütet hat, im Pandemie-Jahr praktisch ausgeblieben. Andererseits schreiben die Experten, dass einzelne an Covid-Verstorbene «vermutlich in so schlechter Gesundheit waren, dass ihr Leben nur um wenige Wochen verkürzt wurde».

Wie viele Lebensjahre wurden «gerettet»?

Dies befeuert erneut die Debatte darüber, wie viel der Shutdown tatsächlich im Verhältnis zu den wirtschaftlichen Schäden bringt. Dass einige Covid-Tote aufgrund ihres Alters und Vorerkrankungen durch Covid-19 nur wenige Wochen Lebenszeit verloren haben, bestätigt eine These von Gesundheitsökonom Konstantin Beck. Zur «Sonntagszeitung» sagte er, die Modelle der Taskforce, auf denen der Shutdown im Januar beruhte, hätten die gewonnene Lebenszeit als zu hoch eingeschätzt.

Die Taskforce ging von durchschnittlich 5,4 bis 6,8 weiteren Lebensjahren aus für Personen, die an Covid-19 sterben. Dieser gewonnen Lebenszeit wies sie einen finanziellen Wert zu und stellte diesen in ein Verhältnis zu den Wertschöpfungsverlusten in der Wirtschaft. Das Fazit: Der gesundheitliche Nutzen übersteigt die Kosten der Massnahmen.

Beck dagegen betont, dass sehr viele Todesfälle in den Altersheimen anfallen, was die Zahl der «geretteten Lebensjahre» stark verringere. Bei Heimbewohnern liege die durchschnittliche Restlebenserwartung bei nur 426 Tagen.

Gegenüber der Sonntagszeitung kritisierte er: «Die Zahl der gemäss Taskforce geretteten Lebensjahre reduziert sich bei Verwendung realitätsnaher Werte um drei Viertel.» Das würde folglich auch den Nutzen des Shutdown reduzieren.

Economiesuisse begrüsst «nüchterne Diskussion»

Rudolf Minsch, Chefökonom von Economiesuisse, findet diese Kritik «absolut berechtigt». «Die Annahme der gewonnenen Lebenserwartung war wohl zu hoch, weil man sie aufgrund Studien aus den USA und der Gesamtbevölkerung geschätzt hatte», sagt er zu 20 Minuten. In die Schätzung eingeflossen sei die durchschnittliche Zahl der chronischen Vorerkrankungen der Covid-Toten. Nicht berücksichtigt wurde die deutlich tiefere Lebenserwartung in Pflegeheimen, wo besonders viele Tote zu beklagen waren.»

Minsch begrüsst es, dass nun eine nüchterne Diskussion über den Nutzen der Massnahmen im Verhältnis zu den Folgen für die Wirtschaft stattfindet. «Dass das Leben vieler älterer Risikopatienten nun durch die Impfung geschützt wird, muss der Bundesrat bei den weiteren Öffnungen berücksichtigen», sagt Minsch. Je mehr Personen in der Schweiz geimpft seien, desto geringer wird das Risiko einer Überlastung des Gesundheitswesens. Bei einer raschen Durchimpfung seien entsprechend weitere Lockerungen möglich.

Für Alois Gmür, «Mitte»-Nationalrat und Präsident der Parlamentarischen Gruppe Gastgewerbe, ist klar, dass der Bund nun die Untersterblichkeit als zentralen Indikator für die weiteren Schritte behandeln muss. Aktuell stützt sich der Bund auf fünf Kennwerte.

«Solange gar weniger ältere Menschen sterben als vor Corona, sind Einschränkungen nicht haltbar», sagt Gmür. Deshalb seien zum Beispiel Restaurant-Innenräume mit Schutzkonzepten sofort zu öffnen. «Wir müssen möglichst rasch zu einem normalen Leben zurückkehren.»

Taskforce-Ökonom kontert

Jan-Egbert Sturm, Vice Chair der Taskforce, präzisiert gegenüber 20 Minuten die Taskforce-Berechnungen. «Wir schätzen ab, wer an Covid-19 sterben könnte und nicht, wer trotz allen Massnahmen gestorben ist. Daher müssen wir bei der Berechnung die ganze Bevölkerung in den Blick nehmen.»

Laut Sturm darf man nicht vergessen, dass es auch Menschen mit erhöhtem Sterberisiko ausserhalb der Altersheime gibt. So schätze der Bund, dass in der Schweiz jeder Dritte zur Covid-19-Risikogruppe gehöre. «Wenn wir nun zum Beispiel Menschen zwischen 65 und 75 Jahren anschauen und dabei für Vorerkrankungen korrigieren, sehen wir, dass Corona deren Lebenszeit um etwa 13,5 Jahre verkürzen würde.»

Hier gar noch nicht eingerechnet seien weitere wirtschaftlich relevante Aspekte wie Krankheitsausfälle, Kosten der Spitalbehandlungen sowie Langzeit-Kosten der Rehabilitation. «Auch solche Punkte sollten berücksichtigt werden.»

Für den Ökonomen ist es daher wenig sinnvoll, aus der aktuellen Untersterblichkeit ableiten zu wollen, dass man noch weiter lockern könne. «Weil in der zweiten Welle mehr Menschen gestorben sind, als uns lieb war, gibt es nun eine automatische Tendenz zur vorübergehenden Untersterblichkeit – man kann ja nicht zwei Mal sterben. Zudem haben die Massnahmen einige positive Nebeneffekte wie weniger Grippetote wegen der Hygiene-Regeln», sagt Sturm. Aber: «Deswegen zu sagen, wir nehmen jetzt bewusst zusätzliche Covid-Tote in Kauf, wäre empörend. Die damit einhergehende Vorstellung, dass die Pandemie mit höheren Fallzahlen vernünftig kontrolliert werden kann, ist obendrauf unrealistisch.»

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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