Engagement in Afrika: US-Elite-Unis investieren in «Landraub»
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Engagement in AfrikaUS-Elite-Unis investieren in «Landraub»

Es sind happige Vorwürfe: Die Elite-Universitäten Harvard und Vanderbildt sollen in Hedge Fonds investieren, die in Afrika Land an sich reissen und Menschen aus ihrer Heimat vertreiben.

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ske
Die Investitionen in Land auf dem afrikanischen Kontinent haben negative Auswirkungen für Bauern: Viele von ihnen werden von ihrem Land vertrieben.

Die Investitionen in Land auf dem afrikanischen Kontinent haben negative Auswirkungen für Bauern: Viele von ihnen werden von ihrem Land vertrieben.

Laut einer aktuellen Studie des Oakland Institutes investieren mehrere US-Universitäten in Hedge Fonds, die in afrikanischen Staaten «Landraub» verüben. Dadurch, dass grosse Gebiete des fruchtbaren Landes von mächtigen Investoren gepachtet würden, werden tausende Menschen dazu gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Gleichzeitig würden nur wenige der versprochenen Arbeitsplätze geschaffen und auch von wirtschaftlicher Entwicklung sei nichts zu spüren. Vielmehr würden so Umwelt- und soziale Probleme geschaffen. Zudem werde auch das globale Nahrungssystem gestört.

Tatsächlich nehmen ausländische Agrar-Investitionen deutlich zu. Die «NZZ» gibt an, dass die Landnahmen 2008 erst vier Millionen Hektar betragen hätten, 2009 seien diese bereits auf 50 Millionen Hektar angestiegen. 70 Prozent der Landabnahme wird in Afrika getätigt. Forschungen der Weltbank hätten gezeigt, dass in den vergangenen drei Jahren nahezu 60 Millionen Hektar Land – das entspricht der Grösse Frankreichs – gekauft oder an ausländische Firmen verpachtet wurden.

Bislang war vor allem Firmen aus China und dem Mittleren Osten vorgeworfen worden, in Entwicklungsländern grosse Landstücke an sich zu reissen, um Nahrungsmittel für die eigene Bevölkerung anzubauen. Laut dem aktuellen Forschungsbericht stehen aber auch sehr viele westliche Fonds hinter den grössten Geschäften, die abgeschlossen werden.

Landraub durch Universitäten

Im Oakland-Bericht heisst es, Universitäten wie Harvard, Vanderbildt und weitere US-Colleges hätten mit ihren Stiftungsfonds in den vergangenen Jahren grosse Investitionen in afrikanischen Ländern getätigt. Das Geld sei zu einem grossen Teil durch die in Anlagenberatung tätige Firma Emergent kanalisiert worden, welche den grössten Landbeschaffungs-Fonds in Afrika leitet und von früheren Währungshändlern von JP Morgan und Goldman Sachs geführt werde, schreibt die britische Zeitung «The Guardian». US-Kunden von Emergent sollen bereits 500 Millionen Dollar in fruchtbares Land investiert haben, in der Erwartung, 25 Prozent Rendite zu machen.

Emergent entgegnet dem Vorwurf des Landraubs, die Geschäfte würden verantwortungsvoll abgeschlossen. «Ja, universitäre Stiftungsfonds und Altersversorgungen sind Langzeit-Investoren», zitiert «The Guardian» einen Sprecher. «Wir investieren in die afrikanische Landwirtschaft, starten Geschäfte und stellen Menschen ein. Wir tun das auf eine verantwortliche Art und Weise ... Die Erträge sind gross. Sie können hunderte von Millionen Dollar betragen. Das ist kein Landraub. Wir wollen das Land wertvoller machen.»

Die Firma, welche den Investmentfonds von Harvard führt, wollte sich gegenüber dem «Guardian» zu dem Thema nicht äussern. «Es gehört zur Firmenpolitik von Harvard, Investitionen oder Investitionsstrategien nicht zu diskutieren und deshalb kann ich diesen Bericht nicht bestätigen», so ein Sprecher. Auch die Universität Vanderbilt wollte das Thema nicht kommentieren.

