Bundesamt für Statistik: «Untersterblichkeit» trotz Corona – das steckt dahinter
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Bundesamt für Statistik«Untersterblichkeit» trotz Corona – das steckt dahinter

In den letzten Wochen verzeichnete die Schweiz eine «Untersterblichkeit». Laut Experten haben die Covid-Massnahmen die Zahl der Grippetoten reduziert, die sonst um diese Zeit zu beklagen waren.

von
Pascal Michel
Bettina Zanni

Darum gehts

  • Ingesamt bleibt die Übersterblichkeit seit Ausbruch der Pandemie hoch.

  • In den letzten Wochen zeichnet sich aber ein Rückgang ab.

  • Dies liegt daran, dass die Schutzmassnahmen auch die Zahl der Grippetoten reduziert hat.

  • Die Grippesaison erreichte vor einem Jahr einen Höhepunkt. Jetzt gibt es kaum Fälle.


Zwischen Oktober und Februar verzeichnete die Schweiz aufgrund der zweiten Corona-Welle eine deutliche Übersterblichkeit bei den über 65-Jährigen. In diesem Zeitraum starben 8400 Menschen mehr, als man statistisch hätte erwarten können, wie Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen.

Aktuell zeigen die Hochrechnungsdaten der Statistiker des Bundes jedoch, dass in der stark betroffenen Altersgruppe in den ersten drei Februarwochen weniger Menschen starben als in den Vergleichsjahren. In der Kalenderwoche sieben starben 200 Personen weniger, als die Statistiker erwartet hatten (siehe Grafik oben).

Schwache Grippewelle im Jahr 2021

Dies könnte an den Schutz- und Hygienemassnahmen liegen, mit denen der Bundesrat die Verbreitung des Virus eindämmen will. Sie haben vermutlich dazu geführt, dass auch die Ansteckungen mit Influenzaviren in der diesjährigen Grippesaison, die normalerweise im Oktober beginnt, abgenommen haben.

Im Vergleich zur letztjährigen Grippesaison kam es dieses Jahr zu deutlich weniger ärztlichen Konsultationen wegen einer Grippeinfektion (siehe unten). Während der Grippesaison 2019/2020 kam es in der Kalenderwoche sieben gar zu einem Höhepunkt der Grippewelle, während das BAG bei den Grippefällen nun in diesem Jahr gar einen sinkenden Trend auf tiefem Niveau meldet.

«Die Hygiene- und Social Distancing-Massnahmen zur Reduktion der Covid-19 Übertragung haben wahrscheinlich eine Rolle bei der Reduktion der Grippeübertragung gespielt», heisst es im aktuellen Grippe-Bericht des Bundes. Die Influenza-Aktivität sei auf der nördlichen Hemisphäre deutlich tiefer als für diese Jahreszeit üblich.

«Händewaschen und Masken haben genützt»

Für Infektiologe Philippe Eggimann steht fest, dass die Corona-Massnahmen viele Grippetote verhindert haben. «Das Händewaschen, die Distanzregeln und das Tragen von Masken haben gegen das im Vergleich zum Coronavirus weniger ansteckendere Grippevirus genützt», sagt der Präsident der Westschweizer Ärztegesellschaft. Gleichzeitig hätten sich weniger Menschen infiziert, weil sich diesen Winter viele gegen die Grippe geimpft hätten. So empfahl das BAG im Herbst die Grippe-Impfung auch zur Pandemie-Prävention.

Auch Kinderärzte berichten laut Eggimann, dass dieses Jahr weniger Kinder von Atemwegs- und Durchfallerkrankungen betroffen sind.

Eggimann würde jedoch eine Maskenpflicht in den künftigen Wintersaisons nicht empfehlen, wenn keine symptomatische Viruserkrankung vorliegt. «Der menschliche Organismus muss Viren und Bakterien ausgesetzt sein. Ansonsten kann er dagegen keine Immunität mehr aufbauen.»

Daten mit Vorsicht zu interpretieren

Ähnliche Vermutungen wie Eggimann stellt Rolf Weitkunat, Professor und Experte für Vitalstatistik und Epidemiologie beim Bundesamt für Statistik, an.

«Dass in der Folge einer Epidemiewelle weniger Sterbefälle auftreten, ist kein neues Phänomen», erklärt er. Von den etwa 8500 Personen, die in der zweiten Welle von Covid-19 mehr als erwartet verstorben seien, seien einzelne vermutlich bei so schlechter Gesundheit gewesen, dass ihr Leben nur um wenige Wochen verkürzt worden sei. Das heisst: In anderen Jahren starben diese Personen möglicherweise an der Grippe - die nun durch die Massnahmen stark zurückgedrängt worden ist.

Weitkunat rät aber noch zur Vorsicht mit einer Interpretation: Mit den vorhandenen Daten lasse sich diese Erklärungsmöglichkeit allerdings nicht restlos beweisen. «Auch ist für die letzten Wochen noch mit einzelnen Nachmeldungen von Todesfällen zu rechnen. Eine Gesamtbilanz der Todesfälle infolge von Covid-19 wird man erst nach Abschluss der Epidemie in der Schweiz ziehen können.»

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