Inkognito in Syrien: Unterwegs im Zentrum des Widerstands
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Inkognito in SyrienUnterwegs im Zentrum des Widerstands

Unter abenteuerlichen Bedingungen hat sich ein BBC-Filmteam in die syrische Stadt Homs durchgeschlagen. Der Widerstandswille der Opposition scheint ungebrochen - trotz des immensen Blutzolls.

von
kri

Seit Monaten muss praktisch jede Nachricht aus Syrien mit dem Zusatz «kann von unabhängiger Seite nicht bestätigt werden» versehen werden. Das gilt für die staatlichen syrischen Medien, die «bewaffnete Banden» für die Gewalt verantwortlich machen, ebenso wie für die wackeligen Videos von Bürgerjournalisten. Nun hat erstmals ein ausländisches Filmteam die syrische Nachrichtensperre durchbrochen und sich inkognito in die umkämpfte Stadt Homs begeben.

Wie genau sie den syrischen Abwehrring durchbrach, will BBC-Reporterin Sue Lloyd-Roberts aus verständlichen Gründen nicht verraten. «Sagen wir, es war ein unglaublich einfallsreiches, mutiges und schlaues Netzwerk junger syrischer Aktivisten, die der Welt ihre Geschichte erzählen wollen», sagt sie in dem Beitrag. Mit einem gefälschten Ausweis und einem Kopftuch ausgerüstet habe sie sämtliche Strassensperren der Armee passieren können. Bei Fragen beteuerten ihre Begleiter, es handle sich um ihre taubstumme Mutter.

«Es ging nie um bewaffnete Banden»

In Homs, dem Zentrum des syrischen Widerstands, gehen die Menschen seit Monaten täglich auf die Strasse. Die Armee hat die Stadt umstellt und greift regelmässig an. Die Menschen können nirgends hin. Kein Wunder, strömen sie nachts auf die Strassen, um ihrem Unmut Luft zu machen, findet die Reporterin. Bald spricht sich herum, dass ein britisches Filmteam vor Ort ist. Plötzlich tauchen an den Demonstrationen neben arabischen auch zahlreiche englische Transparente auf.

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Der Protest hat sich in den vergangenen sieben Monaten gewandelt. «Zu Beginn verlangten die Syrer Reformen. Dann den Rücktritt Assads. Inzwischen fordern sie seinen Tod durch den Strang», beobachtet Roberts. Der Enthusiasmus der Bevölkerung scheint ungebrochen, obwohl sie in sieben Monaten wenig erreicht und dafür einen sehr hohen Preis bezahlt hat. Fast die Hälfte der mindestens 3000 Todesopfer soll aus Homs stammen.

Ein Soldat erklärt mit abgewendetem Gesicht, vor seiner Desertierung Mitglied des militärischen Sicherheitsdienst gewesen zu sein. Zu dessen Aufgaben gehört es offenbar, Soldaten zu erschiessen, die sich weigern, auf Demonstranten zu feuern. Ein anderer Deserteur berichtet, dass die Armee auf alles schiesst, was sich bewegt, und dabei auch Kinder tötet. «Unser Befehl lautete, auf die syrische Bevölkerung zu schiessen. Es ging nie um bewaffnete Banden.»

Kopfverletzungen kommen Todesurteil gleich

Verletzte werden in improvisierte Lazarette gebracht und dort behandelt. Die Ärzte sind heillos überfordert und schlecht ausgestattet. Blutkonserven, Antibiotika und antiseptisches Verbandsmaterial fehlen. Wer hier mit einer ernsten Verletzung eingeliefert wird, hat keine Chance: «Alle, die bisher mit einer Kopfwunde eingeliefert wurden, starben», erklärt ein Arzt. Krankenhäuser sind schon lang keine Option mehr. Oft wurden dort Menschen mit Schusswunden an Armen oder Beinen eingeliefert und später tot ihren Angehörigen übergeben - mit Einschüssen im Kopf oder in der Brust. Zu allem Überfluss müssen diese Lazarette, die in Privatwohnungen untergebracht sind, einmal pro Woche umziehen, um nicht entdeckt zu werden.

Zurück im Libanon trifft Roberts einen Waffenhändler, dessen Lager sich langsam aber sicher leeren. In den vergangenen Wochen habe sich der Preis für ein Sturmgewehr des Typs AK-47 (Kalaschnikow) auf 2000 Dollar verdoppelt. Laut dem Waffenhändler werden sie von Sunniten und Islamisten gekauft und dann über die Grenze nach Syrien geschmuggelt. «Bei so vielen Waffen steht wohl ein Bürgerkrieg bevor», sagt er.

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