Tabubruch: US-Atomwaffen für Südkorea?
Aktualisiert

TabubruchUS-Atomwaffen für Südkorea?

Die Eskalation im Korea-Konflikt könnte zum Bruch eines Tabus führen. Südkoreas Verteidigungsminister hat laut über die Stationierung von US-Atomwaffen nachgedacht.

von
pbl
US-Kurzstreckenraketen vom Typ «Honest John» (oben) waren einst auch in Südkorea stationiert, bestückt mit atomaren Sprengköpfen.

US-Kurzstreckenraketen vom Typ «Honest John» (oben) waren einst auch in Südkorea stationiert, bestückt mit atomaren Sprengköpfen.

Auf der koreanischen Halbinsel stehen die Zeichen wieder einmal auf Sturm. Am Wochenende wurde bekannt, dass Nordkorea eine neue Anlage zur Urananreicherung in Betrieb genommen hat. Am Dienstag dann folgte das neuste Feuergefecht im Gelben Meer, das mit dem Granatenbeschuss einer südkoreanischen Insel durch Truppen des Nordens begonnen hatte – angeblich eine Reaktion auf ein südkoreanisches Militärmanöver.

In dieser aufgeheizten Atmosphäre stehen auch Tabus zur Disposition. Bereits am Montag hatte Südkoreas Verteidigungsminister Kim Tae Young vor einer Parlamentskommission in Seoul erklärt, man werde als Reaktion auf die Atomanlage im Norden die erneute Stationierung von US-Atomwaffen «prüfen». Seit dem Koreakrieg waren die US-Truppen im Süden mit taktischen Nuklearwaffen ausgerüstet, sie wurden jedoch 1991 vom damaligen Präsidenten George Bush senior abgezogen.

Ministerium krebst zurück

Die verfeindeten «Bruderstaaten» schlossen darauf einen Nichtangriffspakt – einen Friedensvertrag gibt es jedoch bis heute nicht. Seither verfolgt Südkorea eine Doktrin der «Denuklearisierung» der Halbinsel, entsprechend sorgte die Ankündigung des Verteidigungsministers für Schlagzeilen. Prompt krebste das Ministerium am Dienstag zurück: «Wir erwägen keine Stationierung von taktischen Nuklearwaffen und es gibt auch keine Gespräche mit den USA zu diesem Thema», sagte ein Sprecher.

Das US-Verteidigungsministerium seinerseits erklärte am Montag, es gebe «keine unmittelbaren Pläne» zur erneuten Stationierung von Atomwaffen in Südkorea. Mit der neusten Eskalation könnte sich dies ändern, doch Korea-Experten warnen vor einem solchen Schritt. Er würde «die Spannungen nur weiter verschärfen», schrieb Aidan Foster-Carter von der Universität Leeds in der «Financial Times». Letztlich gebe es keine Alternative zu neuen Verhandlungen mit dem Regime in Pjöngjang.

USA und China uneins

Die USA und China sind sich allerdings uneins über die Fortführung der internationalen Atomgespräche mit Nordkorea. Während China auf eine baldige Wiederaufnahme dringt, schloss der US-Gesandte Stephen Bosworth neue Treffen aus, solange Nordkorea an einer Urananreicherungsanlage baut. Die USA betrachteten diese Entwicklung mit grosser Sorge, erklärte Bosworth am Dienstag in Tokio.

Die USA zögen neue Verhandlungen gar nicht in Betracht, solange Nordkorea aktiv Atomprogramme betreibe und die Möglichkeit eines weiteren Atombomben- oder Raketentests bestehe, sagte der Gesandte. Bosworth hält sich derzeit zu einer Sondierungsmission in der Region auf. Er äusserte sich noch vor dem nordkoreanischen Artillerieangriff auf Südkorea. (pbl/dapd)

Süden droht mit Gegenschlag

Der südkoreanische Präsident Lee Myung Bak (Bild) hat nach dem Artillerieangriff des Nordens auf die Insel Yeonpyeong mit Vergeltung gedroht. Falls Pjöngjang nochmals angreife, werde es einen «enormen Gegenschlag» geben, sagte der Präsident am Dienstag.

Südkorea hat nach eigenen Angaben kurz vor dem Beschuss der Insel aus dem Norden ein reguläres Militärmanöver vor der Westküste abgehalten. Dabei seien Dutzende Geschosse getestet worden, sagte ein südkoreanischer Militärvertreter.

Die Testgeschosse seien jedoch in Richtung Westen und nicht in Richtung Norden abgefeuert worden. Nordkorea hatte zuvor erklärt, der Süden habe mit dem Feuergefecht begonnen und dadurch eine militärische Reaktion des Nordes ausgelöst. (sda)

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