Landnahme schafft keine Arbeitsplätze

Laut dem Oakland Institut würden Investoren die Vorteile überbewerten, die durch die Geschäfte für die afrikanischen Gemeinden entstehen. «Wenn man die Verträge analysiert, wird klar, dass viele der Abschlüsse nur wenige Arbeitsplätze schaffen und gleichzeitig tausende Menschen vom Land vertrieben werden», sagte die Direktorin von Oakland, Anuradha Mittal. In Tansania zum Beispiel habe die Regierung mit der Landwirtschaftsentwicklungsfirma AgriSol Energy, die mit der Iowa Universität zusammenarbeite, vereinbart, dass 162 000 Flüchtlinge, die in Katumba und Mishamo leben, von dort verschwinden müssen, damit das 700 Millionen Dollar-Projekt starten könne. Dies, obwohl die Menschen dort das Land seit vierzig Jahren bewirtschaften.

In Äthiopien verfrachtet die Regierung Zehntausende von Menschen von ihrem traditionellen Land in neue Dörfer, um das frei gewordene Land an internationale Firmen verpachten zu können. In Moçambique, wo sieben Millionen Hektar-Land verfügbar sind, sollen westliche Hedge Fonds mit südafrikanischen Firmen zusammenarbeiten, um grosse Gebiete Wald und Farmland für Investoren aus Europa und den USA zu kaufen. Arbeitsplätze würden auch hier praktisch keine geschaffen.

Dieser Kritikpunkt sei fragwürdig, schreibt die «NZZ». Bislang seien erst 21 Prozent der untersuchten Verträge auch umgesetzt worden. Die Genfer Firma Addax Bioenergy, die mit Sierra Leone einen Vertrag für den Anbau von 10 000 Hektar Zuckerrohr für die Herstellung von Ethanol abgeschlossen hat, sei ein Beispiel dafür, dass die Vorwürfe zu relativieren seien. Laut Oakland Institute seien statt der versprochenen 3000 Arbeitsplätze bloss 200 geschaffen worden. Addax Bioenergy liess in einer Stellungnahme aber verlauten, dass mittlerweile 650 Stellen geschaffen worden seien. Ausserdem sei der Durchschnittslohn doppelt so hoch wie der gängige Mindestlohn.

Geld fliesst in die Tasche korrupter Führer

Obang Metho vom Solidarity Movement for New Ethiopia glaubt laut «The Guardian» aber nicht daran, dass die ausländischen Investitionen vor Ort sinnvoll seien: «Niemand sollte davon ausgehen, dass diese Investoren hungernden Menschen etwas bringen, dass Arbeitsplätze geschaffen oder die Nahrungsmittelsicherheit verbessert wird.» Die Abkommen würden den Menschen vor Ort keinen Fortschritt bringen und das Geld fliesse in die Taschen korrupter Führer und ausländischer Investoren. Und auch Anuradha Mittal vom Oakland Institut ist schockiert über die vielen Geschäfte über Land, die abgeschlossen würden: «Die Neugestaltung von afrikanischen Wäldern und Landwirtschaft könnte die Nahrungsmittelpreise in die Höhe treiben und die Risiken des Klimawandels steigern.»

«Es gibt Fälle, wo Spekulanten das Agrarland übernehmen und Bauern ohne Kompensationszahlungen in Elendsviertel abgeschoben werden», sagt Frederic Mousseau, der Policy-Direktor bei Oakland. Das schaffe im globalen Nahrungssystem Unsicherheiten. Mehr als eine Milliarde Menschen auf der ganzen Welt leben mit Hunger. Die Ärmsten seien von ihren kleinen Bauernhöfen abhängig, die ihnen aber immer häufiger von Spekulanten weggenommen würden, die Fortschritt versprechen, der nie eintreffen werde. «Das könnte für die globale Sicherheit eine grössere Bedrohung sein als der Terrorismus.»

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