Hilfe zur Selbsthilfe: US-Armee betritt neues «Schlachtfeld»
Aktualisiert

Hilfe zur SelbsthilfeUS-Armee betritt neues «Schlachtfeld»

Ausbilden statt kämpfen, lautet die jüngste Devise der USA in Afghanistan. Damit dessen Armee nicht Hunger leiden muss, bringen die Amerikaner Schlachtbetriebe auf Vordermann.

von
kri
Chris Hart fand zu Beginn seiner Beratungsmission primitivste Bedingungen im Kabuler Armee-Schlachthof vor.

Chris Hart fand zu Beginn seiner Beratungsmission primitivste Bedingungen im Kabuler Armee-Schlachthof vor.

Während amerikanische Soldaten auf dem Feld Jagd auf die Taliban machen, ist Chris Hart auf einem ganz anderen Schlachtfeld Afghanistans engagiert: Er soll die afghanische Armee in der Kunst des Schlachtens unterweisen. Im Anti-Terrorkampf mag das wie ein Nebenkriegsschauplatz erscheinen, doch der Job des ehemaligen Reservisten ist ein gutes Beispiel dafür, wie die künftige Rolle der US-Armee in Afghanistan aussehen könnte. Gleichzeitig mit dem Beginn des Truppenabzugs dieses Jahr verschieben sich ihre Prioritäten von Kampfeinsätzen zu Schulungsaufgaben. Ob die junge afghanische Armee irgendwann in der Lage sein wird, auf eigenen Beinen zu stehen, hat ebenso viel mit Logistik und Nachschub wie Gefechtsausbildung zu tun.

Der 45-jährige Hart ist gelernter Metzger und arbeitete früher in einer Versorgungsbehörde der US-Armee, die mobile Burger-King-Filialen in kugelsicheren Wohnwagen an die Front schicken. Seit Juli hilft er der afganischen Armee, ihr Verpflegungswesen zu modernisieren und in den Vororten von Kabul einen modernen Schlachthof für 24 Millionen Dollar zu planen. Die Bauarbeiten für die Anlage sollen nächstes Jahr beginnen.

Schlachtabfälle mit Säure aufgelöst

Bis es soweit ist, muss der alte Schlachthof herhalten. Als Hart im Juli seine Stelle antrat, waren die Bedingungen in seinen Worten «mittelalterlich»: Die Arbeiter trugen Sandalen und benutzten Beile und selbstgemachte Messer aus Blechstücken, die mit Klebband an Holzgriffen befestigt waren. Als Arbeitsfläche dienten Holzstämme. «Sie nahmen ein Beil und hackten ohne System Stücke aus den Tieren heraus», sagte Hart gegenüber der «Washington Post». Ein kleinwüchsiger Angestellter kroch in die toten Wasserbüffel hinein, um ihnen den Dickdarm herauszuschneiden. Die Schlachtabfälle lösten sie mit Säure auf und entsorgten die Brühe im Kabul-Fluss.

Neben dem Ausrüsungs- und Ausbildungsdefiziten bemerkte er auch kulturelle Unterschiede: Die afghanischen Soldaten haben eine Abneigung gegen gefrorenes Fleisch. Sie bevorzugen täglich angeliefertes Frischfleisch, das sie vor Ort in Dampfkochtöpfen zubereiten. Die Nato-Truppen haben zwar die Kühlräume modernisiert und tausende Plastikschachteln für den Transport von gefrorenen Fleisch angeschafft, doch diese werden kaum eingesetzt. «Wenn es zu lang gefroren bleibt, verliert das Fleisch seinen Geschmack», sagte Oberst Abdul Madschid, der Chef-Veterinär des Schlachthauses. Menschen aus ländlichen Gebieten seien mit dem Konzept gefrorenen Fleischs nicht vertraut, weil sie keine Kühlschränke haben.

Hightech-Schlachtwerkzeuge «made in USA»

Das Schlachthaus existiert seit fünfzig Jahren wurde aber während des Bürgerkriegs zu Beginn der 1990er Jahre schwer beschädigt. Die US-Armee hat inzwischen Bandsägen und Ausbeinmesser mit Plastikgriffen, Gummistiefel mit Stahlkappen und biologisch abbaubare Reinigungsprodukte anstatt der Säure geliefert. «Wir mussten praktisch wieder bei Null beginnen, die Anlage war in so schlechtem Zustand», sagte Oberst Sajed Ischak Sadaat, der Vizedirektor des Schlachthofs. «Der Berater hat uns sehr geholfen, indem er modernes Werkzeug aus den USA mitgebracht hat. Eine solche Ausrüstung hatten wir in den alten Zeiten nicht.»

Hart ist mit dem Fortschritt zufrieden. Hin und wieder muss er die Arbeiter daran erinnern, die neuen Messer zu benutzen. Und den Kopf der Ziegen nach unten zu drücken, wenn sie ihnen die Kehle durchschneiden, damit das Blut nicht in alle Richtungen spritzt. Die Einführung in die hohe Kunst des Zerlegens hat keine Priorität: «Momentan machen sie sich nicht allzu viele Gedanken über T-Bone, Porterhouse und Top Sirloin», sagt er. «Sie wollen einfach Fleisch».

Deine Meinung