Urner Justizskandal: Ignaz Walker teilweise freigesprochen
Aktualisiert

Urner Justizskandal: Ignaz Walker teilweise freigesprochen

Trotz pannenreichem Strafverfahren spricht ein Gericht Ex-Cabaret-Betreiber Ignaz Walker nochmals schuldig. Aber nicht mehr wegen Mordauftrags.

von
Thomas Knellwolf
Das Strafverfahren ist mit vielen Unklarheiten und Pannen verbunden: Ignaz Walker vor dem Rathaus in Altdorf UR. (22. Februar 2016)

Das Strafverfahren ist mit vielen Unklarheiten und Pannen verbunden: Ignaz Walker vor dem Rathaus in Altdorf UR. (22. Februar 2016)

Keystone/Urs Flüeler

Das Urner Obergericht verurteilt den ehemaligen Nachtclub-Besitzer Ignaz Walker zu einer Freiheitsstrafe von 28 Monaten. Noch vor rund drei Jahren hatte dieselbe Strafkammer 15 Jahre für angemessen gehalten – wegen den identischen Vorwürfen:

Damals hatte es das Obergericht als erwiesen betrachtet, dass Walker im Jahr 2010 sowohl selber auf einen Gast geschossen hatte (ohne zu treffen) als auch einen Mordauftrag erteilt hatte. Walkers getrennte lebende Ehefrau wurde durch Schüsse aus einer Pistole verletzt, aber überlebte.

Nun hat das Obergericht Walker von Vorwurf des Mordauftrags freigesprochen. Es hält ihn aber noch immer für schuldig an den Schüssen auf einen Gast aus Holland.

160 000 Franken Entschädigung

Walker muss nicht mehr ins Gefängnis. Er hat bereits über 1600 Tage hinter Gittern gesessen. Nun wird er für zu viel abgesessene Untersuchungs- und Sicherheitshaft entschädigt – also für rund 22 Monate. Bei einem Satz von 200 Franken pro Tag wären mehr als 160 000 Franken.

Das Gericht beurteilt die Schüsse auf den Gast auch nicht mehr als versuchte vorsätzliche Tötung, sondern neu als Gefährdung des Lebens, was weniger schwer wiegt. Die Strafkammer stützt sich bei der Verurteilung vor allem auf die Aussagen des mutmasslichen Opfers ab, das sich unmittelbar nach der Tat bei der Polizei gemeldet hatte.

Pannenreiches Verfahren

Das Strafverfahren kann zu den pannenreichsten der jüngeren Schweizer Justizgeschichte gezählt werden – wie eine unvollständige Übersicht zeigt:

7 Antworten zum Urner JustizkrimiDer Kronzeuge im Fall Walker wackeltNach den Schüssen auf den Gast hatte ein befangener Kriminaltechniker (er lag mit dem Cabaret-Boss im Streit) Walkers DNA an einer Patronenhülse gefunden. Dies kam einem forensischen Wunder gleich: Menschliches Erbgut bleibt nach einer Schussabgabe kaum je an Hülsen haften.

7 Antworten zum Urner JustizkrimiDer Kronzeuge im Fall Walker wackeltNach den Schüssen auf den Gast hatte ein befangener Kriminaltechniker (er lag mit dem Cabaret-Boss im Streit) Walkers DNA an einer Patronenhülse gefunden. Dies kam einem forensischen Wunder gleich: Menschliches Erbgut bleibt nach einer Schussabgabe kaum je an Hülsen haften.

Wegen weiterer Unklarheiten hätte auch das mutmassliche Opfer, ein Holländer, der mit dem Schrecken davon kam, nochmals befragt werden sollen. Die Urner Staatsanwaltschaft verschwieg aber hartnäckig, dass sie den Aufenthaltsort des Gesuchten kannte, den das Gericht als verschollen betrachtete. Der Urner Oberstaatsanwalt Thomas Imholz behauptete sogar, man könne keine «Hinweise oder zweckdienlichen Angaben» machen, obwohl er wusste, dass der gesuchte Holländer in Frankreich in Haft gesessen hatte. Seine Behörde hatte gar Rechtshilfe geleistet, was vor Gericht verheimlicht wurde. Walkers Verteidiger hat deshalb gefordert, dass ein Strafverfahren wegen Amtsmissbrauchs und Urkundendelikten eröffnet werde.

Das Obergericht findet nun, es habe «angemessene und zumutbare Massnahmen getroffen», um den Holländer ausfindig zu machen. Es gibt auch dem Oberstaatsanwalt Rückendeckung: Die Staatanwaltschaft habe «keine Mitteilungspflicht» gehabt, zumal die Informationen aus Frankreich «bereits weitgehend bekannt und zum Teil nicht mehr aktuell gewesen» seien. Zudem wäre eine Befragung des schwer erkrankten Holländers kaum mehr möglich gewesen. Johannes P. starb im August 2015, ohne dass er aus der Schweiz kontaktiert worden wäre.

Walkers Verteidiger Linus Jaeggi zeigt sich nach der Urteilsverkündung erstaunt über diese Argumentation.

Oberstaatsanwalt enttäuscht

Beim Mordauftrag, den Walker erteilt haben soll, entlastete der verurteilte Schütze den Ex-Cabaret-Betreiber aus Erstfeld vergangenes Jahr. Er gab in einem TV-Interview preis, dass er selber, Walkers Ex-Frau und deren neuer Partner eine Intrige inszeniert hätten, um Walker zu schaden. Seither untersucht ein externer Staatsanwalt, ob es eine solche Intrige gegeben hat.

Das Obergericht hält die «Komplotttheorien» schon jetzt für «wenig glaubhaft» Die Glaubhaftigkeit und Glaubwürdigkeit des verurteilten Schützen bezeichnet es als «gering». Allerdings habe die Schussrekonstruktion am Tatort auch ergeben, dass sich das Geschehen nicht so abgespielt haben konnte, wie es Walkers Ex-Frau geschildert hatte. Die Strafkammer sprach Walker in diesem Punkt mangels Beweisen frei.

Das neue Urteil ist nicht rechtskräftig. Es kann sowohl von Walker, der Staatsanwaltschaft und unter Umständen auch von Walkers Ex-Frau ans Bundesgericht gezogen werden. Die Richter in Lausanne hatten bereits einmal einen Schuldspruch Walkers kassiert.

Alle drei Parteien kündigten an, das Urteil des Obergerichts zu prüfen. Besonders enttäuscht zeigte sich Oberstaatsanwalt Thomas Imholz. Er sprach von einem «relativ sicheren» Weiterzug.

Deine Meinung