Aktualisiert 09.12.2008 15:30

GriechenlandUrsachenforschung nach Orgie der Gewalt

Ein Land sucht Erklärungen. Griechenland durchlebt einen Alptraum. Was ist faul in unserer Gesellschaft, fragen Kommentatoren in den Medien. Offensichtlich reicht es als Erklärung nicht, auf die Chaotenszene zu verweisen.

«Die nutzt jede friedliche Demonstration, um ihr Unwesen zu treiben», sagen viele Bürger. «Die Sache geht viel tiefer», wischt der Chefredaktor der linken Zeitung «Avgi», Nikos Filis, Volkes Stimme beiseite. Es gebe in der Gesellschaft viel Wut.

Die sogenannte 700-Euro-Generation mache ihrem Protest Luft. «Sie sagt uns, das etwas falsch läuft.» Er spricht über Tausende junger Menschen, die nach jahrelangem Hochschulstudium und erstklassiger Qualifikation dennoch eine düstere Zukunft haben.

Studieren und dann Hungerlohn

«Sie haben mehrere Jahre lang gebüffelt, aber danach nur Teilzeitjobs gefunden», sagt Filis. Mit 700 Euro könnten sie keine Familie gründen oder sich eine Wohnung leisten. «Jetzt gehen sie auf die Strasse und sagen uns, was wir Älteren falsch gemacht haben», kommentiert die linksliberale Zeitung «To Vima».

Auch der Blick zurück in die dunklen Zeiten Griechenlands soll helfen, diesen Ausbruch der Gewalt zu erklären. «In den 70er Jahren kämpften wir für die Demokratie und gegen die Obristenjunta (Militärdiktatur) in Griechenland und sangen Lieder von Mikis Theodorakis», sagt ein Psychologe im Fernsehen.

Er erinnert an ein Lied des grossen griechischen Sängers zu einem Text des Schriftstellers Giannis Ritsos, der während der Diktatur als Kommunist mehr als einmal eingesperrt worden war: «Bald werden die Freiheitsglocken läuten.» Die nachfolgenden Generationen hätten eine völlig andere politische Welt erlebt, sagt er.

Genug von den Dynastien

Nach der Wiederherstellung der Demokratie 1974 bildete sich ein Zwei-Parteien-System aus den Konservativen der Nea Dimokratia und der Pasok - der Panhellenischen Sozialistischen Bewegung. Diese wechseln sich an der Macht ab - viele Menschen empfinden dennoch seit Jahren Stillstand.

Es sind Dynastien, die sich im Kampf um die Macht ablösen: Konstantinos Karamanlis und Andreas Papandreou in den 80er Jahren, Kostas Karamanlis (Neffe) und Giorgos Papandreou (Sohn) heute.

Beobachter verweisen darauf, das Land hänge praktisch am Tropf der milliardenschweren Subventionen der Europäischen Union. Glücklich sei vor allem, wer über die «Verbindungen» zur jeweils regierenden Partei verfügt. «Wir stehen am Rande des Zusammenbruchs», kommentierte die Athener Zeitung «Kathimerini».

Aufbruch in der Nacht

Wenn die Nacht kommt, demonstrieren sie mit aller Gewalt ihren Hass auf diese politische Klasse und deren Günstlinge. Die Gruppe von einigen Tausend jungen Leuten komme ihm vor wie ein modernes Lumpenproletariat, meint Nikos Maniatis, ein Gymnasiallehrer.

Sie hätten sich von der Gesellschaft entfremdet und keine Hemmungen, brutale Gewalt anzuwenden. Und es gibt eine Verbindung zu den vielen arbeitslosen gebildeten und vor allem frustrierten jungen Leuten.

Wohlstandskind

Der Tod des 15-Jährigen lässt nicht nur die Familien und die Freunde fassungslos zurück, das ganze Land trauert um das Opfer, das durch die Kugel eines Polizisten starb. «Er war ein junger Mensch, der genau wusste was er wollte. Er sagte immer und direkt seine Meinung», beschreibt eine Mitschülerin den Jugendlichen.

Alexis Grigoropoulos stammt aus einer wohlabenden Familie. Seine Eltern besitzen einen der bekanntesten Juwelierläden von Athen. Der Vater ist zudem Architekt. Er hatte seinen Sohn auf eine der teuersten Privatschulen des Landes geschickt. (sda)

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