US-Army spielt Irak-Krieg in Bayern nach

Aktualisiert

US-Army spielt Irak-Krieg in Bayern nach

Tikrit liegt auch in Bayern. Zumindest so lange, wie die US-Armee dort ein gigantisches Manöver durchführt. Ganze irakische Dörfer wurden nachgestellt und tausend Bayern spielen Scheichs, Aufständische und Dorfbewohner.

«Drei Hotspots auf zwei Uhr.» Nach diesen Worten herrscht Stille in dem Geländewagen, schliesslich könnten irakische Aufständische in der Nacht Schutz suchen. «Gebt einen Warnschuss ab», weist Leutnant Ryan Maravilla seine Soldaten an. Maschinengewehrfeuer dröhnt durch die Dunkelheit. «Bewegen sie sich?», fragt der Leutnant. «Negativ» kommt die Antwort. Natürlich nicht: Bei den Hotspots handelt es sich um Felsen, die Hitze speichern und in den Wärmesuchgeräten wie Menschen erscheinen. Diese wichtige Lektion habe die Soldaten aber nicht im Irak gelernt, sondern in den verschneiten Hügeln von Bayern.

Auf dem Stützpunkt von Hohenfels haben die amerikanischen Streitkräfte Dörfer mit den Namen Samarra, Beidschi und Tikrit errichtet, die den jungen Soldaten das Gefühl geben sollen, sie wären schon im Irak. Dazu wurden auch eine Moschee gebaut und die Häuser mit Flachdächern versehen. Zu den Soldaten, die in Hohenfels auf ihren Irak-Einsatz vorbereitet werden, gehören auch junge Erwachsene, die gerade ihre Grundausbildung beendet haben. Sie sollen von Veteranen wie dem 26-jährigen Maravilla lernen, was es heisst, in einem fremden Land zu kämpfen.

Im Zentrum der Patrouille von Maravilla steht das Dorf Al Dwar, das aus einigen Holzhütten und ein paar grünen Zelten der Streitkräfte besteht. Rund 1.000 Bewohner der Gegend spielen während der Übungen die irakischen Einwohner und kommunizieren nur über Dolmetscher mit den Soldaten. Allerdings sprechen sie Deutsch, nicht Arabisch. Sie stellen Polizisten dar, Bürgermeister, Scheichs, einfache Dorfbewohner und natürlich auch Aufständische. Diese können die Soldaten «töten», indem sie einen Laser abfeuern, der von den Sensoren an der Kleidung der Truppen aufgefangen wird.

Auch die Sammlung von Informationen steht auf dem Unterrichtsplan. So bringen die Planer der Streitkräfte während der zweiwöchigen Übungen Informationen in Umlauf. Dann wird bewertet, wie die Kommandeure in kritischen Situationen entscheiden, wie sie Razzien ausführen, mit Gefangenen umgehen, mit der Bevölkerung zusammenarbeiten und zivile Aufbauprojekte unterstützen.

Die Atmosphäre ist natürlich weit weniger angespannt als in einem echten Kampfgebiet. Es braucht schon Fantasie, um sich die bayerischen Schneefälle als irakische Sandstürme vorzustellen. Die Soldaten sprechen dennoch von wertvollen Erfahrungen. «Es ist wahrscheinlich so nah an der Realität wie möglich, ohne in den Irak zu gehen», sagt der 23-jährige Bobby Brown aus St. Louis. Er war bereits von Februar 2004 bis März 2005 im Irak stationiert. Die Neuen müssten oft daran erinnert werden, dass sie in erster Linie Soldaten seien, sagt Brown weiter. Ihnen müsse erklärt werde, dass sie zunächst ein Gebiet sichern müssten, bevor sie einem anderen helfen könnten.

Die Soldaten der 1. Infantriedivision wissen nicht, wann sie wieder in den Irak geschickt werden. Sie rechnen jedoch damit, dass es noch in diesem Jahr sein wird. «Das ist garantiert», sagt die 18-jährige Sanitäterin Joy Joseph. Sie hat die meiste Zeit in Hohenfels mit der Untersuchung «Gefangener» verbracht. Jetzt wisse sie, wie sie mit einem Dolmetscher kommunizieren müsse. Ausserdem habe sie von den Erfahrungen der Veteranen profitiert. «Diejenigen, die dort waren (im Irak), haben mir gesagt, dass die Männer dort keine Frau als Autoritätsperson erwarten, darum muss man deutlich machen, dass man verantwortlich ist», sagt sie.

Training gibt jungen Soldaten Sicherheit

Maravillas Patrouille im nächtlichen Bayern dauert mehrere Stunden. Plötzlich erscheint ein Kleinlaster und rast davon. Der 19-jährige Brian Hill gibt Warnschüsse ab, bis die Insassen des Kleinlasters Maschinengewehre hervorziehen und schiessen. Hill gibt daraufhin 150 Schüsse auf den Kleinlaster ab. Natürlich wird keine scharfe Munition verwendet, trotzdem sieht Hill sich nach der Übung gestärkt.

Zum ersten Mal fühle er sich besser, wenn er daran denke, in den Irak zu gehen. «Ich habe mich darauf konzentriert, worauf ich schiesse, wie viel Munition ich hatte, darauf, dass ich alles, was ich gelernt habe, auch anwende», sagt Hill. «Es gibt mir Sicherheit zu wissen, dass meine Ausrüstung funktioniert und dass ich gut ausgebildet bin.» (dapd)

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