Humanitäre Mission - Unterwegs im Ukraine-Konflikt – 20 Minuten begleitet Schweizer Konvoi
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Humanitäre MissionUnterwegs im Ukraine-Konflikt – 20 Minuten begleitet Schweizer Konvoi

144 Lastwagen unter Schweizer Flagge sind mit dringend benötigten Hilfsgütern in den umkämpften Gebieten im Osten der Ukraine unterwegs. 20 Minuten fuhr in einem Konvoi mit.

von
Ann Guenter

Der Konvoi des Schweizerischen Korps für Humanitäre Hilfe in Aktion.

20 Minuten/ Ann Guenter/Videodesk

Nur einige Flugstunden östlich der Schweiz, leben Millionen Menschen ihren Alltag im Krieg. Und das schon seit sieben Jahren und in einem Konflikt, der immer wieder als eingefroren bezeichnet wird. Dabei kommen auch Wohngebiete regelmässig unter Beschuss.

Im Ukraine-Konflikt kommt es entlang der 500 Kilometer langen Frontline regelmässig zu Mörserbeschuss. Im Bild: Pisky, eine ukrainische Stadt nahe Donezk im April dieses Jahres. 

Im Ukraine-Konflikt kommt es entlang der 500 Kilometer langen Frontline regelmässig zu Mörserbeschuss. Im Bild: Pisky, eine ukrainische Stadt nahe Donezk im April dieses Jahres.

AFP

Seit dem Februar 2014 bekämpfen sich ukrainische Regierungssoldaten und prorussische Kräfte, welche in Teilen der Oblasten Donezk und Luhansk zwei «Volksrepubliken» ausgerufen haben. International anerkannt sind diese einstigen ukrainischen Gebiete nicht.

Was sonst kein anderes Land tut

Die Schweiz tut da, was sonst kein anderer Staat tut: Als neutrales Land beliefert sie seit Jahren beide Seiten der Konfliktlinie mit humanitären Hilfsgütern. Westliche NGOS, die nicht-staatlichen Hilfsorganisationen, können hier dagegen kaum arbeiten, aus verschiedenen, auch politischen, Gründen. So sind neben der Schweiz einzig noch das Internationale Rote Kreuz und die UNO für die eine Million Menschen tätig, die entlang der 500 Kilometer langen Frontlinie wohnen.

Auch jetzt und bis Mitte September sind insgesamt 144 Lastwagen der Humanitären Hilfe des Bundes in den umkämpften Gebieten unterwegs. Die ersten 30 Lastwagen der insgesamt fünf Konvois haben tonnenweise Säcke mit Aluminiumsulfat und Apparaten zur Wasseraufbereitung geladen.

Die 30 von insgesamt 144 LKWs unter Schweizer Fahne vor der Abfahrt aus dem ukrainischen Mariupol. 

Die 30 von insgesamt 144 LKWs unter Schweizer Fahne vor der Abfahrt aus dem ukrainischen Mariupol.

20 Minuten/Ann Guenter

Es ist eine strapaziöse, nervenaufreibende und mitunter riskante Mission, sowohl für die ukrainischen LKW-Fahrer als auch für die sechs Mitglieder des Schweizerischen Korps für Humanitäre Hilfe, die die Konvois begleiten. 20 Minuten ist mit ihnen mitgefahren.

Wie Zürich-Bern – aber in 15 Stunden

Route des Schweizer Konvois: Von Mariupol am Asowschen Meer bis nach Donetsk und später nach Luhansk. 

Route des Schweizer Konvois: Von Mariupol am Asowschen Meer bis nach Donetsk und später nach Luhansk.

REACH

Ausgangspunkt: Die ukrainische Industriestadt Mariupol am Asowschen Meer. Das Ziel: Die Stadt Donetsk in der gleichnamigen «Republik», etwa 115 Kilometer entfernt. Eine Distanz vergleichbar mit der Strecke Zürich-Bern, auch für 30 LKWs machbar in einigen Stunden, würde man meinen.

Tatsächlich kommt dieser erste von fünf Konvois erst spätnachts in Donetsk an – von 15 Stunden war er gerade einmal drei Stunden tatsächlich in Bewegung.

