Interaktive Grafik: US-Cops haben dieses Jahr bereits 710 Bürger getötet
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Interaktive GrafikUS-Cops haben dieses Jahr bereits 710 Bürger getötet

Mangels offizieller Statistiken erfassen Zeitungen, wie oft US-Cops Menschen töten. Der «Guardian» kommt auf bedenkliche Zahlen.

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sut/ekr

Wenn amerikanische Polizisten unbewaffnete Schwarze töten, ist die Empörung gross. Die Öffentlichkeit erfährt jedoch bloss von einem Bruchteil der Todesfälle, und sie reagiert meist nur dann, wenn von dem Ereignis ein Video existiert. Wie viele Male Cops insgesamt Zivilisten töten, ist öffentlichen Datensammlungen nicht zu entnehmen.

Wie NBC News am Montag vermerkte, wissen US-Statistiker, dass jährlich 25,6 Millionen Amerikaner ein Sinfoniekonzert besuchen und 3,7 Millionen sich einer Botox-Behandlung unterziehen. Aber die Zahl der Todesfälle infolge Kontakt mit den über 12'000 Polizeikorps des Landes wird von keinem Amt in Washington vollständig erfasst.

Zählungen durch Zeitungen und Websites

Seit den landesweit bekannten Tötungen in Ferguson und anderswo wird die statistische Lücke durch Ermittlungen von Medien gefüllt. Die «Washington Post» zählte im Jahr 2015 bis Ende Mai gegen 400 Fälle von Erschiessungen durch Polizisten. Die Facebook-Seite «Killed by Police» kam auf insgesamt 720 Todesfälle. «Fatal Encounters», eine andere Website, ermittelte für das vergangene Jahrzehnt über 7300 Tote durch die Polizei.

Am ausführlichsten und interessantesten ist die ständig aktualisierte Datensammlung des britischen «Guardian». Aufgrund von Berichten lokaler Medien macht die Site ihre Daten in einer durchsuchbaren Datenbank zugänglich. Die Todesfälle lassen sich filtern nach Rasse des Opfers, nach seiner Bewaffnung und nach dem Gliedstaat, wo sie sich ereignet haben.

Anteilsmässig mehr Schwarze

Die Gesamtzahl – 710 Tote bisher dieses Jahr – entspricht in etwa jenen von anderen Datensammlern. Unter den Opfern sind 341 Weisse, 184 Schwarze und 101 Latinos. Im Verhältnis zum Bevölkerungsanteil sind jedoch die Schwarzen am stärksten betroffen: Hochgerechnet auf eine Million 4,4 wurden Afroamerikaner von der Polizei getötet. Das ist ein mehr als doppelt so hoher Anteil wie bei den Latinos (1,87 pro Million) oder den Weissen (1,72 pro Million).

32 Prozent der schwarzen Opfer unbewaffnet

Noch bemerkenswerter ist, dass laut «Guardian» die von Cops getöteten Schwarzen zu 32 Prozent unbewaffnet waren. Dieser Anteil ist wesentlich höher als bei den Latinos (25 Prozent) und den Weissen (15 Prozent). Diese Zahlen könnten bedeuten, dass die Tötungen von Afroamerikanern weniger gerechtfertigt waren als jene anderer Bevölkerungsgruppen.

Dieser Befund sei «verblüffend», sagte Steven Hawkins von Amnesty International Anfang Juni, als die Zeitung erstmals über ihre Daten berichtete. «Diese Kluft deutet auf etwas, das untersucht werden muss.»

Die meisten wurden erschossen

Auch die Todesursache ist aus den Daten ersichtlich. Nicht immer steckt Absicht dahinter, wenn ein Polizist einen Menschen tötet: So starben in diesem Jahr zwei Dutzend Menschen bei Verkehrsunfällen, in die Polizisten verwickelt waren.

Frauen sind selten Opfer

Des weiteren zeigen die Daten, dass fast 96 Prozent Personen, die durch Polizisten ums Leben kamen, männlichen Geschlechts sind.

Schwieriges Alter

Die Aufschlüsselung nach dem Alter der Opfer ist ebenfalls aufschlussreich: Die meisten waren zwischen 25 und 44 Jahre alt.

Viele Einzelschicksale

Über die Zahlen hinaus öffnet die «Guardian»-Website ein wertvolles Fenster auf all die vielen Menschenleben, die durch Polizisten ein vorzeitiges Ende fanden. Es lohnt, darin herumzuklicken.

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