Aktualisiert 09.08.2011 08:46

Bonität herabgestuftUS-Amerikaner fürchten um ihre Arbeitsplätze

Nach der Herabstufung der USA sorgen sich US-Amerikaner um den Arbeitsmarkt und eine weitere Rezession. Das Gezerre um die Schuldengrenze gerät bei den Wählern derweil in Vergessenheit.

Die Bedingungen der mit einer Kürzung der Staatsausgaben gekoppelten Anhebung des Schuldenlimits haben die Angst der Anleger verstärkt.

Die Bedingungen der mit einer Kürzung der Staatsausgaben gekoppelten Anhebung des Schuldenlimits haben die Angst der Anleger verstärkt.

Dunkle Wolken brauen sich zusammen über Washington. Aus dem Zorn der Bürger über die Politiker, die sich ewig nicht auf eine Anhebung der Schuldenobergrenze verständigen konnten, ist grosse Sorge um Arbeitsmarkt und Konjunktur sowie Angst vor einer weiteren Rezession geworden. Dass die Ratingagentur Standard & Poor's die Bonität der USA erstmals herabstufte, macht die Nervosität nur noch grösser.

Dabei hätte es eine gute Woche für US-Präsident Barack Obama sein sollen. Schliesslich einigte er sich nach zähem Ringen mit den Republikanern auf einen Schuldenkompromiss, der die Zahlungsunfähigkeit kurz vor Ultimo abwendete. Und es gab relativ gute Nachrichten vom Arbeitsmarkt. Doch der Applaus blieb aus. Tatsächlich brachten bescheidene Wirtschaftsdaten in den USA und die Schuldenkrise in Europa die Finanzmärkte weltweit ins Trudeln.

Die Bedingungen der mit einer Kürzung der Staatsausgaben gekoppelten Anhebung des Schuldenlimits trugen zur Angst der Anleger bei. Viele Ökonomen befürchten, dass der Deal die wirtschaftlichen Probleme letztlich sogar noch verschlimmert, wenn die Sparmassnahmen mit einer neuen Rezession zusammenfallen. Standard & Poor's begründete seine Herabstufung von «AAA» auf «AA+» damit, dass das beschlossene Vorhaben nicht ausreiche, die Situation zu stabilisieren.

Wachstum unter einem Prozent

Die Herabstufung selbst dürfte sich nach Expertenmeinung nicht gross auswirken. Sie verweisen darauf, dass auch Japan, Kanada und Australien in der Vergangenheit ohne erhebliche wirtschaftliche Folgen schlechter beurteilt wurden. Zudem flüchteten Anleger in den vergangenen Tagen verstärkt aus Aktien in die vermeintliche Sicherheit von US-Schatzobligationen. «Die Anleger haben sich festgelegt und sagen, dass die USA zahlen werden», erklärt Moody's-Chefökonom Mark Zandi. «US-Staatsschätze sind immer noch der Goldstandard.»

Zandi weist darauf hin, dass weder Moody's noch die dritte grosse Agentur Fitch die USA heruntergestuft haben. Auch der Wirtschaftswissenschaftler Peter Morici glaubt nicht, dass die Herabstufung viel ausmacht. Aber wegen ihrer ungeschickten Wirtschaftspolitik «haben es die Vereinigten Staaten verdient», meint er.

Der Arbeitsmarktbericht vom Freitag - ein Zuwachs von 117 000 Stellen und ein leichter Rückgang der Arbeitslosenquote von 9,2 auf 9,1 Prozent im Juli - war besser als erwartet, räumte die Rezessionsängste aber nicht aus. Neue Daten deuten darauf hin, dass die US-Wirtschaft fast zum Stillstand kommt. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs im ersten Halbjahr 2011 um weniger als ein Prozent. Die Industrieproduktion schwächelt, ebenso die Verbraucherausgaben. Der Zuwachs an Arbeitsplätzen hält nicht einmal mit dem Bevölkerungswachstum Schritt. Um die Arbeitslosigkeit merklich zu verringern, müsste das BIP um mehr als drei Prozent steigen.

«Eine Schuldengrenze kann man nicht essen»

Der Politikwissenschaftler Ross Baker glaubt, dass das Thema Schuldenobergrenze rasch in den Hintergrund rückt und den Verbrauchern weniger wichtig ist: «Eine Anhebung der Schuldengrenze kann man nicht essen», sagte er. «Ich vermute, wenn die Kongressmitglieder in ihre Wahlkreise zurückkehren, werden die Leute kommen und sagen 'Mein Rentensparplan ist eingebrochen. Was unternehmen Sie deswegen?'» - diejenigen zumindest, die noch einen Arbeitsplatz und eine private Altersvorsorge haben.

Das Gezerre um die Schuldengrenze fanden einer Pew-Umfrage zufolge 72 Prozent der Befragten «widerlich», «lächerlich» oder «dämlich». «Das ganze Jahr über war die Öffentlichkeit viel besorgter über die Arbeitsmarktsituation und die Preise als über das Haushaltsdefizit», erklärt der Direktor des Meinungsforschungsinstituts, Michael Dimock. «Sie wollen wissen, was die Regierung diesbezüglich unternimmt. Und sie haben noch nichts gesehen.» (dapd)

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