Vor der Abfahrt in Mariupol waren am Sammelpunkt alle dreissig lokalen Fahrer negativ auf Covid getestet worden, selbst der Husky eines Chauffeurs besass alle nötigen Papiere, es herrschte Aufbruchsstimmung. Es überrascht, dass sich der Krieg schon nach weniger als einer Stunde erstmals zeigt.

Minibunker, Soldaten und Hunde

Am Checkpoint Novotroitske, dem letzten grossen Kontrollposten der offiziellen Ukraine, zeugen zwei Minibunker an der Ein- und Ausfahrt davon, dass hier weiterhin scharf geschossen werden kann. Barrikaden trennen diesen Abschnitt der zweispurigen Autobahn H20, Uniformierte kontrollieren die Papiere aller, die von der einen zur anderen Seite gelangen wollen. Fotografieren liegt zu keinem Zeitpunkt drin.

Es geht einem nur schwer in den Kopf, dass diese Route einst täglich von bis zu einer Million Zivilisten aus der Region passiert wurde, ohne dass sich ihnen bewaffnete Soldaten mit ihren Schäferhunden in den Weg stellten. Eben: Als ob man nur noch mit Pass und Genehmigung nach Bern kommen könnte, um seine Familie und Freunde zu sehen oder Amtsgänge und andere Besorgungen zu machen.

«30 minus ein Lastwagen»

Besonders beschwerlich ist das für die Senioren und Seniorinnen, die ihr Leben lang in der Ukraine wohnten und sich heute in den Separatistengebieten wiederfinden. Sie müssen jetzt eine zweitägige Reise auf sich nehmen, um auf der anderen Seite ihre Pensionsgelder abholen zu können. Denn die Checkpoints haben wie die Ämter auf der anderen Seite Öffnungszeiten. In einem Tag lässt sich die überlebenswichtige Kommission kaum erledigen.

Von 15 Stunden ist der Konvoi gerade einmal drei Stunden tatsächlich in Bewegung. 

Von 15 Stunden ist der Konvoi gerade einmal drei Stunden tatsächlich in Bewegung.

20 Minuten/ Ann Guenter

Es dauert vier Stunden, bis zwei Drittel der dreissig LKWs und ihre Ladung kontrolliert sind und durchgewunken werden. «Es geht doch ziemlich rassig», freuen sich die Schweizer vom Humanitären Korps.

Doch dann gibt es mit einem der Lastwagen ein Problem: Der Fahrer, so wird beanstandet, sei mit einem veralteten Pass unterwegs und somit nicht einwandfrei identifizierbar. «30 minus ein Lastwagen», können die Schweizer nur konsterniert feststellen. Der Mann muss mit Laster und Ladung wieder umkehren.

Graue Zone: Minen und Panzer unter Tarnnetzen

Hinter dem Checkpoint Novotroitske, in der sogenannten Grauen Zone, tritt der Krieg jetzt ganz offen zutage: Panzer, von tarnfarbenen Netzen bedeckt, und Schilder mit Totenköpfen, die vor den Minen beidseits der Autobahn warnen. An ihrer Räumung hat keine der beiden Konfliktseiten ein Interesse, zu gross ist das Misstrauen, man könnte dem Feind damit einen Vorteil verschaffen.

Einst von einer Million Menschen täglich genutzt, sieht man auf der Autobahn H20 jetzt in regelmässigen Abständen solche Warnschilder. 

Einst von einer Million Menschen täglich genutzt, sieht man auf der Autobahn H20 jetzt in regelmässigen Abständen solche Warnschilder.

20 Minuten/ Ann Guenter

Um 14 Uhr kommt der Konvoi am Checkpoint Elenovka, dem Tor zur sogenannten Republik Donezk an. Wieder gibt es Probleme, und es heisst verhandeln, diskutieren und vor allem: warten. Teamleader Dieter Dreyer, der perfekt Russisch spricht, verliert die Zuversicht nicht: «Das wird schon klappen».

Albtraumszenario: Muss der Konvoi umkehren?

Während Dreyer in einem der Büros diskutiert, spritzen zwei Männer in Schutzanzügen und schwarzen Gummischuhen die 29 Lastwagen mit Desinfektionsmittel ab. Das soll verhindern, dass das Coronavirus in die umkämpften Gebiete gelangt. Ob das Virus so vernichtet werden kann, ist fraglich. Auch in den «Volksrepubliken» Donezk und Lugansk erkranken Menschen an Covid-19.

Nach Stunden informiert Dieter Dreyer sein Team: «Es gibt immer noch heftige Diskussionen». Es gehe mittlerweile um Covid-Tests, die die Schweizer nicht haben, weil sie nachweislich geimpft sind, mit Zertifikat – eine spezielle Abmachung mit den Schweizern, die jedoch den Leuten am Checkpoint nicht bekannt ist. Auf einmal steht die Möglichkeit im Raum, dass der ganze Konvoi umkehren muss.

Ein Albtraumszenario für die Mission, das dann doch vermieden werden kann. Schliesslich dürfen zunächst acht Lastwagen passieren, damit ihre Ladung geprüft werden kann. Die Männer, die das tun, sind offenkundig Milizen. Zumindest tragen sie alle unterschiedlich tarnfarbene Kleidung statt einheitlicher Uniformen, Turnschuhe statt Stiefel und haben durchgehend alte Kalaschnikows geschultert.

Noch ein Posten

Die Sonne ist am Untergehen, als der Konvoi schliesslich grünes Licht zur Weiterfahrt erhält. Wobei «Weiterfahrt» nicht so ganz stimmt: Keine zwanzig Meter weiter haben Polizeibeamte der «Republik Donezk» ein Büro am Ausgang des Checkpoints eingerichtet und wiederholen die ganze Prüfprozedur. Spätestens jetzt kann der Laie weder Gähnen noch Ungeduld unterdrücken.

Die ersten LKWs treffen erst beim Eindunkeln in Donezk ein. 

Die ersten LKWs treffen erst beim Eindunkeln in Donezk ein.

20 Minuten/ Ann Guenter

Es ist 22 Uhr und dunkel, als alle Fahrer in der Abladestation etwas ausserhalb der Stadt Donezk eintreffen. Hier werden sie in ihren Fahrerkabinen übernachten, am frühen Morgen die Hunderten Säcke mit Aluminiumsulfat abladen, die gut 115 Kilometer zurück nach Mariupol fahren und neu laden.

Geladen haben sie tonnenweise … 

Geladen haben sie tonnenweise …

20 Minuten/ Ann Guenter
… Aluminiumsulfat, das zur Aufbereitung von Trinkwasser für Millionen von Menschen eingesetzt wird. 

… Aluminiumsulfat, das zur Aufbereitung von Trinkwasser für Millionen von Menschen eingesetzt wird.

20 Minuten/ Ann Guenter

«Das ist dann nicht viel Zeit»

Die Rückfahrt, versichert das Schweizer Team, nehme wegen der leeren Laster jeweils nicht mehr so viel Zeit in Anspruch. Und doch: 15 Stunden angefüllt mit viel Bürokratie, Problemen und Diskussionen - wieso tut man sich das an, in einem Konflikt, der sich scheinbar nie lösen lässt?

Und so sieht Aluminiumsulfat aus, wie 20 Minuten beim Besuch in einem Wasserwerk in Donezk sehen konnte. 

Und so sieht Aluminiumsulfat aus, wie 20 Minuten beim Besuch in einem Wasserwerk in Donezk sehen konnte.

20 Minuten/ Ann Guenter

Man müsse im humanitären Bereich des Konflikts beide Seiten anhören und verstehen, meint Raoul, der Sicherheitsberater der Schweizer Mission. «Entscheidend sind die Zivilisten, deren Leben die Lieferungen verbessern», so Raoul. «Deswegen machen wir das. Und 15 Stunden Warten für vier Millionen Menschen – das ist dann nicht viel Zeit.»

Der 13. ist der bisher grösste Konvoi

Hilfe für 12 Millionen Franken

Die Humanitäre Hilfe des Bundes liefert dieses Jahr 2300 Tonnen Chemikalien zur Trinkwasseraufbereitung, Spitalausrüstung sowie 30 Beatmungsgeräte und 1,5 Millionen Antigen-Tests zur Bekämpfung der Corona-Pandemie in das Konfliktgebiet. Insgesamt umfasst die Hilfslieferung Güter im Umfang von rund 12 Millionen Franken. Der 13. Konvoi ist der bisher grösste Hilfsgütertransport in den Osten der Ukraine.

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